«Was auf meinem Grabstein stehen soll? Lieber du wärst tot als ich»

Er soff mit Andreas Baader und schrieb für Boris Becker, er arbeitete als Kriegsreporter und lebte in der Nacht. Am Dienstag wurde Franz Josef Wagner, der bekannteste Kolumnist Deutschlands, 75.

Fenster runter, Arm raus: FJW mit seinem Porsche Carrera 911, Baujahr 1984, dark blue, 231 PS und 250 km/h Höchstgeschwindigkeit, vor der Paris Bar in Berlin-Charlottenburg.

Fenster runter, Arm raus: FJW mit seinem Porsche Carrera 911, Baujahr 1984, dark blue, 231 PS und 250 km/h Höchstgeschwindigkeit, vor der Paris Bar in Berlin-Charlottenburg. Bild: Maxime Ballesteros

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Nach dreieinhalb Stunden und einer halben Schachtel Zigaretten ist das Interview um 18 Uhr vorbei. Es besteht die vage Hoffnung, dass es weniger warme Luft ist als draussen, aber draussen sind über 30 Grad. «Ich könnte damit nichts anfangen», sagt der Mann, der jahrelang Chefredaktor der «Bunten» war, der Romane geschrieben hat, als Ghostwriter die Autobiografien von Boris Becker, Franz Beckenbauer und Udo Jürgens, der ein Seismograf der deutschen Seele ist und seit Jahren in der «Bild»-Zeitung an Menschen, Tiere und sogar Naturkatastrophen kurze Briefe richtet: 40 Zeilen zwischen Prosa und Poesie – «Post von Wagner», die bekannteste Kolumne Deutschlands.

Er kommt gerade von der Physiotherapie. Man weiss, dass er fast so gerne Tennis spielt, wie er raucht, und man fragt: «Wegen Tennisarm?»

«Nein. Eigentlich wegen allem.»

Er trägt Polo-Shirt, kurze Hosen und Turnschuhe, die halb so alt aussehen wie er, und er sah vorletzten Freitag noch ungefähr so alt aus, wie er heute Dienstag wird: 75.

Wahrscheinlich geht er abends, nach dem Interview, in die Paris Bar in der Kantstrasse, gleich bei ihm um die Ecke in Berlin-Charlottenburg, und trinkt ein paar Gläser Weisswein und raucht ein paar Gitanes und unterhält sich kurz mit jenen, die er dort kennt, und länger mit seinen Gedanken. Manchmal hört man das helle Klicken seines Feuerzeugs häufiger als seine dunkle Stimme. Es kann aber auch sein, dass er in seinen Porsche steigt, den Ellbogen raushängt und ins Reich der Gravitation und der Fliehkräfte beschleunigt, dem Blutmond entgegen.

Franz Josef Wagner: Es wundert mich, dass ihr ein Interview von mir wollt.

BaZ Sie sind der bekannteste Kolumnist Deutschlands.
Auf jeden Fall schreibe ich schon länger als alle andern.

Haben Sie heute schon geschrieben?
Heute ist Freitag, das ist mein day off.

Und wenn Sie eine Kolumne schreiben müssten? Wir haben jetzt halb drei. Wären Sie schon fertig?
Ich liefere erst um sechs. Am Vormittag lese ich und schaue fern. Um zwei, drei entscheide ich mich für ein Thema. Dann recherchiere ich, und von vier bis sechs schreibe ich.

Das heisst, Sie schauen morgens in die Zeitungen und denken sich: Die Waldbrände – das ist mein Thema? Oder gehen Sie schon mit einer Idee ins Bett?
Das Thema bestimmt der Tag.

Und wenn der Tag kein Thema hergibt?
Wenn ich an der Wand bin, muss ich warten. Es funktioniert dann schon irgendwann. Ich bin ein professioneller Schreiber. Ich arbeite, weil ich meine Miete bezahlen muss. Es gibt kein Geheimnis.

Verdammen Sie sich manchmal, diese Verpflichtung eingegangen zu sein, täglich eine Kolumne zu schreiben?
Nein, die Kolumne zwingt mich, morgens aufzustehen, fit zu bleiben. Es ist ganz schön, den Maschinenraum anzuwerfen, sich zu informieren, nachzudenken.

Wie werfen Sie den Maschinenraum an?
Mit Espresso und Gitanes. So hole ich mir den Appetit aufs Schreiben.

