Rockstar der Anti-Korrekten

Jordan Peterson sagt: Bring dein Leben in Ordnung. Das ist genau das, was Millionen junger Männer hören wollen.

«Steh aufrecht und lass die Schultern nicht hängen.» Jordan Peterson (55), Professor für Psychologie in Toronto.

«Steh aufrecht und lass die Schultern nicht hängen.» Jordan Peterson (55), Professor für Psychologie in Toronto.

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Eine Gruppe Transsexueller umringt Jordan Peterson und provoziert ihn: «Wir sind an Ihrer Kundgebung von Nazis beleidigt worden – möchten Sie dies kommentieren? Transsexuelle nehmen sich reihenweise das Leben, und Sie tragen dazu bei. Warum tun Sie das?» Es herrscht eine aufgeheizte Stimmung, doch Peterson hört geduldig zu und antwortet auf jede Frage. Für kurze Zeit reisst ihm der Geduldsfaden: «Oh Mann, es ist fast unmöglich, Ihnen zuzuhören. Ich würde es gern, aber Sie rattern einfach drauflos mit Ihrer Rhetorik.» Dazu macht er mit beiden Händen eine Geste der Entgeisterung. Dann wendet er sich der nächsten Person zu. Das Hickhack geht weiter.

Jordan Peterson ist keiner, der vor unangenehmen Gesprächen wegläuft. Man erhält eher den Eindruck, dass er diese regelrecht sucht, als seien sie seine Mission. Der 55-jährige Kanadier unterrichtet klinische Psychologie an der Universität Toronto. Seine Spezialgebiete sind Persönlichkeitsstörungen und die Psychologie religiöser und ideologischer Ansichten.

Es hätte ein ruhiges akademisches Leben bleiben können, doch dann kam das Gesetz «Bill C-16», unter dem der kanadische Staat jede sexuelle Identität – zum Beispiel geschlechtslos, zwitterartig, zweigeschlechtlich und so weiter – schützen und die Missachtung einer solchen Identität bestrafen muss. Leute, auf die nach eigener Aussage weder das männliche noch das weibliche Geschlecht zutrifft, müssen seit Juni 2017 mit den von ihnen gewünschten Pronomen angesprochen werden, etwa «hou», «yo» oder «ze» anstatt «he» und «she». Peterson sagt, ein Gesetz, das den Bürgern vorschreibe, wie sie reden müssten, sei ein schwerer Verstoss gegen die Meinungs- und Redefreiheit. Während der Beratung des Gesetzes im Parlament lud er seine Diskussionsbeiträge auf YouTube, wo sich diese explosionsartig verbreiteten. So wurde Peterson eine Art Rockstar gegen die politische Korrektheit.

Klassenkampf in neuem Gewand

Im persönlichen Gespräch stellt Peterson klar, dass er keine Mühe damit habe, eine Person unter Umständen anders anzureden als mit er oder sie. Auf keinen Fall aber wolle er, dass der Staat vorschreibe, wie man zu reden habe. Das Ziel der Kämpfer für die politische Korrektheit sei nämlich nicht, wie diese behaupten, Respekt oder Menschenrechte, sondern, den Leuten mit Mitteln der Staatsgewalt vorzuschreiben, wie sie zu denken hätten, und die Gesellschaft nach ihren Ideen umzumodeln. Es gehe ihnen darum, andere Menschen zu beherrschen. Dies sei Klassenkampf in einem neuen Gewand.

Die Geschichte der kommunistischen Parteien legt nahe, dass Petersons Behauptung stimmt. Die Formulierung «politisch korrekt» entstand in den 1930er-Jahren aus den Flügelkämpfen innerhalb der marxistischen Linken. Damit sollten abweichende Strömungen unterdrückt und ideologische Konformität hergestellt werden. Mit der 1968er-Bewegung tauchte der Ausdruck im Streit zwischen Neuen Linken und radikalen Feministinnen wieder auf. Seit den 1980er-Jahren ist er ein zweischneidiges Schwert, denn er wird nicht nur bekräftigend – zur Durchsetzung bestimmter Dogmen –, sondern auch kritisch – zur Bekämpfung von Denkzwängen – verwendet.

Die zweite Grundlage der politischen Korrektheit ist das postmoderne Denken mit seinen (linken) Helden Jean-François Lyotard, Jean Baudrillard, Michel Foucault und Richard Rorty. Ihr Denken erfasste vor gut fünfzig Jahren die Geistes- und Sozialwissenshaften und dominiert diese heute. Die postmoderne Denkschule verwirft die Leitvorstellung von Vernunft, Wirklichkeit und Wahrheit und ersetzt (!) diese durch Pluralität, Partikularität und Differenz. Sie brachte die Gender Studies, die Ethnic und die Cultural Studies hervor und habe laut Peterson die Geistes- und Sozialwissenschaften an den Universitäten praktisch zerstört. Ihre Lehrstühle seien Horte des politischen Aktivismus, beispielsweise der «Black Lives Matter»-Bewegung», die eine gegen Weisse gerichtete Gesinnung vertritt, der zeitgenössische Feminismus oder die politische Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen- und Transgender-(LGBT)-Bewegung, aus der sich Petersons erbittertste Gegner rekrutieren.

