Mörder können nicht therapiert werden

Schwerstkriminelle stossen bei forensischen Gutachtern allzu oft auf Verständnis – mit dramatischen Folgen.

Auf freiem Fuss. Dieter Degowski, Geiselnehmer aus Gladbeck (Bild: am 18.8.1988 mit der später getöteten Geisel Silke Bischoff), lebt heute mit neuem Namen irgendwo in Deutschland.

Auf freiem Fuss. Dieter Degowski, Geiselnehmer aus Gladbeck (Bild: am 18.8.1988 mit der später getöteten Geisel Silke Bischoff), lebt heute mit neuem Namen irgendwo in Deutschland. Bild: Keystone

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Sie heissen Carla, Dion, Davin und Simona – und sie sind tot. Ihr Mörder Thomas N. hat ihnen alles genommen, was sie hatten und alles, was sie jemals hätten haben können. Die Todesstrafe ist seit Einführung des Schweizerischen Strafgesetzbuches, das am 1. Januar 1942 in Kraft trat, und seit Inkrafttreten der neuen Bundesverfassung am 1. Januar 2000 mit dem Hinweis auf das «Recht auf Leben» jedes Menschen auch verfassungsrechtlich verboten.

Darum darf Thomas N., der vier Menschen ihr «Recht auf Leben» auf brutalste Weise entrissen hat, nicht nur weiterleben; auf Kosten der Allgemeinheit hat der Vierfachmörder N. zudem die Möglichkeit, in luxuriösen Einrichtungen, in denen den Häftlingen Sport, Kino, Literatur, Internet und sonstige Annehmlichkeiten wie «Integrations-Yoga» zur freien Verfügung stehen, ein Studium seiner Wahl zu absolvieren. Ausserdem kommt er in den Genuss einer langjährigen «ambulanten Therapie».

Es sind Massnahmen, welche die Hinterbliebenen der Opfer mit ihren Steuern gezwungenermassen mitfinanzieren müssen. Eine rechtsstaatliche Perversion ohnegleichen.

«An der Nase herumgeführt»

Für die Heim-, Betreuungs- und Krankenkosten von alten oder auch jungen, physisch oder psychisch kranken Angehörigen schmelzen mitunter ganze Familienvermögen in kürzester Zeit dahin. Erst wenn sämtliche Ersparnisse aufgebraucht sind, erbarmt sich der Staat seiner unbescholtenen Bürgerinnen und Bürger, die nach einem produktiven Leben für die Allgemeinheit und als Dank dafür, nie straffällig geworden zu sein, mit dem Verlust ihrer kognitiven Fähigkeiten belohnt werden, und greift ihnen in der letzten Phase ihrer irdischen Existenz unter die Arme. Selbstverständlich nicht, ohne dass sich alle, die von der zu gewährenden staatlichen Unterstützung betroffen sind, in einem erniedrigenden Prozedere bis aufs Hemd ausziehen müssen, damit dem Staat auch garantiert kein gesparter Rappen entgeht, bevor die Sozialhilfe einspringt.

Aber für die «Resozialisierung» von Schwerstverbrechern können offenbar schier unerschöpfliche Ressourcen mobilisiert werden. Wenn man die 156 000 Franken für die dreimonatige 24-Stunden-Überwachung als Indiz nimmt, die einen Selbstmord des «suizidgefährdeten» Massenmörders N. verhindern sollte (ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit, den wohl die wenigsten bedauert hätten), kommt für die jahrzehntelange Betreuung von Thomas N. noch einiges an Kosten auf die Allgemeinheit zu. Die Aargauer Zeitung spricht von bis zu 16 Millionen Franken. Klammerbemerkung: Dieser Betrag würde die Sicherheitskosten der Israelitischen Gemeinde Basel für die nächsten 20 Jahre decken.

Da die Gutachter Elmar Habermeyer und Josef Sachs, gemäss NZZ beide «Koryphäen ihres Fachs», die Untherapierbarkeit von Thomas N. verneinten, wird N. auch nicht lebenslang verwahrt. Er erhielt eine «lebenslängliche» Freiheitsstrafe (in seinem Fall 13 Jahre, da er bereits seit zwei Jahren inhaftiert war), und er wird «ordentlich» verwahrt.