Ausser freitags.
Am Freitag und Samstag schreibe ich an einem Buch.

Einem Roman?
Einem Doku-Roman, mit einigen wagnerschen Wahrheiten.

Was soll das sein?
Kennt ihr meinen «Brief an Deutschland»?

Ja.
Das wird so ähnlich. Biografie, vermischt mit deutscher Geschichte und deutschen Gefühlen.

Kommen Sie gut voran?
Ich will mich nicht so hetzen lassen wie beim letzten Buch. Das musste ich in wenigen Monaten schreiben, weil es der Verlag zu einem Jubiläum herausbringen wollte.

Sind Sie nicht zufrieden damit?
Mit dem Anfang, meinen jungen Jahren, bin ich sehr zufrieden. Die Gegenwart gefällt mir nicht, da habe ich mich ausgeblendet. Deshalb beginnt das neue Buch mit der Gegenwart, also nach der Wende. Seit einem Dreivierteljahr sitze ich dran. Aber ich habe noch nicht den perfekten Satz gefunden wie Einstein seine Formel.

Sie haben kürzlich über die Waldbrände in Griechenland geschrieben. Da lautete der erste Satz: «Das schlimmste Wort für Feuer ist die Hölle, der Ort der Qual, wo alle Sünder schmoren.»
Ja.

Und der letzte: «Warum hat uns Gott dieses Feuer gegeben?» Das klingt natürlich gut, aber wahrscheinlich war es ganz profane Brandstiftung.
Als ich die Kolumne schrieb, war das erst eine Vermutung. Jetzt ist es eigentlich Gewissheit: Irgendwelche Leute wollen, dass Kulturland zu Bauland wird. Also stecken sie das Kulturland in Brand, damit dort nichts mehr wächst. Das ist eine Mafia.

Leiden Sie wirklich mit, wenn Sie diese Tragödie beschreiben, oder ist das Pose? Erzeugen Sie mit Ihren sprachlichen Mitteln einfach eine Stimmung, die Sie selbst gar nicht empfinden?
Ich war einmal im Friedensmuseum in Hiroshima. Da leidest du körperlich, wenn du diese Erinnerungsstücke siehst, überzogen vom Schatten des Todes. Und nun gab es diese erschütternden Fotos aus Griechenland. Du hast die Katastrophe nicht nur in den Gesichtern der Überlebenden gesehen, sondern auch an den verletzten Autos. Das waren ja Autoleichen. Und unter diese Autos haben sich die Menschen verkrochen, aus Angst vor dem Feuer.

Weshalb das biblische Motiv?
Ich bin gläubiger Katholik. Der Herr ist uns mit dem Feuer erschienen, dem brennenden Dornbusch. Dann ist die Kontrolle des Feuers auch einer der grössten Zivilisationsschritte der Menschheit. Das Feuer und der Mensch, das ist eine unendliche Geschichte. Wenn du das drei-, viermal antippst, hast du schon eine Stimmung erzeugt: Feuer als Strafe, Feuer als Reichtum, Feuer als Waffe, Feuer als Wärme.

Stört es Sie nicht, dass Sie auf dem beschränkten Platz, den Sie mit der Kolumne haben, vieles nur antippen und kaum etwas erklären können?
Das Beste an meiner Kolumne ist, dass sie dem Leser nicht die Zeit stiehlt. Vierzig Zeilen tun nicht weh. Das liest du in einer Minute.

Manchen tun diese Zeilen offenbar weh. Die TAZ schrieb einmal über Sie: «Gerne gönnen wir uns morgens seine Kolumne als erste Zärtlichkeit des Tages. Oder als erste Ohrfeige.»
Das juckt mich nicht.

Und die Kritik in den sozialen Medien? Schauen Sie manchmal nach, was da über Sie geschrieben wird?
Nie. Aber ich erfahre es schon, wenn wieder ein Sturm aufzieht.

Was ist das schönste Lob, das Sie für Ihre Briefe erhalten haben?
Einmal traf ich Frank Schirrmacher.

Den verstorbenen FAZ-Herausgeber»…
Ich sagte ihm, dass ich ihm gerne einen Brief schreiben würde. «Da würde ich mich sehr geehrt fühlen, von einem Volksschriftsteller wie Ihnen einen Brief zu erhalten», sagte Schirrmacher. Ich dachte: Volksschriftsteller, wunderbar. Aber ich weiss nicht, ob dieser Harlekin das ernst gemeint hat.

