Radikalisierter Feminismus

Der Basler Männerforscher Walter Hollstein über die Auswüchse einer einst emanzipatorischen Ideologie.

Feminismus oder Sexismus? Die Schweizer Künstlerin Milo Moiré während der Art Basel 2014 im Tram.

Feminismus oder Sexismus? Die Schweizer Künstlerin Milo Moiré während der Art Basel 2014 im Tram. Bild: Kostas Maros

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Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Antifeminismus. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls, wenn man Feministinnen und deren Apologeten glaubt. «Wer sich heute feministisch äussert», schreibt eine Lehrbeauftragte des Basler Gender-Instituts, «erntet nicht nur Gegenwind, sondern oft auch Hass. Ob im Internet, beim Nachtessen, an Universitäten oder im Parlament.» Dann verweist sie auf angeblich wissenschaftliche Studien zu diesem Thema: «Die deutschen Soziologen Hinrich Rosenbrock und Andreas Kemper zeigen in Untersuchungen, dass der Antifeminismus offensiver geworden ist, bissiger, organisierter.» Doch was da als «wissenschaftlich» apostrophiert wird, ist in Wirklichkeit nur Polemik.

Für den zitierten Soziologen Hinrich Rosenbrock ist Antifeminismus a priori «Hasspropaganda». Nun zeichnet sich Wissenschaft ja dadurch aus, dass ein Gegenstand zunächst einmal objektiv dargestellt wird, bevor die Analyse beginnt. Wörterbücher zeigen sich neutraler. Antifeminismus – so heisst es da – «bezeichnet eine gegen den Feminismus gerichtete kritische Haltung».

Das können einige offenbar so nicht mehr denken, denn sie stellen den Antifeminismus unbesehen und ohne sachliche Prüfung unter Verbotsschilder. Inzwischen ist die Situation so weit gediehen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit feministischen Postulaten schon als undemokratisch oder sogar rechtsextrem diffamiert wird. Man könnte zu dem Schluss gelangen, dass der Feminismus ein tragender Artikel der Bundesverfassung wäre. Ist er aber nicht.

Geheimdienst des Guten

Ein bisheriger Höhepunkt der Auseinandersetzung: Im Sommer 2017 war für eine kurze Zeit das sogenannte Lexikon Agent*In im Internet abrufbar (www. agentin.org). Es war in Wahrheit ein öffentlicher Pranger, wo all diejenigen Organisationen, Wissenschaftler, politisch Aktiven und Journalisten ausgestellt wurden, die feminismuskritische Positionen vertreten. Notabene: feminismuskritisch, nicht etwa antifeministisch.

Urheber dieses Prangers ist der oben als Wissenschaftler bezeichnete Andreas Kemper, Auftraggeber das Gunda-Werner Institut für Feminismus. Letzteres gehört der Heinrich-Böll-Stiftung, und diese ist wiederum das «wissenschaftliche» Institut der Grünen Partei.

Der Publizist Henryk M. Broder nennt agentin.org in der Welt – ähnlich im Übrigen wie Chefredaktor Eric Gujer in der NZZ – einen Vorboten des Totalitarismus und schreibt: «Ob sie am Rande der Legalität operiert, ist eine Frage, über die Juristen nachdenken müssen. Klar ist, sie agiert wie ein Geheimdienst der Guten, der bestimmte Ansichten durchsetzen und andere in Verruf bringen will.»

Doch es lohnt sich, das Ganze etwas genauer zu betrachten. Der besagte Herr Rosenbrock– Magister der Soziologie, im Übrigen unbekannt und auch nicht Autor anderer Werke– hat eine «Expertise» über die «antifeministische Männerrechtsbewegung» geschrieben, veröffentlicht ebenfalls von der Heinrich-Böll-Stiftung. Rosenbrock fährt sogleich heftiges Geschütz auf: «Die Brisanz antifeministischer Ideologien wird in den Behauptungen des norwegischen Attentäters (...) Breivik deutlich.» Der Verweis auf Anders Breivik findet sich in der Schrift gleich mehrmals und soll wohl drohend andeuten, zu welch grausamen Taten antifeministische Denker und «Aktivisten» auch in unseren Breitengraden fähig sein könnten.

Expertise bedeutet: wissenschaftliches Gutachten. Mit den dafür nötigen Standards hat der Autor wohl eher Mühe. Methodische Überlegungen hält er für überflüssig. Inhaltlich setzt er sich nicht einmal ansatzweise mit den Argumenten der attackierten Publizisten, Wissenschaftler oder Institutionen auseinander. Stattdessen diffamiert er. So führt er bereits in seinem Vorwort eine Vielzahl entwertender Etiketten an wie «radikal anti-emanzipatorisch», «homophob», «rassistisch», «rechtsextrem» und so weiter. Damit werden dann später auch die vorgestellten Organisationen, Wissenschaftler und Publizisten belegt.

Dabei macht es sich der Autor leicht. Ein Beispiel: Bei seiner Auseinandersetzung mit der geschlechterpolitischen Initiative «Manndat» zitiert er eifrig von deren Homepage und aus dem Internet-Forum; die durchaus anspruchsvollen Schriften von «Manndat» zur Jungenkrise, Bildungssituation von Jungen, Gesundheit von Männern, etc. nimmt er erst gar nicht zur Kenntnis. Da hätte er ja auch wirklich lesen müssen und das hätte Arbeit bedeutet; einfach diffamieren ist weitaus weniger anstrengend. Die geschichtlichen Zusammenhänge der Männer- und Männerrechtsbewegung scheinen dem Autor gänzlich fremd zu sein. Solches sollte man aber eigentlich schon kennen, wenn man sich als «Männerexperte» ausgibt.

