Von Freundinnen, die keine mehr sind

Die Antwort auf eine Leserfrage auf veränderte Frauenfreundschaften.

Beste Freundinnen: Szene aus dem US-Spielfilm «Super süss und super sexy». Foto: Ronald Zak/AP

Beste Freundinnen: Szene aus dem US-Spielfilm «Super süss und super sexy». Foto: Ronald Zak/AP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alle paar Jahre passiert es mir, dass eine Freundschaft, die ich als eng bezeichnet hatte, zu bröseln beginnt. Die Interessen driften auseinander, ebenso die Lebensentwürfe und teils auch die Erwartungen an den jeweils anderen. Bisher habe ich solche in Auflösung begriffenen Freundschaften zu erhalten versucht. Je älter ich werde, desto weniger Sinn macht das aber in meinen Augen. Wie lange sollte man eine Freundschaft reanimieren, bevor man sie für klinisch tot erklärt und alle Ruhe haben? P. S.

Ich treffe mich seit vielen Jahren mit Freundinnen aus der Studienzeit zu einem Frauenstamm. Meine Freundinnen haben sich in den letzten Jahren verändert. Nicht unbedingt angenehme Eigenschaften treten vermehrt in den Vordergrund (das Alter?), sodass ich mich dieser Runde immer weniger verbunden fühle. Darauf angesprochen, reagierten die Freundinnen überrascht und irritiert. Sie können meine Empfindungen nicht nachvollziehen und finden, man sei halt, wie man sei, und nach so vielen Jahren «schulde» man es sich, eine Freundschaft weiter zu pflegen. Heisst das nun im Namen der Freundschaft: «Augen zu und durch»? «Schuldet» man sich freundschaftlichen Beistand?
G. B.

Liebe Frau S., liebe Frau B.

So viel ist schon mal klar: Sie sind beide kein Einzelfall. In meiner Praxis begegne ich immer öfter Frauen wie Ihnen, die . . . – ach Quatsch. Aber ich will trotzdem mal versuchen, ziemlich spekulativ etwas Verallgemeinerbares aus Ihren sehr ähnlichen Fragen zu destillieren. Also: Ihre Probleme mit den alten Freundschaften hängen möglicherweise mit dem Wesen einer bestimmten Art von Frauenfreundschaft zusammen, die sich vor etwa dreissig Jahren zu formieren begann. Nämlich mit der Entstehung dieses Mädelsabend-Wäis-Kiani-Sex-and-the-City-Annabelle-Mamablog-Grooves, der für eine gewisse Zeit lustig gewesen sein mag, der aber auf Dauer eher das Zusammengehörigkeitsgefühl eines Teenager-Ferienlagers erzeugt hat als den Kitt, aus dem jahrzehntelange Freundschaften gemacht sind.

Nicht, dass ich Sie beide umstandslos in die Ecke besagter Wäis Kiani stellen will, aber ganz spurlos geht der Zeitgeist eben doch nicht an einem vorbei. Ich kann es nicht empirisch beweisen (nur durch die Lektüre einschlägiger Artikel, Kolumnen, Interviews anekdotisch be­legen), aber mir scheint, seit den ­Achtzigerjahren ist das Konzept der Frauenfreundschaft der Tendenz nach infantilisiert worden – als eine Art Gegenwelt zur bierernsten heterosexuellen Beziehung à la Sartre und Beauvoir (die ihrerseits ja auch ziemlicher existenzialistischer Kitsch war). Nun ging es darum, dass man an den männerfreien Abenden ganz ungeschminkt mal so richtig über die Kerls ablästern konnte sowie über die Tussis, die nur noch ihre Männer und ihre Kinder im Kopf haben.

Gleichzeitig begannen die ersten Abtrünnigen wieder in Weiss in der Kirche zu heiraten – und Kinder zu kriegen. Die Beste-Freundin-für-immer-Ideologie bekam Risse und wurde allenfalls nostalgisch. Und man entfremdete sich. Die einen schauten noch vergifteter Serien am Mädelsabend, in denen Louboutins und One-Night-Stands eine tragende Rolle spielen; die anderen debattierten noch verbohrter im Mamablog, wie lange man in der Öffentlichkeit stillen darf und wie sexy man sich als Mami anziehen darf. Kein Wunder, erodieren darüber die alten Freundschaften. Trauern Sie ihnen nicht allzu sehr nach, aber überdenken Sie das Konzept der Freundschaft. Und verzeihen Sie mir diesen kleinen Ausflug in die Küchensoziologie und meinen Versuch, Klischees mit Klischees auszutreiben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2017, 08:48 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.
Schreiben Sie an gesellschaft@tages-anzeiger.ch.

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.
Schreiben Sie an gesellschaft@tages-anzeiger.ch.

Blogs

Von Kopf bis Fuss Sorry, Chef, jetzt ist Feierabend

Nachspielzeit Pfiffe, Petarden und Kultur

BaZ Auktion

Auf zur Schnäpplijagd! Traumreisen und mehr bis zu 50% günstiger. Mitbieten vom 25.11. bis 5.12.17.

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...