Gibt es Themen, über die Sie keine Briefe schreiben?
Es gibt Themen, die nicht in 40 Zeilen passen. Oder man ist schon sehr philosophisch. Heimat ist schwierig.

Im «Brief an Deutschland» schreiben Sie, Ihre Heimat sei Ihnen mit dem Grundgesetz geschenkt worden.
Das ist so ein wohlfeiler Satz. Aber das Land, in dem ich lebte, bekam damit einen Namen und eine Hymne. Was haben wir denn vorher gesungen? Karnevalslieder.

Wagner ist ein Kriegskind, geboren am 7. August 1943 in Olmütz, Mähren. Die Eltern sind Sudetendeutsche, deren Vorfahren seit Generationen in dieser Gegend lebten, die nun die Nazis besetzt halten. Der Vater ist Soldat im Wetterdienst der Wehrmacht und oft in der Luft, um Prognosen zu machen für die Heere an der Ostfront. Die Mutter kann vom Entbindungsbett die Flugzeuge hören, die vom nahegelegenen Militärflughafen starten. Sie stellt sich vor, wie ihr Mann über das Spital fliegt, als sie ihren Sohn gebärt. Womöglich mischt sich dessen erster Schrei in den Motorenlärm der deutschen Maschinen.

Als die Rote Armee heranrückt, flieht die Mutter mit ihren beiden Kindern nach Westen, Franz Josef an die Brust gewickelt, dessen eineinhalb Jahre älteren Bruder mit einem Strick an ihr Handgelenk gebunden. Sie irren von Dorf zu Dorf, nach Essen und Geld bettelnd, schlafen unter Bäumen und in Scheunen, bis eine amerikanische Patrouille sie aufgreift und in ein Lager bei Nürnberg bringt. Wenn die Ratten kommen, sagt die Mutter zu ihren Söhnen: «Es sind Kätzchen.»

Später ziehen sie in ein Dorf in der Gegend, wo Wagner aufwachsen und sich fremd fühlen wird, weil er einen anderen Dialekt spricht als die anderen Kinder und keine Verwandten von ihm auf dem Dorffriedhof liegen. Seinen Vater, der in Kriegsgefangenschaft geriet, lernt er kennen, als er fünf ist. Er hat Angst vor dem fremden Mann und schlägt mit einer Weidenrute nach ihm.

Erinnern Sie sich an die Flucht mit Ihrer Mutter?
Ich kenne die Geschichte nur aus Erzählungen. Aber diese Bombennächte, die ich als Kleinkind erlebte – das ist in der Seele eingeschrieben. Es ist wie mit diesen alten Bomben, die noch überall vergraben sind: Irgendwann kommt das hoch.

Gibt es Geräusche, die Sie aufschrecken lassen?
Nein, aber durch die Diskussion um die Flüchtlinge wird das Gefühl wach – was das bedeutet: die Flucht, das Ausgeliefertsein, der Trennungsschmerz. Ich weiss es von meinen Eltern: Der Heimatverlust kommt gleich nach dem Verlust eines eigenen Kindes. Es ist ein Todesfall. Sie sind gebrochenen Herzens gestorben.

Wie fanden Sie die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel im Herbst 2015? Diese Willkommenskultur?
Die Flüchtlinge reinzulassen, war richtig. Diese Leute kamen aus Syrien, aus dem Krieg. Es offenbarte auch eine wunderschöne Seite von Deutschland, diese Barmherzigkeit. Was ich mir nicht vorstellen konnte, war der administrative Kontrollverlust: Dass die Flüchtlinge ohne Pässe oder sonstige Papiere einreisten, und das nach Deutschland, wo du registriert wirst, wenn du das Auto falsch parkierst.

Kann man diesen Fehler wiedergutmachen?
Ich weiss es nicht. Wir dachten ja bis vor drei Jahren, das Thema sei gegessen. Die Migration war kontrolliert, die Integration funktionierte. Jetzt müssen wir diesen Brei, der längst verdaut war, wiederkäuen wie Erbrochenes.

Welchen Brei?
Diese unglückselige, toxische Diskussion, vor allem mit den Rechten. Peter Gauweiler von der CSU ist mein einziger Freund in der Politik. Der galt früher als rechtsaussen, da lachst du heute, wenn du Politiker wie Höcke oder Gauland siehst. Oder du weinst.

