Leben ohne Grenzen

Überall Ablenkung, nirgends Orientierung. Eine Diagnose der Gegenwart.

Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Das Leben ist aus einst gott- oder gesellschaftsgesetzten Umständen «befreit». Zwänge, wie sie früher bestanden, haben sich aufgelöst und uns in die alleinige Verantwortung für unser Leben geworfen.

Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Das Leben ist aus einst gott- oder gesellschaftsgesetzten Umständen «befreit». Zwänge, wie sie früher bestanden, haben sich aufgelöst und uns in die alleinige Verantwortung für unser Leben geworfen. Bild: Keystone

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Wo stehen wir? Das ist in unseren Tagen schwer zu definieren. Schon 1985 hatte Jürgen Habermas von der «neuen Unübersichtlichkeit» geschrieben. 2017 konstatiert der Münchner Soziologe Ulrich Beck in seinem nachgelassenen Werk «Metamorphose der Welt» unser generelles Unverständnis gegenüber der radikal verwandelten Wirklichkeit. Die traditionellen Begriffe reichten nicht mehr aus, um die soziale Welt zu verstehen. Schaut man sich in der sozialwissenschaftlichen Literatur der Gegenwart um, gibt es dazu kaum Widerspruch. Auf nichts scheint mehr Verlass. Der Verlust alter Selbstverständlichkeiten ist allgegenwärtig. Uns fehlt die Orientierung, ein Kategoriensystem dazu, die Hermeneutik.

Das ist auch die Diagnose von Zygmunt Bauman, der vor Kurzem – 92-jährig – in seiner Wahlheimat Leeds verstorben ist. Der polnisch-englische Soziologe gilt als einer der wichtigsten Kulturkritiker unserer Epoche und war einer der wenigen universal gebildeten Sozialwissenschaftler. Der Untertitel des Buches, in dem Baumans Aufsatz versammelt ist, knüpft – ohne es allerdings zu erwähnen – an den grossartigen Essay an, den Karl Jaspers 1931 unter dem Titel «Die geistige Situation der Zeit» verfasst hat.

Nostalgie statt Utopie

Der Schlüsselbegriff des Bandes heisst: Regression. Damit meinen die Autoren objektive Entwicklungen wie die Finanzkrise, die Flüchtlingskatastrophe, den desolaten Zustand der Europäischen Union oder den Wiederaufstieg des Nationalismus und subjektive Reaktionen darauf wie «eine Verrohung des öffentlichen Diskurses», «wachsendes Misstrauen gegenüber den etablierten Medien und eine Verbreitung fremdenfeindlicher Einstellungen, die an dunkle Zeiten gemahnt». Eine allgemeine Verunsicherung greift nicht nur um sich, sondern beherrscht zunehmend Alltag und Diskurs. Bauman präzisiert: «Wir haben heute das Gefühl, dass alle Hilfsmittel und Kunstgriffe zur Bekämpfung von Krisen und Gefahren, die wir bis vor kurzer Zeit noch für wirksam oder gar narrensicher hielten, ihr Verfallsdatum erreicht beziehungsweise überschritten haben. Und uns schwebt kaum noch etwas oder eigentlich gar nichts mehr vor, das an ihre Stelle treten könnte.

Die Hoffnung, den Lauf der Geschichte unter die Vormundschaft des Menschen stellen zu können, ist mitsamt den sich aus ihr ergebenden Bestrebungen so gut wie verschwunden.» Also eine allgemeine geistige Müdigkeit, keine Fantasie mehr, sich Lösungen vorzustellen, eine Gesellschaft ohne Utopie, geistige Lethargie, stattdessen fleissige Ablenkung, um sich den entscheidenden Fragen nicht stellen zu müssen.

Vergangenheit ist wieder «in»; Nostalgie statt Utopie. Das ist die These von Zygmunt Baumans Essay «Retrotopia». Es ist sein letztes Buch und damit sein Vermächtnis. «Fünfhundert Jahre nachdem Thomas Morus dem jahrtausendealten Menschheitstraum von der Rückkehr ins Paradies (…) den Namen ‹Utopia› gegeben hat», sei von visionärem Denken im positiven Sinne wenig übrig geblieben. Vielmehr dominiere das Rückwärtsgewandte, das Bauman im Begriff der «Retrotopia» fasst. Damit meint er «Visionen, die sich anders als ihre Vorläufer nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb inexistenten Zukunft speisen, sondern aus der verlorenen/geraubten/verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit».

Das hat Folgen: Wenn utopisches Denken fehlt, verlieren wir die Richtschnur, an der wir Wirklichkeit messen können, ihre Qualität oder ihre Nichtigkeit. «Offensichtlich – und daher zum erheblichen Schaden unseres Selbstvertrauens, Selbstbewusstseins und Stolzes – sind wir nicht diejenigen, die die Gegenwart bestimmen, aus der die Zukunft hervorgehen wird – und haben deshalb erst recht wenig bis gar keine Hoffnung, diese Zukunft in irgendeiner Weise kontrollieren zu können. (...) Welche Erleichterung ist es da, aus dieser undurchschaubaren, unergründlichen, unfreundlichen, entfremdeten und entfremdenden Welt voller Falltüren und Hinterhalte in die vertraute, gemütliche und heimatliche (…) Welt von gestern zurückzukehren.» Die gesellschaftlichen Gründe für den Verlust des Utopischen sind – schematisch benannt: Der Staat hat in der globalisierten Welt seine Prägungs- und Sanktionskraft verloren. So lässt auch die verpflichtende Kraft von Bindungen und Normen nach. Das fördert eine Zunahme der Gewalt und einen roheren Umgang im Zwischenmenschlichen. Einfluss basiert zunehmend auf Gruppenidentität; statt kollektiver Interessen herrschen individualisierte. Die Kleinlobbys agieren aber so, als repräsentierten sie die Gesamtgesellschaft. Obwohl sie die Meinungsfreiheit Andersdenkender einschränken, berufen sie sich perverserweise für ihre Egoismen auf die Menschenrechte.

