Shooter Games nicht harmlos

Dass der IS verunsicherte junge Menschen mit nur leicht veränderten Sequenzen aus «Call of Duty» und «Grand Theft Auto» rekrutiert, ist alles andere als Zufall.

Nur noch ein Level von einem Amoklauf entfernt: Jugendlicher, der ein Baller-Game spielt.

Nur noch ein Level von einem Amoklauf entfernt: Jugendlicher, der ein Baller-Game spielt.

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Shooter Games seien harmlos oder gar empfehlenswert, so Tamara Wernli in ihrem Beitrag. Ich teile ihre Forderung nach mehr Rationalität in diesem Thema, deshalb hier meine Replik.

Fakt ist: Wer Shooter Games spielt, zielt nicht nur häufiger auf den Kopf, sondern trifft auch mit echten Waffen deutlich besser. Für Soldaten macht das Sinn. Nun sind aber diese Kriegssimulatoren gleichzeitig hoch attraktive Spiele für Kinder und Jugendliche: Brillante virtuelle Materialisierung, viel Action und Abwechslung, die Verbesserung eigener Fähigkeiten in ansteigenden Levels und herausfordernder Wettbewerb machen unbestritten riesigen Spass. Aus den Kampfsimulatoren der 70er-Jahre haben sich die attraktivsten und rentabelsten Spiele aller Zeiten entwickelt. Diese Killertrainings im Kinderzimmer sind inzwischen dermassen echt, dass der Schritt von der virtuellen zur realen Welt laut Experten nur noch ein Level beträgt.

Dass Shooter Gamer die Wirkungen bagatellisieren, liegt auch an der Immunisierung gegen Kritik.

Selbst behütet aufgewachsene Jugendliche, die regelmässig diese Spiele spielen, zeigen mehr aggressive Gefühle, Gedanken und Handlungen, befürworten Gewalt mehr, haben jedoch weniger Mitgefühl mit Opfern. Dass Shooter Gamer wie Tamara Wernli derartige Wirkungen bagatellisieren, liegt einerseits an der für viele junge Menschen charakteristischen Selbstüberschätzung im Umgang mit Risiken. Es liegt aber auch an der Immunisierung gegen Kritik, wie sie bei nahezu allen zu Recht kritisierten Gemeinschaften vorkommt: Antikapitalistische Linke, stramm nationalistische Rechte oder die amerikanische Waffen-Lobby NRA nach jedem Attentat. Sie alle reden gerne von Fake-News, wenn man den Finger auf ihre wunden Punkte legt.

Natürlich stimmt auch: Millionen von Jugendlichen spielen Shooter Games, und nur ganz wenige werden zu Gewaltverbrechern. Jedoch: Nicht nur alle Schulattentäter der westlichen Staaten seit den späten 80er-Jahren, sondern auch mehrere Freizeit-Rambos in Kriegen seit dem Tschetschenien-Konflikt waren intensive Shooter Gamer. Dass der IS verunsicherte junge Menschen mit nur leicht veränderten Sequenzen aus «Call of Duty» und «Grand Theft Auto» rekrutiert, ist alles andere als Zufall.

Shooter Games für Jugendliche zu empfehlen, ist deshalb etwa gleich idiotisch wie die Bewaffnung von Lehrpersonen zum Schutz vor Schulattentätern.

Je eher ein Ballerspieler zur Risikogruppe für Gewalttätigkeit gehört, desto höher wird seine Verführbarkeit für Gewalt. Schulversagen, Mobbing, familiäre Gewalt, Selbstüberschätzung, Entfremdung, wenig ausgebildete Wertvorstellungen, erhöhte Aggressionsbereitschaft und Erregbarkeit steigern das Risiko für Gewalttaten bei gleichzeitigem Konsum gewalthaltiger Medien. Dabei entspricht der Einfluss von Mediengewalt auf die reale Aggression nahezu dem Einfluss von Rauchen auf Lungenkrebs, wie Craig Anderson und Kollegen in einer grossen Meta-Analyse feststellten. Shooter Games für Jugendliche zu empfehlen, ist deshalb etwa gleich idiotisch wie die Bewaffnung von Lehrpersonen zum Schutz vor Schulattentätern. Shooter Games sind nicht die Hauptursache für die Schusswaffenkriminalität von jungen Menschen, aber sie sind ein mitverursachender Auslöser bei Risikogruppen und sie schädigen die durchschnittliche Jugend schleichend. Es braucht hier wirksame Verbote und mehr Kontrolle – und etwas weniger Naivität.

Bernhard Hauser ist Professor an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Dieser Leserbeitrag erschein in der Basler Zeitung in der Rubrik «Einspruch». (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.03.2018, 11:33 Uhr

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