Verschluckt sich Deutschland gerade?
Ich weiss es nicht. Die AfD wird es uns aber nicht so einfach machen wie die Piratenpartei, die von selbst wieder verschwunden ist. Vielleicht sollte Angela Merkel mit der AfD koalieren. Sie hat noch jeden Partner plattgemacht.

Kennen Sie Angela Merkel?
Ich sass einmal in der Nähe von ihr, an einem Nebentisch. Sie hat einen entwaffnenden, schnellen Ostwitz und trinkt auch den einen oder anderen Schluck. Im kleinen Kreis gewinnt sie unheimlich, das sagen alle, die sie kennen. Aber jetzt ist sie dreizehn Jahre im Amt. Es ist wie bei de Gaulle in den Sechzigern: Dix ans, ça suffit.

Reagiert sie auf Ihre Briefe?
Ich lobte einmal ihr Schuhwerk: dass das so praktische Frauenschuhe seien. Da liess Sie mir ausrichten, das seien gar keine Frauenschuhe… Also, ich habe ziemlich lange positiv über sie geschrieben, jetzt finde ich, es fehlt ihr die Idee. Sie sagte lange, wir schaffen das, aber was das sein soll und wie, dazu fällt ihr nichts ein.

Was wird von ihr bleiben?
Die Flüchtlinge. Und die werden lange bleiben. Wie lange dauert Integration? Eine Generation, zwei Generationen? Es macht natürlich einen Unterschied, ob du Franz Josef oder Mohammed heisst. Die heutigen Flüchtlinge haben es schwerer, als ich es hatte. Aber ich glaube, du kommst durch, wenn du dich anstrengst. Wir Deutschen sind ja offenen Herzens. Wir wollen diesen Menschen helfen.

Probleme sehen Sie keine?
Ich weiss natürlich nicht, ob sich die Flüchtlinge anstrengen. Ein Freund, der in Dakar lebt, sagte mir kürzlich, wir sollten nur noch Frauen aufnehmen, weil die wirklich arbeiten wollen. Wir Männer seien ja mehr so Hänger und Angeber. Uns ginge es vor allem um Bier und Sex und Autos. Das kann schon sein. Ich bin ja auch so ein Hedonist.

Wagner ist 17, als er von zu Hause abhaut. Er denkt, er sei ein Dichter, und lebt die ersten Wochen im Wald. Wenn er Durst hat und kein Wasser findet, leckt er den Tau von den Blättern. Ein junger deutscher Romantiker.

Er hat Bücher von Hesse dabei und von Hemingway – Hemingway all the way bis Genf, wo er hängen bleibt. Er putzt Swissair-Maschinen und füllt Migros-Gestelle auf und staunt über eine Stadt, die ihm vorkommt wie eine Geburtstagstorte mit Kerzen, voller Hotelpaläste und mit intakter Altstadt.

Bald lernt er ein deutsches Au-pair kennen, das später seine Frau und die Mutter seiner Tochter wird, aber die Liebe hält ihn nicht auf. Er zieht weiter nach Paris, wo Hemingway lebte und jetzt Sartre, dem er im Café de Flore begegnet und der ihm «bonne chance, jeune homme!» wünscht bei seinen Versuchen als Schreiber, denn das will er werden: ein Schreiber, nein, ein Schriftsteller, ein Dichter.

Er arbeitet als Gärtner und als Möbelpacker, wenn er nicht im Deux Magots oder im Nuage sitzt und vom grossen Roman träumt. Ein deutscher Journalist rät ihm, ein Volontariat zu suchen, also geht er zurück nach Deutschland, wo er in München eine Stelle findet.

Er ist jetzt Anfang zwanzig, schreibt tagsüber auf, wie die Feuerwehr eine Igelfamilie über die Maximilianstrasse begleitet, und zieht nachts durch die Schwabinger Kneipen, immer öfter mit einem Saufkumpan, der Andreas Baader heisst und ebenso ein Nachtidiot gewesen sei wie er, wie Wagner heute sagt. Später arbeitet er als Kriegsreporter für den Springer-Verlag, in Vietnam und Israel.

Sind Sie eigentlich ein offener Mensch?
Ich bin auf jeden Fall einer, der lange sitzen bleibt. Wenn ich in eine Kneipe gehe, bin ich einer der Letzten, der heimgeht.