Das ist auch eine Kritik an der Identitätspolitik der vergangenen Jahre, wie sie heute zeitgenössische Philosophen formulieren – etwa der New Yorker Mark Lilla («The Once and Future Liberal. After Identity Politics»). Bauman erklärt: «Debatten in Glaubensfragen zielen nicht auf Konsens, sondern darauf, die Gegenseite als unheilbar taub und blind für die ‹Tatsachen› und von bösartigen Absichten getrieben hinzustellen. Die Zuschreibung übler Absichten macht den Beweis der eigenen Aufrichtigkeit überflüssig.» Diese autistische Haltung führt ins Verderben.

Die absolute Indifferenz

Der Ausweg – durchaus pathetisch formuliert, und das mit viel Recht: «Entweder wir reichen einander die Hände oder wir schaufeln einander Gräber.» Dieser dringliche Appell ist wohl nötig: In den vergangenen Jahrzehnten haben sich menschliche Wirklichkeiten in einem dramatischen Masse verändert.

Bereits in den 1950er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts diagnostizierte Albert Schweitzer in seiner Schrift «Der heutige Mensch»: «Es hat sich eine Mentalität der Gesellschaft herausgebildet, die die einzelnen von der Humanität abbringt. Die Höflichkeit des natürlichen Empfindens schwindet. An ihre Stelle tritt das (…) Benehmen der absoluten Indifferenz.» Kurz: Ich-gesteuert statt innen-geleitet. «Innen-geleitet» hatte immer auch den anderen Menschen mitgedacht, sein Daseinsrecht, seine Bedürfnisse und berechtigten Erwartungen. «Ich-gesteuert» hingegen ist rein eigennütziges Kalkül.

Diese Veränderung ist nicht einfach vom Himmel gefallen; an ihr ist eine gesellschaftliche Dynamik beteiligt, die soziologisch im Begriff der «Individualisierung» erfasst wird. Damit gemeint ist, dass das Leben von Frauen und Männern aus einst gott- oder gesellschaftsgesetzten Umständen «befreit» ist. Zwänge, wie sie früher bestanden, haben sich aufgelöst und uns in die alleinige Verantwortung für unser Leben geworfen. Damit können wir unsere Lebensentscheidungen selber treffen; wir müssen es aber auch.

Gekettet an das ewige Gestern

«Alles ist möglich» ist der Slogan der Epoche. Aber ist denn wirklich alles möglich? Und: Tut uns das gut? Grenzen haben ihre Bedeutung für uns Menschen. Das gilt nicht nur in einem vergleichsweise banalen Sinne in der Politik, sondern auch in einem ganz tiefen anthropologischen Verständnis. Grenzen sind unverzichtbar für unsere Identitätsfindung. Alles ist niemals lebbar, nur die sinnvoll getroffene Auswahl ist es. Dabei hilft nicht zuletzt das Empfinden der Scham. Ohne Beschränkung verliert sich der Mensch. Grenzen bedeuten Sicherheit, Schutz und Orientierung. Fallen sie, drohen Desorientierung, Unsicherheit und Labilität.

Der grosse deutsche Philosoph Ernst Bloch hat sein dreibändiges Hauptwerk einst mit dem Titel versehen: «Das Prinzip Hoffnung». Was inzwischen zu einem geflügelten und etwas abgegriffenen Wort geworden ist, meint Fundamentales: Hoffnung strukturiert unser Leben und hält es aufrecht. Wer die Hoffnung verliert – so weiss die Suizidforschung – bringt sich um. Hoffnung beantwortet die lebenswichtigen Fragen: Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Das gilt in einem allgemeineren Sinne auch für die Gesellschaft als Ganzes.

Diese soziale Gesetzlichkeit hat der amerikanische Soziologie Lewis Coser einst so formuliert: «Eine Gruppe und ein System, die nicht mehr herausgefordert werden, sind nicht mehr zur schöpferischen Reaktion fähig. Sie können weiterexistieren, gekettet an das ewige Gestern der Präzedenzien und Traditionen, aber sie können sich nicht mehr erneuern.»

Dazu liefert die deutsche Politik seit den letzten Wahlen das banale Beispiel; auf uns bezogen wäre es die «Helvetosklerose», wie es der erst kürzlich verstorbene Basler Philosoph Hans Saner genannt hat.

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für Soziologie und war Gutachter des Europarates für soziale Fragen. Er lebt in Basel.

Zygmunt Bauman: Symptome auf der Suche nach ihrem Namen und Ursprung. In: Heinrich Geiselberger (Hg.), Die grosse Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit. Suhrkamp (2017).

Zygmunt Bauman: Retrotopia. Suhrkamp (2017).

Zygmunt Bauman: Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit. Hamburger Edition (2008). (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.01.2018, 15:22 Uhr

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