Männerbewegung – wohin?

Eine Folge der feindseligen Haltung gegenüber dem Mann ist die zunehmende Orientierungslosigkeit von Jungen und jungen Männern. Der Versuch einer Bestandsaufnahme.

Mädchenfreundliches Umfeld. Schon in der Schule wird versucht, typisch männliche Eigenschaften «auszumerzen». Wenn die Buben dagegen rebellieren, werden sie bestraft.

Mädchenfreundliches Umfeld. Schon in der Schule wird versucht, typisch männliche Eigenschaften «auszumerzen». Wenn die Buben dagegen rebellieren, werden sie bestraft. Bild: Keystone

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Beginnen wir mit etwas Symptomatischem: Am 19. November war der «Internationale Männertag». In den grossen Medien gab es dazu nichts, gar nichts. Am «Internationalen Frauentag» im März ist das jeweils gänzlich anders. Dieses Ungleichverhältnis mag Anlass sein, sich einmal der Frage zu widmen, was dieser Tag – zum ersten Mal ausgerufen 1999 und gefördert von der UNO – inzwischen gebracht hat. Wie ist es um die Männer und deren Bewegung beschaffen?

Unter dem Begriff «Männerbewegung» versteht man seit zirka 50 Jahren ein soziales Gebilde, das sich der Probleme von Jungen und Männern annimmt und für deren Veränderung eintritt. Die Männerbewegung ist historisch die Antwort auf die Frauenbewegung. Da die Frauen in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts gegen ihre unterprivilegierte Stellung in der Gesellschaft rebellierten, hielt es die damalige Männerbewegung für geboten, sich mit den Frauen zu solidarisieren und ihren Kampf zu unterstützen. Der prominente englische Männerforscher Jeff Hearn verlangte ausdrücklich, dass eine Männerbewegung pro-feministisch zu sein habe; für die Veränderung der traditionellen Männerrolle einzutreten, war kein Thema.

Lila Pudel gegen rechte Ecke

Diese Einseitigkeit hatte Folgen. Was zunächst in den USA geschah, fand ihre Wiederholung in unseren Breitengraden: die Versäumnisse der pro-feministischen Männerbewegung wurden von den sogenannten Männerrechtlern aufgegriffen, die sich vor allem der Diskriminierungen von Männern im Scheidungs- und Sorgerecht annahmen. Zusätzlich entwickelte sich eine emanzipatorische Männerbewegung (geprägt von Herb Goldberg und später Robert Bly), der es um eine Befreiung aus der traditionellen Männer-Rolle von Härte, Kampf, Wettbewerb und Pokerface ging.

Eine sachliche Auseinandersetzung zwischen den «Lagern»ist bisher nicht erfolgt. Die Männerrechtler werten pro-feministische und häufig auch emanzipatorische Männer als «lila Pudel»; die pro-feministischen Männer schieben die Männerrechtler in die «rechte Ecke», wie das etwa die Journalisten Thomas Gesterkamp oder Julian Dörr tun, und im Hochschulbereich Rolf Pohl, Hinrich Rosenbrock oder Toni Tholen.

Wichtig wäre es indessen, die Dinge etwas genauer zu betrachten und vor allem selbstkritischer: Das männliche A-priori-Engagement für den Feminismus bewirkt, dass die Prämissen, Ergebnisse, Dogmen und Forderungen der Frauenbewegung vorbehaltlos übernommen werden. Die Konsequenz davon ist, dass die Lebensbedingungen und die Bedürfnisse von Männern gar nicht erst zur Kenntnis genommen, geschweige denn empirisch überprüft werden. Geradezu erschreckend ist dabei die völlige Empathielosigkeit gegenüber dem eigenen Geschlecht. Es fehlt die grundlegende Selbstakzeptanz, sich erst einmal als Mann anzunehmen und darüber den nötigen Respekt für das eigene Geschlecht aufzubringen.

Frauen schreiben das Drehbuch

Auch im deutschsprachigen Raum versuchen Männer, ihr feministisches Soll zu erfüllen. Der Rowohlt-Verlag gab eine Reihe «Mann» heraus, deren Editorial mit folgendem Paukenschlag begann: «Der Mann ist sozial und sexuell ein Idiot.» In Anlehnung an seinen amerikanischen Kollegen John Stoltenberg, der ein Buch geschrieben hat mit dem Titel, dass er «sich weigert, ein Mann zu sein», forderte Volker Elis Pilgrim den «Untergang des Mannes». Sich selber hat Pilgrim – gemäss eigener Aussage – nur vor dem Ende gerettet, indem er sich «den Frauen gewidmet» hat. Er hat von ihnen gelernt, «was ich gemeinhin als Mann in dieser Gesellschaft nicht habe, was für mich aber einen hohen Wert für die Ausbildung zum Menschen bedeutet». Auch das feministische Verständnis von Männergewalt wird ungeprüft übernommen.