Staatsanwältin Barbara Loppacher, die eine lebenslange Verwahrung von Thomas N. gefordert hatte, über die Gutachter: «Thomas N. hat sie an der Nase herumgeführt.» Habermeyer und Sachs seien nicht einmal in der Lage gewesen, bei N. die gleiche Maturanote festzustellen. Es waren wohl ähnlich kompetente «Koryphäen», die in Daniel H., der 2003 eine ehemalige Arbeitskollegin so zurichtete, dass sich das Opfer laut Anklageschrift «nur mit viel Glück, gepaart mit cleverer Verhandlungstaktik, schwereren Verletzungen, eventuell Todesfolgen, entziehen» konnte, einen «offenen, zugänglichen, motivierten und therapiefähigen Menschen» zu erkennen glaubten und ihm «angenehme und gewinnende Umgangsformen» attestierten.

«Funktionierender Rechtsstaat»

2009 ermordete Daniel H. die 16-jährige Lucie Trezzini auf bestialische Weise. Doch der Schweizer Behördenwahnsinn treibt noch groteskere Blüten. So werden Gutachten lapidar übergangen, Gesetze missachtet und bei der «Interessenabwägung das Gewicht auf die Wünsche des Sträflings gelegt und nicht auf das Interesse der Allgemeinheit», wie eine Untersuchung des Mordfalls Adeline aufzeigte. 2013 brachte Fabrice Anthamatten, ein wegen zweifacher schwerer Vergewaltigung zu 20 Jahren Haft verurteilter Triebtäter, während eines Freigangs seine Therapeutin, die 34-jährige Adeline Morel, um, die ihn – ohne Polizeischutz – zu seiner «Reittherapie» hätte bringen sollen.

Der «funktionierende Rechtsstaat» leistet durch die Bestellung und Bezahlung von Gutachten (diejenigen von Thomas N. sollen 50'000 Franken gekostet haben), die durch ihre Fehlprognosen Menschenleben kosten, in letzter Konsequenz Beihilfe zum Mord.

«Anständig, eigentlich nett»

Für Gutachter, die sich bezüglich langjähriger Negativprognosen zur Therapiefähigkeit von Ersttätern aus der Verantwortung stehlen, sich aber anmassen, bereits straffällig gewordene Täter beurteilen zu können und diesen so Hafterleichterungen ermöglichen, die zu Tötungsdelikten führen, hat ein Blick-Kommentator einen probaten Vorschlag: Der vom Gutachter positiv beurteilte Täter wohnt nach seiner Entlassung für eine bestimmte Zeit bei seinem Gutachter. Dasselbe gilt für Freigang oder Hafturlaub. Begeht der Täter während dieser Zeit einen Missbrauch oder Mord, werden Täter und Gutachter lebenslang verwahrt.

«Wir hatten ein Monster erwartet. Umso überraschter waren wir, als wir einen normalen 33-Jährigen festnahmen, anständig, korrekt, eigentlich nett», sagte Barbara Loppacher nach dem Prozess.

«Die beste Tarnung von Menschen, die aussergewöhnliche Verbrechen begehen, ist die Arroganz und Überheblichkeit jener Leute, die zu wissen glauben, wie jemand ausschaut», so der Profiler Thomas Müller im Blick-Interview. «Menschen, die hochkomplexe Verbrechen begehen, haben keine gelben Augen. Sie schauen aus – mit Verlaub – wie Sie oder ich.»

Auch Adolf Hitler, war kein «Monster»

Auch Adolf Hitler, einer der prominentesten Massenmörder der Geschichte, war mitnichten ein «Monster», sondern ein liebenswürdiger Vegetarier und Tierfreund, dessen charmantes Auftreten seine Privatsekretärin Traudl Junge bis zu ihrem Tod nicht müde wurde zu loben. «Hitler war auch ein Mensch», rechtfertigte sich der Filmemacher Bernd Eichinger nach Kritik an seinem beschönigenden Hitler-Film «Der Untergang». Was den legendären Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zur Antwort veranlasste: «Natürlich war Hitler ein Mensch, er war ganz sicher kein Kamel.» Auch die Schweizer Serienmörder Michel Peiry, Roger Andermatt oder Werner Ferrari waren keine Monster, ebenso wenig wie der psychopathische Killer Jeffrey Dahmer, der die abgetrennten Köpfe seiner Opfer im eigenen Kühlschrank aufbewahrte. Sie alle waren Menschen, die aus Gründen, die wir niemals auch nur beginnen können zu erahnen, Verbrechen begangen haben, die das Vorstellungsvermögen jedes zivilisierten Menschen übersteigen.

