Leerformeln und Hetzparolen

Die Existenzsorgen der Printmedien muss man ernst nehmen. Absurde historische Vergleiche und masslose Polemik können dabei jedoch eine stimmige Argumentation nicht ersetzen.

Der deutsche Verleger Matthias Döpfner verglich ARD und ZDF mit den gleichgeschalteten nordkoreanischen Medien.

Der deutsche Verleger Matthias Döpfner verglich ARD und ZDF mit den gleichgeschalteten nordkoreanischen Medien. Bild: Keystone

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Eine Woche vor Weihnachten hat Alex Reichmuth Spott und Häme über Politikerinnen und Politiker ausgegossen, die sich als Ersatz für stichhaltige Argumente in «pompös klingende Worthülsen» flüchten würden. Dazu zählt er in seinem «Jahresrückblick» Begriffe wie Volkswillen, Zusammenhalt oder humanitäre Tradition. Angeprangert werden Sünder aus allen ideologischen Himmelsrichtungen.

Phrasendrescher und Dumpfbacken tummeln sich aber weiss Gott nicht nur in politischen Biotopen. Mit einem bescheidenen Aufwand an Recherche oder einfach nur mit einem guten Gedächtnis liessen sich zahllose Beispiele von Leerformeln und Hetzparolen auch aus dem Dunstkreis von Journalistinnen und Journalisten nachweisen. Vielleicht folgt die selbstkritische Hitliste dieser Berufsgruppe dann Ende 2018.

Von beiden Herren wären eigentlich gründlichere Kenntnisse der deutschen Geschichte zu erwarten gewesen.

In die unterste Schublade gehören sicher Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ, mit seiner Bezeichnung «Staatssender» für die SRG oder der deutsche Verleger Matthias Döpfner mit seinem Vergleich vom «Staatsfunk» ARD und ZDF mit den gleichgeschalteten nordkoreanischen Medien. Von beiden Herren, immerhin einem ehemaligen Deutschland-Korrespondenten und dem Springer-Boss, wären eigentlich gründlichere Kenntnisse der deutschen Geschichte zu erwarten gewesen.

Bereits Anfang 1933 wurde das neue «Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda» geschaffen und Joseph Goebbels als Leiter eingesetzt. Das Ministerium ist nach Hitlers Willen «zuständig für alle Aufgaben der geistigen Einwirkung auf die Nation». Zentrales Anliegen der nationalsozialistischen Rundfunkpolitik war es, den Reichssender («Staatssender», würde Herr Gujer sagen) zum wichtigsten Propagandainstrument auszubauen. «Die Fantasie muss alle Mittel und Methoden in Anspruch nehmen», erläuterte Goebbels, «um die neue Gesinnung modern, aktuell und interessant den breiten Massen zu bringen, interessant und lehrreich, aber nicht belehrend». Damit begann, wie der Reichssendeleiter erklärte, eine fantastische Welle politischer Beeinflussung, Agitation und Propaganda. Ein Volk, ein Reich, ein Rundfunk. Wie bei der SRG?

Hintergrund der Debatte ist der Kampf zwischen den Zeitungsverlagen und den Fernsehanstalten um den schrumpfenden Werbekuchen.

Ebenso abwegig ist die Bezeichnung «Staatsfunk» für die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland. Die ARD-Vorsitzende Karola Wille kennt den Staatsfunk der DDR noch aus eigener Erfahrung: Personell, strukturell, finanziell und inhaltlich funktionierten die Medien nach einem Mechanismus, der dafür Sorge trug, dass man aus den Medien nur das erhielt, was mit einer Staats- oder Parteilinie konform war, alles andere wurde ausgeblendet.

Der Rundfunk («Staatsfunk», würde Herr Döpfner sagen) war dem Zentralkomitee der SED unterstellt. Die «Abteilung Agitation und Propaganda» hatte die vollständige Kontrollmacht über zentrale Sender und lokale Studios. Rundfunk in der DDR war von Beginn an Staatsfunk im Dienste der Partei. Die Bürger sollten mit einseitiger Information, propagandistischer Darstellung und Kommentierung zu «überzeugten sozialistischen Persönlichkeiten» geformt werden. Wie bei ARD und ZDF?

Hintergrund der Debatte ist der Kampf zwischen den Zeitungsverlagen und den Fernsehanstalten um den schrumpfenden Werbekuchen. Die Existenzsorgen der Printmedien muss man sehr ernst nehmen. Absurde historische Vergleiche und masslose Polemik können dabei jedoch eine stimmige Argumentation nicht ersetzen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.12.2017, 13:01 Uhr

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