Schützt die Katholiken

Angehörige der Katholischen Kirche leiden auch 500 Jahre nach der Revolution Luthers noch unter Verfolgungswahn durch Andersgläubige.

Protestanten waren zu Zeiten Luthers Erzfeinde des Papstes. So ganz verschwunden sind diese Ängste wohl nicht.

Protestanten waren zu Zeiten Luthers Erzfeinde des Papstes. So ganz verschwunden sind diese Ängste wohl nicht. Bild: Keystone

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Als kürzlich in einer lockeren Runde die Frage aufkam, ob der Kanton Basel-Stadt die Synagoge besonders schützen und für die Kosten aufkommen solle, weil jüdische Einrichtungen seit Jahrhunderten und auch heute noch von Gewalttätern bedroht seien, meinte ein Diskussionsteilnehmer: «Dann müsste man ja auch die katholischen Kirchen unter Polizeischutz stellen!» Das Votum weckte teils verständnislose Ablehnung, teils Verlegenheit und ein müdes Lächeln. Denn dass römisch-katholische Gläubige in unseren Breitengraden verfolgt, dass Kirchen angegriffen würden, davon hat man bisher nichts gehört.

Wenige Tage danach fiel mir eine Broschüre in die Hand, die ich erst ignorierte und dann doch zunehmend konsterniert durchlas. Katholiken scheinen doch erbitterte Feinde zu haben! Das 40 Seiten starke Büchlein ist überschrieben mit «Der Protest ist nicht zu Ende – 500 Jahre nach Luther!». Es ist eine Abrechnung mit dem Katholizismus, aber auch mit dem heutigen Protestantismus, welcher – so die Autoren – mit dem früheren Erzfeind gemeinsame Sache mache und im Zeichen der Ökumene zentrale Anliegen der Reformatoren verraten habe.

So ist gemäss der Bibel nicht der Sonntag der von Gott gewünschte Ruhetag, sondern der Sabbat, also der Samstag; die sogenannte Sonntagsruhe ist eine willkürliche katholische Erfindung. Die Taufe von Kindern ist verwerflich, weil kleine Kinder über keinen bewussten Glauben verfügen und überdies ohne Sünde sind. Konfirmation und Firmung – Teufelszeug. Abgelehnt wird die Vorstellung von Fegefeuer und Hölle, ebenso der Papst als Stellvertreter Jesu Christi. Vielmehr ist der Papst die Verkörperung des Antichrist, was weder den Katholiken noch den ihnen zunehmend hörigen Protestanten bewusst ist.

Es folgt in besagter Broschüre die übliche Kritik am Reichtum der katholischen Kirche und am Luxus, in welchem ihre Würdenträger schwelgen, verbunden mit einer bemerkenswerten politischen Aussage: Die katholische Kirche arbeitet gemeinsam mit der UNO, der EU, der Nato, der Afrikanischen Union und anderen politischen Organisationen an einer weltpolitischen Autorität. «Katholiken gründeten die EU, und hinter dem Gedanken einer Neuen Weltordnung steht der Vatikan. Dort sollen die internationalen Gesetze bestimmt, die globale Macht gesichert werden.»

Für einmal sind es also nicht die Juden, die angeblich nach der Weltherrschaft greifen, sondern die Katholiken. Unter allen Verschwörungstheorien ist dies eine der interessantesten, weil sie zutreffende Beobachtungen mit kaum nachweisbaren Spekulationen zu einem kühnen Gedankenmix vermengt. Wie verblendet muss jemand sein, um das glauben zu können!

J. F. Kennedy war Katholik

Da fiel mir spontan eine Äusserung meines Vaters aus meiner Jugendzeit ein. Am Tag, als der amerikanische Präsident John F. Kennedy im November 1963 ermordet wurde, sassen wir am Familientisch, hörten gebannt die Mittagsnachrichten und schwiegen betreten. Da durchbrach mein Vater das Schweigen und meinte mit Bestimmtheit: «Er wurde nur deswegen getötet, weil er Katholik war!» Diese These wurde durch keinerlei Fakten gedeckt, auch später gab es meines Wissens keine Anhaltspunkte für eine Verschwörung gegen den Präsidenten aufgrund seines Glaubens.

Die Äusserung meines Vaters, der sonst nicht zum Spekulieren neigte, war der Ausdruck eines unter Katholiken offenbar verbreiteten Grundgefühls der Bedrohung durch Andersgläubige. Trotzdem denke ich nicht, dass der Kanton Sicherheitsposten vor der Marienkirche aufstellen sollte, denn die Kirche schafft sich vermutlich allmählich selbst ab. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.03.2018, 10:59 Uhr

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