Dass selbst die Kastration eines Täters nichts nützt, zeigt unter anderem der Fall von Marianne Bachmeier, die den kastrierten Mörder ihrer siebenjährigen Tochter Anna – einen wegen sexuellen Missbrauchs an zwei Mädchen vorbestraften Sexualstraftäter auf Freigang (auch für ihn wurden positive Gutachten erstellt) – im Gerichtssaal erschoss. Dafür wurde sie wegen Totschlags zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Nach ihrer Entlassung starb sie im Alter von 46 Jahren an Krebs.

FDP-Ständerat Andrea Caroni, der bei so ziemlich allen Themen konsequent die falsche Haltung vertritt, konnte es sich in der SRF-«Arena» zum Thema Verwahrung nicht verkneifen, anzumahnen, dass die lebenslange Verwahrung auch immer wieder Täter treffe, die nicht erneut straffällig geworden wären. Es sei zwar schwer, sich das «zu Gemüte zu führen», aber er wolle «einfach mal die Gegenseite zeigen» und was man da «anrichten» würde.

Caroni rechnet vor: Bei zehn lebenslang verwahrten Tätern, von denen «nur» einer wieder «morden» würde, hätte man neun «versenkt». «Arena»-Moderator Jonas Projer griff diese «verflucht schwierige Abwägung» auf: «Neun sind sozusagen unschuldig drin, unschuldig an einem zukünftigen Verbrechen.»

«Highway des Grauens»

Solange politische Geisterfahrer wie Caroni, der 2014 gegen die Pädophilen-Initiative ein Nein-Komitee auf die Beine gestellt hatte, sich aber heute um «versenkte» Gewaltverbrecher sorgt, die Schweizer Gesetzgebung mitgestalten, sollte die Öffentlichkeit sehr genau hinsehen.

Mörder und Kinderschänder gehören weder in Therapie, noch sollten sie Zugang zu Weiterbildung haben, und schon gar nicht sollten sie in den Genuss von Freigang oder Hafturlaub kommen.

Ganz anders sieht das Thomas N.: Er möchte sich nach seiner wahnwitzigen Spritztour auf dem, was Richter Daniel Aeschbach in seinem Urteil einen «Highway des Grauens» nannte, schnellstmöglich wieder in die Gesellschaft «integrieren» und sich nach absolviertem Wirtschaftsstudium «selbstständig» machen – alles ausser einem Studium ist offensichtlich unter der Würde des dreifach gescheiterten Studienabbrechers. In einer Zukunftsvision sieht sich Thomas N. als «alter Mann mit Hunden vor einem Kamin». Für seine Opfer gibt es keine Zukunft.

«Positive Prognosen»

Am 16. August 2018 jährt sich das Geiseldrama von Gladbeck, bei dem zwei Geiseln ermordet wurden, zum dreissigsten Mal. Während der Geiselnahme schoss der Bankräuber Dieter Degowski in einem voll besetzten Linienbus dem 14-jährigen Emanuele De Giorgi aus nächster Nähe in den Kopf, als dieser seine neunjährige Schwester Tatiana beschützen wollte. Der Junge starb am Tatort.

Auch 30 Jahre nach der Tat können die Eltern und die Schwester, die mit dem Blut ihres Bruders an den Kleidern von der Polizei zu Hause abgegeben wurde, in der erschütternden ARD-Doku «Das Geiseldrama von Gladbeck» nicht über Emanuele sprechen, ohne in Tränen auszubrechen. 2017 beschloss das Landgericht Arnsberg nach «umfassender Prüfung» Degowskis Freilassung. Die zuständige Strafvollstreckungskammer habe «Gutachten und Stellungnahmen eingeholt» und sich den «positiven Prognosen angeschlossen».

Kindermörder Degowski war seit Jahren mit «Haftlockerungen auf die Freiheit vorbereitet worden» und hatte zahlreiche Ausgänge «einwandfrei bewältigt». Am 15. Februar 2018 kam er auf freien Fuss. Auch seinem Antrag auf Namensänderung wurde stattgegeben.

Wie lange wird es dauern, bis für Thomas N. «Gutachten und Stellungnahmen» eingeholt werden, die auch ihm «positive Prognosen» stellen? (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.03.2018, 09:53 Uhr

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