Was bedeutet «rechts»?

Nun steht Rosenbrock ebenso wenig allein wie die Heinrich-Böll-Stiftung. Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hat sich ebenfalls in die antifeministische Schlacht geworfen und eine Broschüre editiert. Titel: «Geschlechterkampf von rechts». Autor: Thomas Gesterkamp. Die zentrale These der Broschüre resümiert sich im Untertitel des Dokuments: «Wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren».

Den behaupteten «Geschlechterkampf von rechts» verortet der Autor auf ganz unterschiedlichen Ebenen: personell bei Publizisten wie Volker Zastrow (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung), Frank Schirrmacher (†, Frankfurter Allgemeine Zeitung) oder René Pfister (Spiegel), bei Wissenschaftlern wie Norbert Bolz (Technische Universität Berlin), Gerhard Amendt (Universität Bremen) oder Matthias Franz (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf); schliesslich müssen diverse Geschlechterinitiativen zu seiner Beweisführung herhalten.

Dabei wird an keiner Stelle definiert, was der Autor nun eigentlich mit seinen Etiketten wie «rechts», «rechts-extrem» oder «rechter Geschlechterkampf» genau meint. Erst indirekt wird deutlich, dass er darunter an erster Stelle die Kritik an Frauenquoten versteht und an zweiter Stelle die Aussage von den «Jungen als Bildungsverlierern».

Beides entspräche in keiner Weise der Realität. Gesterkamp belässt es bei diesem Diktum, ohne sich umzuschauen, wie es nun tatsächlich in der sozialen Wirklichkeit ausschaut. Mit den vielen Befunden der Sozialisationsforschung über Jungen setzt er sich nicht einmal ansatzweise auseinander. Darüber hinaus stellt sich natürlich die grundsätzliche Frage, warum eine Kritik an Frauenquoten, Frauenförderungsprogrammen oder der Situation von Jungen im Bildungsbereich nicht gedacht werden darf.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung ist mittlerweile noch einen Schritt weiter gegangen, indem sie ein Handbuch herausgegeben hat, das feministisches Denken vor «gegnerischen» Angriffen schützen will. Daraus könnte geschlossen werden, dass der Feminismus mittlerweile als eine staatstragende Doktrin verstanden und akzeptiert werden soll. Titel: «Gleichstellungspolitik kontrovers. Eine Argumentationshilfe».

So werden Denkverbote errichtet

Hauptfeind von Rosenbrock, Gesterkamp, Kemper und Co. sind die sogenannten Männerrechtler. Das sind Personen und Gruppierungen, die seit Jahren Problembereiche von Männern und Buben thematisieren: das Sorge- und Scheidungsrecht, die defizitäre Gesundheitsversorgung, die Feminisierung der Erziehung, die Schulprobleme von Jungen, die hohe Suizidrate des männlichen Geschlechts oder das einseitige, frauenzentrierte Verständnis von Gender Mainstreaming.

Solches nehmen die zitierten Autoren gar nicht erst zur Kenntnis. Dafür weisen sie ebenso eifrig wie verbissen auf die Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen hin und kehren jene, die Jungen und Männer betreffen, vom Tisch des Diskurses. Rosenbrock nennt die Diskriminierung von Männern schlicht eine «Konstruktion» und erhebt den schweren Vorwurf, dass der «Blick auf männliche Benachteiligung (...) Formen weiblicher Benachteiligung» ausblende. Letztere bestehen selbstverständlich real, während Erstere nur fiktiv sind. Einen Opferdiskurs gesteht der Autor den Frauen zu, aber nicht den Männern. In diesem Kontext schreibt er nachgerade verächtlich von der männlichen «Opferideologie».

Auf die reichlich vorhandenen empirischen Arbeiten zu Männerproblematiken und -diskriminierungen gehen Rosenbrock und Konsorten an keiner Stelle ein. Dass es Männer-«Bashing» im Feminismus gibt, leugnen sie kategorisch und kritisieren stattdessen Frauenfeindlichkeit und Sexismus der Männerrechtler. Auch da halten sie es nicht für nötig, Belege für ihre Behauptung aufzuführen.

So werden Denkverbote errichtet. Das probate Gegenmittel wäre, dass Buben und Männer überhaupt erst einmal adäquat wahrgenommen werden. Dies ist eigentlich auch der vornehme Anspruch von etwas, was als «Expertise» daherkommt. Doch das scheint insbesondere auf der Linken, zu der die zitierten Autoren sich ausnahmslos bekennen, gegenwärtig unmöglich.

Die Journalistin Claudia Blumer bemerkt im Tages-Anzeiger trefflich: «Das grösste Drama: Der linke Mann muss nicht nur Frauen fördern, er muss es auch gern tun, denn schliesslich ist er gemäss Parteibuch Feminist. Er muss lächeln und applaudieren, wenn der erste Listenplatz an die Kollegin geht und nicht an ihn. Der Einsatz für die Frau ist in der SP so wichtig wie der Einsatz für die Armen, die Entrechteten, für die Dritte Welt.»

Mal schauen, wie weit solcher Masochismus auf Dauer trägt.

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für politische Soziologie, unter anderem am Institut für Geschlechterforschung der Universität Bremen. Er lebt in Basel. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.10.2017, 14:01 Uhr

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