Laut Peterson ist der seelische Antrieb hinter der politischen Korrektheit wie schon im Klassen- und Geschlechterkampf das Ressentiment, das heisst das Verlangen, dass es dem anderen schlecht gehen soll, weil man sich selbst schlecht fühlt.

Reden mit Kraftausdrücken

Inzwischen ist Peterson nicht mehr nur Wissenschaftler (er hat neben einem Abschluss in Psychologie auch einen in Politologie), sondern auch eine Art öffentlicher Lebensberater. Sein grösstes Publikum sind junge Männer, die in einer von Beliebigkeit und Relativismus getriebenen Gesellschaft neue Massstäbe suchen. Peterson selbst ist eine bemerkenswerte Mischung von, gemäss seiner Definition, typisch männlichen (Ordnung und Fleiss) und weiblichen Eigenschaften (Mitgefühl und Höflichkeit). Er formuliert äusserst präzise, spricht mit grosser Bestimmtheit und verwendet gerne Kraftausdrücke wie zum Beispiel «damn» (verflucht) oder «bloody» (scheiss). Gleichzeitig hört er seinen Gesprächspartnern geduldig zu, geht verständnisvoll auf sie ein und greift sie nicht an.

Wenn Peterson vor Publikum spricht und ihn etwas besonders rührt, kann es vorkommen, dass er mit den Tränen kämpft. So jüngst in einem Interview mit dem Radiosender BBC 5 Live, als ihn der Reporter auf Selbstmord als die häufigste Todesursache von Männern unter 45 Jahren anspricht: «Jetzt passiert es mir wieder (seine Stimme versagt). Gestern sprach ich vor ungefähr tausend Leuten. Nach dem Vortrag kam etwa die Hälfte zu mir, überwiegend junge Männer. Einer nach dem anderen schüttelte meine Hand und sagte etwas von der Art: ‹Seit einem halben Jahr höre ich Ihre Vorträge. Sie haben mein Leben verändert. Früher war ich deprimiert, meine Beziehungen funktionierten nicht und ich hatte keine Ziele. Dann brachte ich mein Leben in Ordnung, sagte die Wahrheit und arbeitete hart an mir. Es hat wirklich funktioniert. Dafür möchte ich Ihnen danken.› Es ist so traurig. Diese Leute sind offenbar nie jemandem begegnet, der ihnen ein wenig Mut machte. Das bisschen Zuspruch und Zuwendung in meinen Vorträgen genügte, dass sie sich einen Ruck gaben und es wenigstens versuchten. Das ist eine Katastrophe.»

Petersons Ratschläge sind nicht wirklich angenehm, aber offenbar genau das, was diese Männer suchen: Bring dein Leben in Ordnung! Werde ein besserer Mensch! Übernimm Verantwortung! Oder auch: Überwinde dein Leid! Sorge dafür, dass es in der Welt weniger Leid gibt! Peterson im BBC-Interview: «Mein Publikum besteht überwiegend aus jungen Männern zwischen 20 und 35 Jahren. Sie suchen verzweifelt das Gespräch über Verantwortung, faires Verhalten, edles Sein und gutes Funktionieren. Sie wollen hören, dass es auf sie persönlich ankommt, dass sie ihr eigenes Leben und das ihrer Familien und der Gemeinschaft verbessern können, und dass die Welt genau das und jeden Einzelnen von ihnen braucht.»

Inzwischen gibt es eine umfangreiche Video-Auswahl auf YouTube. Peterson begann vor einiger Zeit, seine Psychologie-Vorlesungen aufzuzeichnen und ausschnittweise ins Internet zu stellen. Die Videos heissen «Warum unsere Generation schwach ist», «Die Tragödie des Mannes, der Kind geblieben ist» oder «Warum du Kunst in deinem Leben brauchst». Die Zuschauerzahlen gehen in die Millionen.

Von Menschen und Hummern

Von Weltverbesserern hält Peterson wenig. Ihr Aktivismus bedeute meist Verzicht auf persönliche Verantwortung hinter der Maske gesellschaftlicher Tugenden. Bevor jemand komplexe Probleme lösen wolle, solle er die einfachen lösen, beispielsweise mit seinem Bruder klarkommen, mit dem er seit Jahren im Streit liege. Das Böse sei nicht irgendwo in der Welt, sondern in einem selbst, so lange man nicht der sei, der man sein könnte. Erst wenn man sich als zuverlässige Person bewährt habe und deshalb von andern gebeten werde, ein öffentliches Amt zu übernehmen, sei vielleicht der Zeitpunkt gekommen, sich politisch zu engagieren.

Dazu brauche es Führungsqualitäten wie Zielsicherheit und detaillierte Kenntnisse über die Ausgangslage und das Handlungssystem, in dem man Wirkung erziele. «Glaubst du wirklich, die Welt verändern zu dürfen, nur weil du ein wenig Marx gelesen hast? Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass du etwas wirklich Komplexes, das einigermassen funktioniert, mit deinem blödsinnigen Eingriff verbessern wirst, gleich null.»

