Narziss im Haus

Es gibt Hunde, die sind devot, anpassungsfähig, wollen um jeden Preis gefallen. Und es gibt Hunde, die an inflationärer Selbstüberschätzung leiden.

Hunde, wie kann man sie nicht lieb haben?

Hunde, wie kann man sie nicht lieb haben? Bild: Keystone

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Eine gute Erziehung beruht ja zuerst einmal auf einer guten Beziehung mit dem Heranwachsenden. Wenn aber die Kernstrategie – Lieben, Loben, Fördern – keinen so richtig versöhnlichen Abschluss findet, ist man geneigt, das Individuum während eines Spaziergangs irgendwo festzubinden und zu flüchten – für immer. Wahrscheinlich tut man es nicht, weil einem der süsse Wuschelkopf und der Blick aus diesen grossen, braunen Augen bis ans Ende seiner Tage verfolgen würde.

Es gibt Hunde, die sind devot, anpassungsfähig, wollen ihrer Erzieherin um jeden Preis gefallen. Dann gibt es Hunde, wie Pablo, die an inflationärer Selbstüberschätzung leiden. Sie sehen sich einzig ihren Idealen der Freiheit verpflichtet. Ihre Unabhängigkeit demonstrieren sie, indem sie etwa das Konzept einer Leine grundsätzlich ablehnen, was in der Realität eines Spaziergangs dem Bild eines Ackergauls (Hund), der seinen Pflug (...) hinter sich herzieht, ziemlich nahekommt. Könnten diese Hunde selbstständig eine Haustüre und den Reissverschluss einer Fresspackung öffnen, würden sie einem vermutlich das Zusammenleben verweigern.

Weil das Ego dieser Hunde ausser Kontrolle geraten ist, müssen sie stets eindringlich bekräftigen, das Zentrum aller Aufmerksamkeit zu sein. Gesprächsfreudige Nachbarn werden so lange zurechtgewiesen «Es geht jetzt um mich, mich, mich! Hau ab!!!», bis sie sich abwenden und nur noch ihr unausgesprochener Gedanke «Der Apfel fällt ja bekanntlich nicht weit vom Stamm …» in der Luft hängt. Hat man Glück, ist die Neigung dieses Hundes zum Choleriker in der Nachbarschaft weitestgehend bekannt, auch sein Groll gegenüber hüpfenden Kindern oder das «Pablo, nein!», das man in solchen Momenten einwirft, mit einem Unterton, der Ehrfurcht gebieten soll und Hysterie verbreitet. «Nein! Nein!» Mittlerweile sagt man das diesem Hund ja so oft, dass er annimmt, «Nein» sei sein Name. Befehle, die zur Belohnung keinen direkten Zusammenhang zum Essen aufweisen, werden grundsätzlich ignoriert.

Diese Hunde fühlen sich gut, wenn sie ihr Geschäft in unmittelbarer Nähe von anderen Menschen verrichten können. Weil es sich mit der Ehre einer Frau schlecht verträgt, in Gegenwart von Fremden Hundekacke vom Strassengraben wegzuputzen, zerrt man diesen Hund also beim geringsten Anzeichen von Überdruck weiter an einen geeigneteren Ort – nur stemmt er sich dann mit solcher Gewalt dagegen, dass er regelmässig aus seinem Luis-Vuitton-Halsband schlüpft. Unzweifelhaft sind auch Würde und Gleichberechtigung für besagte Hundehalterinnen nicht vereinbar und so ist es ein offenes Geheimnis, dass die Quote der Männer im Haushalt, die mit solchen Hunden Gassi gehen, nachts, bei Regen, Kälte, Wind, Schnee, Hochdrucklage, Warmfront und Cumuluswolken besonders hoch liegt.

Der einzige Augenblick, wo sich die Autorität dieser Hunde in Luft auflöst und sie sich der Mässigung verschreiben, als hätte jemand kürzlich versucht, sie bei lebendigem Leibe einzusaugen, ist beim Anblick eine Fliege: «Hiiiilfe! Es hat eine Flieeege!» – «Pablo, für die Fliege bist du Godzilla, entspann dich.» – «Die jagt mich! Mach sie weg!» Befördert man das Insekt in einer unvergleichlichen Heldentat an die frische Luft, weichen einem diese Hunde nicht mehr von der Seite, schwelgen in purer Bewunderung, verblüffen mit grossartigen Taten für den Rest der Woche. Ach, diese Sorte Hunde, wie kann man sie nicht lieb haben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.05.2017, 09:52 Uhr

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