Manchmal scheint es, als stünden solche Männer unter dem inneren Druck, das feministische Soll mit eigener, männlicher Selbstverleugnung noch übertreffen zu wollen. Nun ist Selbstkritik eine Sache; in der Tat ist es überaus wichtig, dass Männer endlich in der Geschichte ihrer eigenen Männlichkeit prüfend, forschend und vergleichend entgegentreten; aber die andere Sache ist die der Misandrie, wenn Männer das eigene Geschlecht niedermachen, ankreiden und geisseln.

Stigmata eines pathologischen Verhalten

Dass Männer als Männer eigene Bedürfnisse und Interessen haben (könnten), kommt pro-feministischen Wortführern erst gar nicht in den Sinn. Der irische Psychiater Anthony Clare merkt an, dass heute «der Zustand der Männlichkeit von verschiedenen Kommentatoren des Zeitgeschehens als eine Art Abweichung, ja als pathologisch beschrieben» wird. «Dieselben Eigenschaften, die einen Mann ehemals zu einem richtigen Mann gemacht haben – logisch, diszipliniert, kontrolliert, rational, aggressiv –, werden jetzt als Stigmata unerwünschten und potenziell pathologischen Verhaltens gesehen.»

Nehmen solche Zuschreibungen grundsätzlichen Charakter an, wie sie das heute tun, ist das ein Angriff auf die männliche Identität und befördert Verhaltensunsicherheit, Orientierungslosigkeit und in schlimmerer Auswirkung Depression und Suizid. Insofern ist es überaus fahrlässig, wenn etwa Thomas Gesterkamp die zunehmende Misandrie in der Gesellschaft als «Verschwörungstheorie» von Männeraktivisten abtut. Blendet die pro-feministische Männerbewegung diese Männer-Realität weiter aus, kann es nicht verwundern, wenn zum Teil auch fanatische Männerrechtler starken Zulauf erhalten.

Widersprüchliche Rollenerwartungen

Eine Folge der Misandrie ist die zunehmende Orientierungslosigkeit von Jungen und jungen Männern. Eine Sinus-Studie über die Lebensentwürfe von 20-Jährigen – im Auftrag der deutschen Bundesregierung erstellt – zeigt bei den jungen Männern, anders als bei jungen Frauen, ein «deutliches Leiden an der Komplexität, Unübersichtlichkeit und Dynamik der Gesellschaft». Die Rollenerwartungen an die Männlichkeit sind für diese jungen Männer widersprüchlich und ambivalent, auf jeden Fall nicht mehr klar. «Männer heute befürchten, dass in Wahrheit die Frauen die wichtigen Entscheidungen fällen und sie, die Männer, gar nicht mehr brauchen.» Sie erkennen, dass Frauen sich positiv verändert haben, dass politisch und ökonomisch viel für Frauen getan wird, und sie respektieren das auch im Grossen und Ganzen. Diese Veränderung hatte «aber keine positiven Aspekte für Männer. Im Gegenteil: Männer sind heute nicht mehr nur in Bezug auf Berufswahl und Arbeitsmarkt verunsichert, sondern auch im Privaten haben sie alle Sicherheit verloren.» Sie erkennen sich als vernachlässigt, zurückgedrängt, nicht mehr ernst genommen. «Die Männer leiden in ihrer subjektiven Befindlichkeit und fühlen sich in der Defensive: Die Frauen schreiben das Drehbuch.»

Dass dies und anderes – wie zum Beispiel die zunehmende und signifikant höhere Arbeitslosigkeit von Männern im Vergleich zu Frauen – klare Indikatoren einer gegenwärtigen Krise von Männlichkeit sind, wird nicht nur von den bekanntesten und lautesten Theoretikern wie Connell oder Kimmel bestritten, sondern auch im deutschsprachigen Raum eifrig wiederholt. Michael Meuser oder Michael Cremers von «Dissens» bewerten das «Krisengerede» als hinterlistigen Versuch der Männerwelt ihre Privilegien zu bewahren.