Nach unzähligen wissenschaftlichen Publikationen gab Peterson Anfang Jahr ein Selbsthilfebuch heraus. Es heisst «12 Rules for Life» und wurde bei Amazon sofort Bestseller Nummer eins. Die erste Regel lautet: Steh aufrecht und lass die Schultern nicht hängen. Peterson ruft in Erinnerung, dass Menschen und Hummer ihr Selbstwertgefühl in ähnlicher Weise regulieren, nämlich durch den Botenstoff Serotonin. Wenn zwei Hummer gegeneinander kämpfen, dann machen sie sich möglichst gross, und ihr Körper schüttet Serotonin aus. Im Hummer, der unterliegt, sinkt der Serotoninspiegel. So bildet sich unter Hummern eine hierarchische Ordnung heraus.

Menschliches Verhalten sei selbstverständlich nicht so einfach wie das von Hummern, doch gebe es den Serotonin-Hierarchie-Mechanismus auch bei ihm. Hierarchie, sagt Peterson mit Blick auf Feministinnen und Marxisten, die diese als etwas Schlechtes, als Folge unglücklicher – das heisst patriarchaler oder kapitalistischer – Verhältnisse ansehen, sei eine natürliche Tatsache und mindestens so alt wie die Abspaltung der evolutionären Entwicklung des Menschen vom Hummer, nämlich 350 Millionen Jahre. Die Hierarchie unter Menschen auf bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse zurückzuführen, sei völliger Unsinn.

Mit der Hilfe von Antidepressiva

Petersons Buch ist lebensnah erzählt und schöpft aus dem riesigen Wissen, das der Autor sich in dreissig Jahren Forschung und als Therapeut angeeignet hat. Bis vor Kurzem behandelte Peterson auch Patienten, gab dies aber als Folge seiner neuen Karriere auf.

Regel Nummer drei heisst: Schliess Freundschaft nur mit Menschen, die das Beste für dich wollen. Wir sollten Freunde danach auswählen, ob sie sich bei einem frohen Ereignis mit uns freuen, aber auch offen sagen, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Zu Leuten, die uns nach unten ziehen, sollten wir auf Distanz gehen, denn es sei niemandem geholfen, wenn statt einer Person zwei sich elend fühlten.

Regel Nummer zwölf klingt amüsant, ist aber ernst gemeint: Wenn dir eine Katze über den Weg läuft, dann streichle sie. Damit will der Autor sagen: Wenn dein Leben einmal richtig hart ist, dann schöpfe Mut aus den kleinen Dingen, die sich anbieten, und tue etwas Gutes, denn das tut auch dir gut. In harten Zeiten versuche nicht, alle Probleme auf einmal zu lösen, denn das wird dir wahrscheinlich nicht gelingen, sondern organisiere kleinere Zeitabschnitte und versuche, Schritt für Schritt über die Runden zu kommen. So kannst du auch grössere Krisen überstehen.

Privat ist Peterson nicht einfach ein Glückspilz. Er nimmt Antidepressiva (es gibt in seiner Familie eine übertragene Depressionserkrankung), und seine Tochter hat eine seltene Knochenkrankheit und leidet ebenfalls an einer chronischen Depression. Die Medikamente ermöglichen ihnen, ein gutes und, wie Jordan Peterson sagen könnte, nützliches Leben zu führen.

Peterson zählt neben Ben Shapiro, einem jungen wortgewaltigen Kolumnisten, der die Website The Daily Wire betreibt, und Dave Rubin, einem Kommentator, der früher politisch links stand (sein YouTube-Clip «Why I Left the Left», auf Deutsch «Warum ich kein Linker mehr bin», ist bereits über sechs Millionen Mal angeschaut worden) und die Talkshow «The Rubin Report» moderiert, zu einer neuen Generation intellektueller Liberaler in den USA, die dort als Konservative bezeichnet werden.

Alle drei setzen sich vehement für freie Meinungsäusserung, geistige Toleranz und eine Kultur der ehrlichen Diskussion ein. YouTube ist ihr wichtigster Verbreitungskanal, denn dieser steht jedermann offen, ermöglicht einen längeren Gedankenaustausch als der übliche Nachrichtenzyklus und erlaubt, die oft einseitige Sichtweise der Zeitungs-, Radio- und Fernsehredaktionen zu umgehen. Peterson, der wegen seiner Ablehnung der «Bill C-16» in eine kafkaeske Auseinandersetzung mit seiner Universität verwickelt wurde, ist fest davon überzeugt, dass nur die ungehinderte Verbreitung über YouTube ihn bisher vor der Zerstörung durch seine Gegner bewahrt hat. Affaire à suivre …

Lukas Weber ist freier Publizist. Er lebt in Freiburg im Uechtland.

Jordan B. Peterson: «12 Rules for Life. An Antidote to Chaos». Random House, New York 2018, 448 Seiten, ca. Fr. 30.–. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.03.2018, 00:05 Uhr

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