Pop, Protest, Erfahrungshunger

Was von 1968 übrig blieb: Kleine Geschichte einer Wohngemeinschaft zehn Jahre danach

Wilhelm Reich oder Adorno? In der WG brach nicht die sexuelle Revolution aus, sondern die Debatte darüber (Szenebild aus dem Film «Die Kommune» aus dem Jahr 2016 des dänischen Dogma-Regisseurs Thomas Vinterberg).

Wilhelm Reich oder Adorno? In der WG brach nicht die sexuelle Revolution aus, sondern die Debatte darüber (Szenebild aus dem Film «Die Kommune» aus dem Jahr 2016 des dänischen Dogma-Regisseurs Thomas Vinterberg).

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Die Studentenrevolte wird 50. Es gibt Festredner und Hassredner. Die Festredner feiern 1968 als politische Protestbewegung: gegen den autoritären Staat, gegen die Vorherrschaft des Kapitals, gegen Vietnam-Krieg und US-Imperialismus. Die Hassredner verurteilen die 1968er als Gewalttäter: für Stalin, Mao und die RAF.

Kein Geschichtsdatum nach 1945 ist so umstritten wie 1968, vor allem bei jenen, die nie dabei waren. Und das waren die meisten – nicht dabei. Die Studentenrevolte war die Bewegung einer Minderheit. Und in dieser Minderheit wiederum eine Minderheit waren die politischen Aktivisten. Denn im Wesentlichen war 1968 eine kulturelle und soziale Bewegung. Sie brachte eine Fundamentalliberalisierung von Schule und Familie, Sex und Staat, Mode und Männerbild, Kindererziehung, Kleidung und Kunst.

Dass dieser Wandel, den vergleichsweise wenige Jugendliche vorlebten, die Mehrheit erfassen konnte, liegt daran, dass die Gesellschaft längst bereit für eine Erneuerung war. Und sie war bereit, weil sich die Menschen dank Friedenszeit und Wirtschaftsaufschwung mehr Freiheiten leisten konnten, mehr Freizeit, Bildung, Selbstentfaltung, Lebensgenuss.

Was ist 1968? Ein Mythos. Im Kampf um die Deutungshoheit gibt es alle nur möglichen Gross-Denker. Und es gibt meine kleine Wohngemeinschaft. Sie kam zehn Jahre zu spät für die Studentenrevolte, aber früh genug, um deren Auswirkungen zu spiegeln.

Putzen und Politik

Unsere WG bestand im Kern aus drei Männern und einer Frau. Die Frau war ich und putzte Bad und WC. Das war keine Demütigung, sondern Erziehung eines verwöhnten Einzelkinds zur Mithilfe. Einübung in Solidarität: Das war wohl die wichtigste Tugend von 1968.

Geteilte Hausarbeit, geteilte Haushaltkasse, geteilte Freizeit. Nur die Betten wurden nicht geteilt. Dass in einer WG (anders als im Establishment) jede mit jedem pennt, das stimmt nicht. In den WGs, die ich kenne, herrschte das Inzest-Tabu wie in einer Kleinfamilie.

Nicht die sexuelle Revolution brach in unserer WG aus, sondern die Debatte darüber. Die einen meinten wie Wilhelm Reich: Sexuelle Verklemmtheit ist Merkmal des autoritären Charakters und führt zum Faschismus. Also müssen alle ihre Sexualität frei leben können, die Kinder, die Schüler, die Eheleute. Die anderen meinten mit Adorno: Die sexuelle Befreiung sei nur Ersatz für die politische Befreiung. Die Dritten, vor allem die Frauen, ahnten: Der Sexrummel ist eine Erfindung von Männern für Männer.

Die berüchtigte «Sexwelle» gab es natürlich – in den Medien. Das berühmte Nackt-Foto der Kommune 1 wurde bald verdrängt durch barbusige Frauen auf Zeitschriftentiteln. Brüste steigerten die Auflage. Sex wurde Ware, kommerzialisiert, pornografisiert. Auch in Zeitschriften, die sich als links verstanden: Pardon, Konkret, die St. Pauli Nachrichten (mit Henryk M. Broder, heute Weltwoche). Welche Bünzli-Lüsternheit hinter der vermeintlichen Befreiung steckt, zeigte der Basler Roman Brodmann in seinen Filmen, etwa über eine Pornomesse.