Stimmt es, dass Sie nur Weisswein trinken?
Manchmal Rosé.

Kein Bier, kein Rotwein?
Ich habe hier ganz teure Rotweine. Die hat mir ein Freund meiner Kolumnen vermacht. Fünfzig Jahre, hundert Jahre alte Rotweine.

Weshalb trinken Sie keinen Rotwein? Schmeckt er Ihnen nicht? Oder bringt er die dunklen Seiten zum Vorschein?
In Genf trank ich einmal einen Côtes du Rhône. Am nächsten Tag hatte ich eine blaue Zunge. Ich dachte, ich sei krank.

Wahrscheinlich höchstens verkatert.
Egal. Ich hatte Ekel davor.

Es soll vorkommen, dass Sie zum Weinhändler Klemke hier um die Ecke gehen und «sechs Flaschen Weisswein, eine gekühlt» bestellen…
Ja, das kann schon mal passieren.

Was trinken Sie? Riesling? Sauvignon?
Ich trinke Gavi… Sagt mal, wer erzählt euch so was? Leute, die mich beobachten, wenn ich zu Klemke gehe?

Das haben wir aufgeschnappt. Se non è vero, è ben trovato.
Also, ich bin mit dem Alkohol nicht verfeindet. Ich kann auch nicht nur ein oder zwei Gläser trinken. Wenn die Flasche offen ist, leere ich sie. Ich mag das auch gern. Ich finde wie Ernst Jünger, dass der Mensch ein Recht auf Rausch hat.

Schreiben Sie nüchtern, oder benützen Sie manchmal Literatenwasser, um das Ganze schön fliessen zu lassen?
Literatenwasser möchte ich es nicht nennen. Aber wenn ich drei, vier Seiten für ein Buch schreibe, kann es vorkommen, dass ich dazu drei, vier Gläser trinke. Das ist ein Beschleuniger. Es macht dich auch hemmungsloser. Am nächsten Morgen redigierst du den Text und schmeisst die Hälfte weg. Deshalb hat es keinen Zweck, die Kolumne betrunken zu schreiben, weil ich die nicht mehr überarbeiten kann.

Wo trinken Sie am liebsten?
In der Paris Bar, hier in Charlottenburg. Die haben jetzt übrigens ein neues Publikum. Früher sah man da das gramgebeutelte Gesicht einer 58-jährigen «Tagesspiegel»-Feuilletonistin, die ihre vier Sauvignons süffelte. Heute überall schöne Mädchen.

Sie sagten einmal, Sie sässen in der Paris Bar immer mit dem Gesicht zur Tür und warteten, dass die Frau Ihrer Träume eintrete…
Ja, aber jetzt sitze ich schon vor der Tür. Und ich bin ja kein richtiger Single. Ich lebe nur seit vierzig Jahren getrennt von meiner Frau.

Kann man sagen, dass Sie gar nicht anders können, als alleine zu leben?
Als ich mit meiner Frau zusammenlebte, nahm ich mir eine Zweizimmerwohnung, um meinen ersten Roman zu schreiben. Ich blieb oft eine Woche oder länger in dieser Wohnung. Das hat sich einfach nicht vertragen, das Schreiben und die Familie. Lieben – ja, leben – nein. Aber unser Verhältnis ist sehr gut, zärtlich fast, ebenso zu meiner Tochter.

Man sagt über Hemingway, dass er nur einen neuen Roman schreiben konnte, wenn er eine neue Frau hatte.
Jetzt seht ihr, was mir entgangen ist. Deshalb gibt es keinen grossen Roman von mir.

Denken Sie manchmal, Sie hätten mehr aus Ihrem Talent machen können?
Ihr meint, ich habe Perlen vor die Säue geworfen? Bin ich eine Perle? Das weiss ich doch nicht. Die Frage meines Lebens ist doch: Was kann ich überhaupt? Ausser ein bisschen Tennis spielen und Porsche fahren.

Seinen ersten Porsche kauft Wagner in den späten Siebzigern, nachdem er einen Bestseller gelandet hat: «Das Ding», das als Zweiteiler verfilmt wird. Es hätte jetzt so weitergehen können – Bücher schreiben, mit Wondratschek und Fauser und den anderen Schriftstellern aus München im Schumann’s abstürzen –, aber «ich war auch so ein Arschloch, das auf einen Chefredaktoren-Posten hereinfiel».

