Wann wird das E-Mail sterben?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

«Sie haben 1330 neue Nachrichten»: Der Uralt-Dienst E-Mail ist ein Evergreen.

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Viele möchten das E-Mail lieber heute als morgen tot sehen. Zum einen natürlich all die Softwarehersteller, die mit ihren Apps die elektronische Post beerben möchten – egal, ob sie nun Whatsapp, Threema, Signal oder Snapchat heissen. Denn Samuel «Ray» Tomlinson, der 1971 das Mail erfand, hat die kommerziellen Möglichkeiten leider komplett übersehen: Mit einem kostenlosen Messenger kann man wunderbar Nutzerdaten sammeln.

Nicht nur das: Man kann, so wie WeChat in China, einen virtuellen Wirtschaftsraum aufbauen, in dem die Nutzer Taxis bestellen, Reisen buchen, eigene Shops betreiben und Geldüberweisungen tätigen – natürlich alles gegen eine kleine Provision für den Betreiber. Doch Tomlinson, der hat E-Mail als offenes System gebaut: Der Nutzer darf nicht nur sein Programm beliebig wählen, sondern auch seinen Anbieter. Er kann sogar seinen eigenen Server betreiben, wenn ihm danach ist. Doch so viel Wahlfreiheit behindert natürlich das Geschäft.

Andererseits haben auch viele Nutzer genug von diesem archaischen Kommunikationskanal. Dass Mails unverschlüsselt verschickt werden, ist für die meisten kein echtes Problem: Denn Schnüffler, welche die im Schnitt brutal banalen Alltagsbotschaften abfangen und auch noch lesen, haben es nicht besser verdient. Ein echtes Problem ist indessen, dass ständig die Umlaute verhackstückt werden, die wirklich wichtigen Nachrichten garantiert im Spam-Ordner hängen bleiben und Anhänge nicht durchkommen, nur weil sie grösser als 100 Megabytes sind. Und geradezu fatal am Mail ist der «Allen antworten»-Knopf: Den klickt man immer dann aus Versehen an, wenn man doch nur aus Gründen der Psychohygiene eine kleine, zynische Privatnachricht hat loswerden wollen.

Es gäbe genügend Gründe, das Mail ad acta zu legen: Da sind diese ellenlangen Disclaimer, die manche Leute unter jede einzelne Nachricht hängen. Da steht drin, dass jeder tot umfallen soll, der es wagt, eine Nachricht zu lesen, die aus Versehen in seiner Inbox gelandet ist. Hallo: Schon einmal etwas von Neugierde gehört? Da gibt es dieses unsägliche System der Einrückungen, mit der in längeren Dialogen ältere Einlassungen formatiert werden – das eher früher als später ein komplettes Umbruchchaos bewirkt. Und da gibt es diese barocken und künstlerisch überaus wertvollen Signaturen, die den Inhalt komplett erschlagen.

Doch so gut all diese Gründe sind, diesen alten Zopf aus der Internet-Steinzeit abzuschneiden, wird das niemals passieren: Das E-Mail ist für immer. Denn wie würde man sich beim nächstbesseren Kommunikationssystem anmelden wollen, wenn man keine E-Mail-Adresse mehr hat?

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 30.11.2018, 18:48 Uhr

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