Mini und Maxi

Unsere kleine WG fand die Hyper-Sexualisierung eher merkwürdig. Im Übrigen profitierte sie still von dem, was es bereits gab: die Anti-Baby-Pille ab 1961, Aufklärungsunterricht in den Schulen, antiautoritärer Kinderladen, Kinsey-Report, linke Aufklärungsbücher wie Günter Amendts «Sexfron(t)», linke Buchläden mit lesbischer und homosexueller Literatur. Unisex in der Mode. Latzhose ging, Parka ging. Mini ging, Maxi ging, alles ging. Nur nicht Faltenrock und Hermès-Tuch. Black is beautiful. Man hatte Wichtigeres zu tun, als sich um Push-up-BHs zu kümmern.

An der Wand unserer Wohnküche hing ein Che-Guevara-Plakat. Kuba. Und ein Plakat aus Nicaragua. Je weiter weg die Revolution war, desto besser, desto schwerer nachprüfbar, welche Opfer sie kostete. So blöd, die DDR, die DKP und die SED-Bonzen zu verteidigen, war keiner. Wir hatten Ost-Berlin gesehen. Mao war gut, weil weit weg. Zudem war er für die «permanente Revolution» und somit gegen Stalinismus. 1967 sollen allein in der Bundesrepublik 100 000 Mao-Bibeln verkauft worden sein. Die WG-Männer sympathisierten wahlweise mit KBW, KPD/ML, SDS, MRI oder GIM. Es kam zu heftigen Diskussionen. Die neue Linke debattierte Strategie und Taktik, die Gewaltfrage und Moral skrupulös und selbstkritisch. Es begann eine Selbstzerfleischung, wie es sich die Bürgerlichen heute nicht einmal in ihren kühnsten Kommunistenfresser-Träumen vorstellen können.

Landleben und Alternativkultur

Unsere kleine WG war ein Durchlauferhitzer. Es kamen immer wieder andere Leute zum Tee oder Bier. Wir hatten kein Telefon, kein Internet. Dafür waren wir analog gut vernetzt und lernten jede Menge neuer Lebensstile kennen. Landkommunen. Genossenschaftsbeizen. Selbstbestimmtes Leben und Arbeiten. Dritt-Welt-Läden. Psycho-Szene. Hausbesetzer. Bhagwan. Befreiungstheologie. Bürgerinitiativen. Basisdemokratische Firmen. Alternative Projekte, alternative Ärzte, Juristen, Journalisten. Die neuen sozialen Bewegungen, sie sollten wichtiger für die Zukunft werden als die alten Genossen vom Sozialistischen Studentenbund. Nach Rot kamen Bunt und Grün.

Es war schon immer lustiger und anspruchsvoller, ein Linker zu sein. Machte allerdings auch jede Menge Arbeit. Es mussten Sit-ins organisiert werden, Plakate gemalt, Wand- und Stadtzeitungen geschrieben werden. Es ging zur Gründung der alternativen Tageszeitung (taz) nach Unna; zu «Rock gegen rechts» nach Frankfurt; zur China-Ausstellung nach Köln. Es ging zum Haschisch-Kauf auf den Barfi, zum Klamottenkauf nach Swinging London und für die Milch zum Bauern.

Internationalismus und Heimat

Wichtig: Der neue Internationalismus war mühelos vereinbar mit einem neuen Feeling für Heimat. Es ging zum Winzer zur Weinlese, nach Soufflenheim zum Töpfer, an den Bodensee zum Mundart-Festival und zur Bauplatzbesetzung ins Dreiländer-Eck, um Atomkraftwerke zu verhindern. Es gab viel zu tun für die Heimat.