Er übernimmt die «Bunte», später die «Super!» und die «B.Z.», er entwickelt Zeitschriften wie «Elle» und «Superillu» und dichtet Schlagzeilen wie «Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen. Ganz Bernau ist glücklich, dass er tot ist». Seine Karriere endet, als er 2000 in der «B.Z.» titelt: «Franziska van Speck, als Molch gewinnt man kein Gold» (gemeint war die Schwimmerin Franziska van Almsick, die an den Olympischen Spielen in Sydney trotz Fettpölsterchen unterging). Seither ist er Chefkolumnist der «Bild»-Zeitung.

Es ist, so wie er das tut, ein einsamer Job: ein Mann, eine Schreibmaschine. Man hat das Gefühl, dass er die Welt mehr liest als lebt. Seine Wohnung, die so gross ist, dass fast das ganze Ego der «Bild»-Zeitung darin Platz hätte, ist geschmückt mit Büchern, Bildern, Tennispokalen und ein paar gerahmten Fotografien seiner Tochter und seiner Enkelin. Es ist die geräumige Höhle eines Wortwolfes, der darin auf Suche nach Beute herumtigert.

«Habe ich Freunde?», fragte Wagner in einer Kolumne vor ein paar Wochen. «Traurigerweise habe ich keine Freunde mehr. Ich hatte drei Freunde. Einer verunglückte, einer sprang aus dem Fenster. Einen killte der Krebs.»

Wenn er in seiner Küche die Espresso-Maschine bedient – sein drittwichtigstes Arbeitsinstrument nach Computer und Feuerzeug – sieht er daneben auf dem Tisch eine kleine Kerze in einem Glas, ein Geschenk seiner Enkelin. Ein Stück Papier ist um das Glas gefasst, darauf geschrieben: «Opas Ideen-Kerze». Sie ist unangezündet.

Haben Sie noch Träume?
Tja, niemand will jung sterben, aber alt werden will auch keiner. Es gibt Träume, die man nicht mehr hat. Ich hätte gerne ein Haus mit blauen Fensterläden am Meer. Das werde ich mir nicht mehr kaufen.

Warum nicht?
Ein Haus zu kaufen, heisst, eine Zukunft darin zu haben, sich einen Hund anzuschaffen. Dafür bin ich zu alt.

Sie mögen Hunde?
Eigentlich lieber als Menschen. In den Hamptons hütete ich mal ein paar Monate lang einen Rottweiler. Er gehörte einer Freundin aus New York, einer wilden Frau. Eines Tages schliefen wir zusammen ein, also der Hund und ich, und ich wachte auf seinem Bauch auf, und danach waren wir unzertrennlich. Drei Monate nachdem ich wieder in Deutschland war, ist er in New York aus dem Fenster gesprungen. Aus dem 30. Stock.

Der Hund soll Selbstmord begangen haben, weil er von Ihnen getrennt war?
Nein, ein Hund hat keine Fähigkeit zum Selbstmord, der kann sich das ja nicht vorstellen.

Für die Geschichte wäre es besser, er hätte sich aus Sehnsucht umgebracht.
Ja, aber diese Geschichte würde nicht mal bei der «Bild» standhalten. Also, ich glaube, der Hund ist einfach verrückt geworden. Das kann ja passieren.

Erinnern Sie sich an Ihre Träume als junger Mann?
Einen Porsche zu besitzen, nach St-Tropez zu fahren, auf dem Beifahrersitz ein schönes Mädchen, Fenster runter, Ellbogen raus.

Und Ihre Bilanz?
Ich habe einen Porsche und fahre jedes Jahr nach St-Tropez. Aber allein.

Wann?
Zum Saisonende, im September, wenn der Sommer stirbt.

Wie sieht Ihr Tag dort aus?
Der Tag sieht toll aus.

Erzählen Sie mal.
Also, ich wohne immer in einem kleinen Hotel bei der Bucht von Ramatuelle. Da schlafe ich gut. Am Morgen trinke ich einen dreifachen Ristretto, klaue ein Croissant, rauche zwei Gitanes und schaue aufs Meer. Dann fahre ich nach St-Tropez und kaufe mir die französischen Zeitungen: «Nice-Matin», «Le Monde», so was.

Finden Sie die gut?
Furchtbar. Aber auf dem Place de Lices liest man das gerne. Um zwei bin ich wieder im Hotel und gehe schwimmen.

