Vergiftete Geschenke

Online-Händler «überraschen» gerne ihre Kunden mit Werbegeschenken. Diese allerdings sind eher kontraproduktiv und ökologisch problematisch.

Geschenke sind häufig mit einer Erwartung des Schenkenden gegenüber dem Beschenkten verbunden.

Geschenke sind häufig mit einer Erwartung des Schenkenden gegenüber dem Beschenkten verbunden. Bild: Florian Bärtschiger

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Mit Riesenschritten rückt sie näher, die Weihnachtszeit, und damit die Zeit des Schenkens. Dieses gilt gemeinhin als uneigennützig, als freiwillige und freundliche Geste der reinen Menschlichkeit. Man braucht indes kein Zyniker zu sein, um zu erkennen, dass das bestenfalls die halbe Wahrheit ist. Wer schenkt, tut das selten ganz altruistisch, ganz ohne unbewusste oder bewusste Hintergedanken. Er will sich damit in aller Regel Sympathie, gar Freundschaft oder Treue erwerben, vielleicht dereinst einmal sogar ein Plätzchen im Himmel. Und gegen einen solchen Tauschhandel ist ja auch gar nichts einzuwenden.

Journalisten erhalten selten Geschenke, und das ist gut so, denn sie sollen unvoreingenommen und möglichst objektiv schreiben, was Sache ist. Allerdings wird das Gebot der Unabhängigkeit gelegentlich geritzt. Wer auf Einladung eines Reiseveranstalters eine teure Reise antritt und dafür nichts bezahlen muss, braucht viel Rückgrat, um danach einen Bericht zu verfassen, der nicht nur die Sonnenseiten des Reiselandes benennt.

Und es muss nicht immer eine Reise ins Land der Träume sein. Manchmal gibt es auch kleinere Verlockungen, welche die Moral eines Journalisten auf die Probe stellen. Mein geschätzter früherer Chef Reinhardt Stumm hat einmal auf eine Einladung zu einem Essen, die ihm jemand aus der Kulturszene geschickt hatte, mit dem denkwürdigen Satz reagiert: «Ich glaube nicht, dass ich mir diese Einladung leisten kann.» Er drückte damit subtil aus: Ich habe sehr wohl verstanden, dass Sie eine publizistische Gegenleistung von mir erwarten, und darauf kann und will ich mich nicht einlassen.

«Kontaminierte» Geschenke

Geschenke sind häufig mit einer Erwartung des Schenkenden gegenüber dem Beschenkten verbunden. Im schlimmsten Fall handelt es sich um sogenannte Danaergeschenke, also solche, die sich als schädlich oder gar tödlich für den Beschenkten entpuppen – wie das Trojanische Pferd, das die Griechen (= Danaer) den Trojanern überliessen und das mit griechischen Kriegern bestückt war. Worauf der Priester Laokoon gesagt haben soll, er fürchte die Danaer auch dann, wenn sie Geschenke brächten.

Das ist ein Extremfall, aber kontaminiert sind Geschenke fast immer. In Zeiten des zunehmenden Versandhandels fällt mir auf, dass manche Firmen dem Besteller ein «Bhaltis» ins Paket legen, das dieser nicht bezahlen muss und möglicherweise gar nicht braucht.

Wegen Kundenbindung und so. So bin ich, der nur selten etwas im Versandhandel ordert, schon zu zwei Gratis-Uhren gekommen, die jetzt irgendwo herumliegen, weil ich schon eine gut funktionierende, formschöne Armbanduhr besitze. Diese Billiguhren mit Leder-Imitation tragen klingende Namen, sind mit Herkunftsbezeichnungen wie «Paris» versehen und funktionieren, bis sie stehenbleiben und man sie entsorgen muss. Wirft man sie einfach in den Hausmüll, fügt man der Umwelt möglicherweise Schaden zu. Uhren als Wegwerfartikel für den Sondermüll, gehts noch? So gesehen sind das vergiftete Geschenke.

Ich weiss nicht, wie andere Leute auf solche ungebetenen Geschenke reagieren. Auf mich wirken sie eher kontraproduktiv, ich neige dazu, bei diesen Versandfirmen nichts mehr zu bestellen, weil mir Überraschungen dieser Art mehr Umtriebe als Freude bereiten und ich sie ökologisch problematisch finde. Man kann aber auch mit Humor Werbegeschenke verteilen. Als ich unlängst in der Apotheke meine Diabetes-Tabletten abholte, drückte mir der Apotheker zwei kleine Päckchen mit sogenannten Gummibärchen in die Hand. «Zuckerfrei», fügte er mit einem leicht verschmitzten Lächeln hinzu. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.11.2018, 10:58 Uhr

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