Man liebte das Volk, seine Sprache, seine Widerständigkeit, seine Wärme. Wir hörten einheimische Liedermacher, aber auch Wolf Biermann, Bob Dylan, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Rockkonzerte. Open-Air, Pop, Psychedelic, Drogen, das wars: Verschmelzung zur Einheit. Jugend aller Länder, vereinigt euch. Immer wieder hörten wir Victor Jara: Dem chilenischen Widerstandssänger mit der sanften Stimme hatte Pinochets Militär, unterstützt von den USA, die Hände gebrochen, damit er nicht mehr Gitarre spielen konnte.

Als wir seine Platte «Manifiesto» das erste Mal hörten, hatte ihn das Militär schon erschossen. Wie auch der West-Berliner Student Benno Ohnesorg 1967 durch einen Polizisten erschossen wurde: Auslöser der Studentenrevolte, schon Geschichte für uns. Was blieb: das Gefühl für Unrecht.

Berufsverbot und Widerstand

Wir waren wütend und traurig und zum Widerstand bereit. Aber auf welcher Seite? Im Vietnamkrieg hatten sich die USA als gnadenlose Grossmacht erwiesen, ebenso die Sowjetunion bei der Niederschlagung des Prager Frühlings. Seit Willy Brandts Radikalenerlass 1972 hagelte es Berufsverbote für Linke. Diffuser Trotz war unser Grundgefühl. Wild thing, you make my heart sing. Der Rest war Theorie.

Vor allem musste studiert werden. Ich kenne keine Generation, die so lesewütig und theoretisch so versiert ist. Marxismus und Psychoanalyse, Frankfurter Schule, Existenzialismus, Strukturalismus, Feminismus. Adorno und Abendroth, Habermas, Marcuse, Bloch, Brecht und Lukács. Grundlagenwerke von Marx/Engels, Urs Jäggi, Baran/Sweezy, Deleuze/Guattari. Es nahm kein Ende. Flugblätter, Raubdrucke, Zeitschriften, das Kursbuch, Argument, Alternative, Underground.

Unser Antrieb: Kritik bürgerlicher Wissenschaft. Kritik von theoretischen Ansätzen, die den Herrschenden dienen. Kritik an Studien, die von der Industrie finanziert werden. Kritik an der Freizeitindustrie, Opium fürs Volk.Kritik an Grundwerten, insoweit sie nur dem Bürgertum nutzen. Alles musste «hinterfragt» und «ausdiskutiert» werden. Als Professor Wilhelm Hennis, Gegenspieler von Jürgen Habermas, nicht mitmachen wollte, sperrten wir ihn mit uns im Seminar ein. Das Examen bestanden wir trotzdem bei ihm.

Rebellion und Kommerz

Unsere Wohngemeinschaft dauerte nur drei Jahre. In dieser Zeit sammelten wir mehr Erfahrungswissen als in den 30 Jahren danach. Jetzt, 50 Jahre danach, streiten die Besserwisser. Für die einen war die Studentenbewegung totalitär, für die anderen radikaldemokratisch. Opportunisten werfen den Alt-1968ern Opportunismus vor. Karrieristen werfen ihnen Karrierismus vor. Am heftigsten werden die 1968er von den 1968ern kritisiert, gelernt ist gelernt.

An der Schnittstelle zwischen Rebellion und Populärkultur wurde der grosse Reibach gemacht. Von Pierre Cardin gab es Anzüge im Mao-Look, von Roy Lichtenstein Siebdrucke von Mao. Am kräftigsten verdiente die Musik-Industrie. Aus Underground wurde Mainstream. Und heute? Bevor heute etwas Neues erfunden wird, hat es der Trendscout schon abgegriffen.

Resignation? Keine. Wer erlebt hat, wie tiefgreifend sich eine Gesellschaft binnen weniger Jahre ändern kann, der wäre völlig verblendet, würde er nicht an eine neue Zukunft glauben. 1968 öffneten sich immense Möglichkeitsräume. Diese Erfahrung bleibt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.03.2018, 11:40 Uhr

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