Das machen Sie alles allein…
Das ist wunderbar. Später liege ich im Liegestuhl und lese.

Was lesen Sie?
Romane. Aber seit Philip Roth nicht mehr schreibt, ist das nicht mehr so einfach.

Wie geht es weiter?
Ich dusche und fahre wieder nach St-Tropez zum Abendessen. Weil die Polizei dort sehr streng ist, trinke ich aber nur zwei Gläser. Wenn ich wieder in der Bucht bin, trinke ich hier und dort noch was, und im Hotel lasse ich mir dann vom Nachtportier eine halbe Flache Minuty bringen.

Weshalb nur eine halbe Flasche?
Das sind vier Gläser, das reicht. Ich schaue aufs Meer, rauche und versinke im Narrengold des Mondes und denke mir, wie gut ich es habe.

Ein perfekter Tag?
Ja.

Wie sind Sie auf St-Tropez gekommen?
Da gab es diesen Film mit Brigitte Bardot: «Et Dieu… créa la femme». Ich habe ihn in meiner Pariser Zeit gesehen. Das war die Motorroller-Zeit.

Haben Sie noch Kontakt zu Bekannten aus diesen Tagen?
Nein, die habe ich alle aus den Augen verloren. Die sind jetzt auch 75, 80 und haben sich vielleicht den Krebs angeraucht oder die Demenz angesoffen.

Diese Gefahr besteht bei Ihnen nicht?
Demenz weiss ich nicht, Krebs hoffe ich nicht.

Was wäre schlimmer?
Wenn ich wählen müsste, würde ich gerne einen Tag vorher wissen, dass ich an Demenz erkranken werde – damit ich noch handeln kann.

Was wäre die Handlung?
Die Handlung wäre Exit.

Sind Sie schon Mitglied?
Das kann man ja organisieren.

Denken Sie an den Tod?
Nein. Natürlich wäre es mir am liebsten, heute Abend nach dem Besuch in der «Paris Bar» ins Bett zu gehen und nicht mehr aufzuwachen. Das wäre wunderbar.

Es muss ja nicht gerade heute sein…
Andererseits kann der Tod auch keine Alternative zum schönen Leben sein. Ich will immer noch in der Bucht von Ramatuelle schwimmen gehen. Gunter Sachs, der dort sein Anwesen hatte, ist ja verrückt geworden, weil er zu viel gegoogelt hat über Alzheimer.

Kannten Sie ihn gut?
Wir waren miteinander bekannt. Drei Wochen vor seinem Tod hat er mir noch alle möglichen Sachen geschickt: vier Entschuldigungsbriefe, die ich ihm als «Bunte»-Chefredaktor geschrieben hatte, weil wir böse Geschichten über ihn im Blatt hatten, Quittungen von Spenden, die ich an die Stiftung seiner Frau gemacht hatte, einen Ausweis auf Lebenszeit für den Dracula-Club in St. Moritz.

Erwähnte er nicht, dass er aus dem Leben scheiden wolle?
Nein.

Was soll einmal auf Ihrem Grabstein stehen?
Das habe ich als Chefredaktor auch immer fragen lassen.

Und?
Lieber du wärst tot als ich.

Ernsthaft?
Ich weiss es nicht. Ich mache mir auch keine Gedanken darüber, wo ich bestattet werden möchte.

Sie sind auch erst 75. Da stirbt sichs nicht so leicht…
Wollen wir mal die Todesanzeigen in den Zeitungen anschauen?

Klar.
Wann sind die geboren?

1947, 1960, 1976.
Alle jünger als ich.

Beunruhigt Sie das?
Nein, eigentlich nicht. Wenn man noch aktiv ist, spielt das Alter keine so grosse Rolle. Ausserdem bin ich zwölf Tage jünger als Mick Jagger.

Und still rocking…
Ja, der ist fantastisch.

Nein, Sie. Sie schreiben ja noch jeden Tag. Das muss man auch erst einmal schaffen: so zu leben und die Sprache nicht zu verlieren.
Das liegt an der Kolumne. Sie gibt mir eine Struktur.

Was würde passieren, sollten Sie die Kolumne verlieren?
Ich würde sie für eine andere Zeitung schreiben. Oder ein neues Buch.

Wie wird es enden?
Keine Ahnung. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.08.2018, 10:59 Uhr

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