Angesichts der Vielfalt krisenhafter Symptome schlägt die antisexistische Männerbewegung allen Ernstes «eine Strategie der praktischen Dekonstruktion von Geschlecht» vor. Dahinter steht die Ideologie, jungenhaftes Verhalten zu diskreditieren und Jungen ein Verhalten, das gesellschaftlich als mädchenhaft etikettiert ist, zu empfehlen. Dekonstruktion und Dissens sind im Übrigen – wie alle Rezepte, die von einer Negation ausgehen – wenig attraktiv – zumal dann nicht, wenn als ausdrücklicher Gegenentwurf Jungen und Männer «nur» weibliche Eigenschaften und Tugenden angepriesen werden.

Das aber passt zu einer inzwischen Jahrzehnte alten Politik, Eigenschaften von Jungen «auszumerzen», wie es einmal eine Frauenministerin formuliert hat. Vor einiger Zeit stand in einer grossen deutschen Sonntagszeitung die Klage einer Berliner Mutter über die Schulerfahrungen ihres sechsjährigen Sohnes. Unter anderem wurde da beschrieben, dass die Buben «im Fach Deutsch Bienengeschichten lesen mussten, im Kunstunterricht Schmetterlinge malen und beim Sport Schleiertänze aufführen». Da die Jungen dann ihren Unmut im Unterricht kundtaten, seien sie ständig vor der Tür oder im Sozialraum gelandet respektive mit Schulverweisen nach Hause gekommen.

Orientierungslos in den Trümmern

Dazu passt, was mir vor Kurzem in einer Fortbildung ein Basler Lehrer erzählt hat. Die Rektorin, die seiner Schule neu vorsteht, hat als eine ihrer ersten Massnahmen den Pausenhof umgestaltet. Der Bereich, der bisher Buben zum Fussballspielen und Toben zur Verfügung stand, wurde in eine «Kommunikationsfläche» umgewandelt, weil Reden für Jungen angeblich «gesünder» sei als Toben.

Connell dekretiert dazu: «Die Dekonstruktion des sozialen Geschlechts bezieht sich nicht nur auf die gesellschaftliche Ebene oder auf Institutionen, sondern auch auf die körperliche Ebene, das erwählte Terrain der Hüter des Patriarchats.» Das bedeutet im Klartext, dass die bis anhin gültigen Vorstellungen und Realitäten von Männlichkeit demontiert werden müssen. Nun sind sie das ja schon sowieso, und diesen Prozess auf nur destruktive Art noch zu intensivieren, ist schon konkrete Unmenschlichkeit abstrakter Wissenschaft. Wenn man traditionelle Männlichkeit verändern will, was ja auch den Männern selber längerfristig zugute käme, darf man sie nicht einfach zerstören und die Männer orientierungslos in den Trümmern zurücklassen, sondern man muss Hilfen, neue Orientierungen und andere Lebensziele anbieten.

Die Gefahr ist eminent

Paradoxerweise geschieht dies nun auf Seiten bestimmter Feministinnen wie zum Beispiel Elisabeth Badinter und Christiane Olivier in Frankreich oder Christina Hoff Sommers, Susan Faludi und Betty Friedan in den USA. Susan Faludi weist auf die grundsätzliche Widersprüchlichkeit hin, dass Männer in den vergangenen Jahren ermutigt wurden, neue Lebensformen zu erkunden wie zum Beispiel fürsorgliche Väter und/oder zärtliche und geschlechterdemokratische Partner zu sein; aber die objektiven Lebensverhältnisse seien von den politischen Entscheidungsinstanzen nicht so arrangiert worden, dass die Männer diese Entwürfe auch hätten umsetzen können.

Das eben war nie das erklärte Ziel der «antisexistischen» Männerbewegung. Erschütternd ist in diesem Zusammenhang, wenn derart destruktive Lösungen wie Dissens oder Dekonstruktion angeboten werden, ohne sich der eminenten Gefahr bewusst zu sein, dass, wenn man das gesamte männliche Geschlecht entfestigt, dabei leichtfertig auch die ganze Gesellschaft in Schieflage versetzt wird.

Es muss noch weiter gedacht werden: Ein zureichendes Männerbild, an dem man sich orientieren und ausrichten kann, bietet Sicherheit und damit auch Zukunft. Ein in sich brüchiges oder gar zerbrochenes Männerbild – auch noch willentlich herbeigeführt – ist gleichbedeutend mit Zukunftslosigkeit und provoziert dann erst jene männlichen Exzesse, die man angeblich abschaffen will. Identität kann von ihren männlichen Trägern nur aufrechterhalten werden in der Gewissheit, dass es für sie auch eine sinnvolle Zukunft gibt. Dazu braucht es aber Wegweiser und Entwürfe, bei denen Jungen und Männer sich auch wiederfinden können.

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für Soziologie und Geschlechterforschung und Gutachter des Europarats für soziale Fragen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.12.2018, 11:08 Uhr

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