Wehe, wer «Fränkli» statt Franken sagte

Einblicke in die Kindheits- und Jugendjahre im alten Basel: Wie streng die Oberschicht ihren Nachwuchs erzog.

Im Alter von drei Jahren kamen Buben und Mädchen gemeinsam in die «Häfelischule». Die historische Aufnahme zeigt die Kleinkinderschule an der Kleinbasler Utengasse, datierend aus dem Jahr 1858.

Im Alter von drei Jahren kamen Buben und Mädchen gemeinsam in die «Häfelischule». Die historische Aufnahme zeigt die Kleinkinderschule an der Kleinbasler Utengasse, datierend aus dem Jahr 1858. Bild: Staatsarchiv Basel-Stadt

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Nachdem er bereits des Öfteren stolz von der Vorgängerin bei Spaziergängen präsentiert worden war, bedeutete die Taufe im alten Basel natürlich den ersten grossen Auftritt des kleinen Erdenbürgers. Wegen der hohen Kindersterblichkeit fand diese bis ins frühe 19. Jahrhundert oft schon zehn Tage nach der Geburt, in späteren Zeiten sechs bis acht Wochen danach statt. Dieser Anlass war für die junge Mutter nach dem langen Wochenbett oft die erste Gelegenheit, auszugehen.

Ein Junge bekam in Basel eine Gotte und zwei «Getti», das Mädchen entsprechend zwei Gotten und einen Getti. Grössere Taufen fanden häufig in der Niklauskapelle des Münsters statt. Zu diesem Anlass bat man die Hebamme hinzu, welche den kleinen Täufling in dem langen, weissen, rosa oder blauen Kleidchen und Häubchen in die Kirche trug. Dort legte sie ihn, gemäss Zeremoniell, den Patinnen und Paten in der richtigen Reihenfolge auf den Arm. Das Tragkissen brachte in den meisten Fällen sie mit.

Nach der Taufe erhielt sie einen gebratenen «Giggel» (Hahn) und eine Torte. In den ländlichen Gebieten ging die junge Mutter oft nicht mit in die Kirche, sondern bereitete zu Hause ein üppiges Mahl für die Taufgesellschaft vor.

Der Einbund als Taufgeschenk

Zur Taufe erhielt das Neugeborene den sogenannten «Einbund» in den Sparhafen, ein Goldstück im Wert von 40 Franken, das man in eine Visitenkarte einschnitt. Die Grosseltern schenkten zudem einen silbernen Trinkbecher, die Paten Silberbesteck zusammen mit einem frommen Spruch oder Bibelvers. Silberbesteck zu überreichen, war noch bis in die 1970er- Jahre Brauch. Während seiner ganzen Kindheit bis zur Volljährigkeit bekam das Kind an Neujahr, Messe, Geburtstag und anderen Gelegenheiten einen Batzen geschenkt. Bei Volljährigkeit durften sowohl Jungen wie auch Mädchen frei über dieses Geld verfügen, auch der Ehemann konnte seiner Gattin später nicht vorschreiben, wofür sie es ausgab.

Nach etwa einem halben bis zu einem Jahr wurde die Vorgängerin, die Mutter und Kind nach der Geburt betreut hatte, von der Kindsmagd abgelöst, die meist den gesamten Nachwuchs einer Familie aufzog. Sie spielte eine wichtige Rolle im Leben eines Kindes aus der Oberschicht. Sie tröstete, wenn die Kleinen von Vater oder Mutter gescholten wurden, sie rettete heimlich eine «verknorzte» Handarbeit der kleinen Schülerin oder brachte dem ins Zimmer Verbannten etwas zu essen.

Es war sowohl für die Kinder wie auch die Magd ein unglaublich trauriger Tag, wenn sie das Haus eines Tages verliess, um in einer anderen Familie den Nachwuchs zu betreuen.

Generöse Grossmütter

Neben den Eltern und der Kindsmagd waren auch die Grossmütter sehr prägend im Leben eines Kindes. Sie luden die Kleinen regelmässig ein, bestrickten, bestickten und verwöhnten sie. In zahlreichen Texten von Enkeln und Enkelinnen kommen der grosse Respekt und die Liebe zum Ausdruck, die sie gegenüber den Grosseltern empfanden. Auch die Tanten, vor allem wenn sie ledig blieben, halfen mit, die Mütter zu entlasten. Denn trotz zahlreicher Dienstboten war oft ein riesiger Haushalt zu organisieren.

Auffallend ist, gemäss erhaltener Quellen, wie streng die Kinder noch bis ins frühe 20. Jahrhundert erzogen wurden. Viel Wert legte man auf korrektes Verhalten gegenüber den Mitmenschen sowie Bescheidenheit, auch wenn sie der Oberschicht angehörten. Ratsherr Karl Sarasin-Sauvain (1815–1886) wurde stets wütend, wenn die Kinder locker vom «Fränkli» statt respektvoll vom Franken sprachen. Valeria Thurneysen-Ryhiner (1815–1894) schildert in ihren Jugenderinnerungen, wie sie einmal auf dem Markt der Versuchung erlag, ein Rosenstöcklein für sechs Batzen zu kaufen, obwohl sie nur drei besass, da sie annahm, das fehlende Geld nachliefern zu können. Der Vater verbot allen im Haus, ihr zu helfen. Erst nach einigen Tagen bitterer Reue händigte er ihr das fehlende Geld aus.

Natürlich wünschte man sich insgeheim einen Stammhalter. Generell nahm man jedoch jedes Kind herzlich auf, so wie es war. So soll «d’Grossmamme Saresi», Frau Ratsherrin Sarasin-Sauvain (1829–1918), dem einen oder anderen Kind gelegentlich über den Kopf gestrichen haben mit der Bemerkung: «De bisch jo nit scheen, aber mer miend di halt so näh, wie de bisch. »

Schon früh suchte die Mutter für ihre Töchter die sogenannten Vereinli-Freundinnen aus. So konnte sie von Anfang an steuern, in welchen Kreisen sich ihre Tochter bewegte. Diese Freundschaften dauerten meist ein Leben lang.

Von der Häfeli- in die Grundschule

Bereits mit drei oder vier Jahren besuchten Mädchen wie Knaben gemeinsam den Kindergarten, die sogenannte «Häfelischule». Dies vor allem in Familien, wo die Mutter arbeiten musste. Zweifellos wichtiger war jedoch der Eintritt in die Schule. Schlüpfte der kleine Knabe am Morgen zum ersten Mal in ein paar Hosen statt in den bisherigen Rock und wurde dem kleinen Mädchen ein strenger Zopf geflochten, so war der grosse Tag gekommen. Knaben waren zudem mit einem «Kittelmantel», manchmal von einem breiten Ledergürtel zusammen- gehalten, ausstaffiert. Die Mädchen trugen, ausser bei besonderen Anlässen, durchwegs Schürzen über ihren Kleidern.

Die Grundschule dauerte in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Regel drei Jahre für Jungen, vier für Mädchen. In vornehmeren Kreisen wurden die Töchter bis in die 1880er-Jahre auch oft von einem Hauslehrer unterrichtet, einem Studenten, der sich so einen Batzen verdienen konnte. Neben den öffentlichen Primarschulen gab es, vor allem für Mädchen, auch private.

Mit dem Schlitten in die Schule

Christoph Merian (1800–1858), unser Stadtmäzen, besuchte beispielsweise bereits als Fünfjähriger die Privatschule von Magister Heinrich Munzinger am Fuss des Münsterbergs, eingangs Freie Strasse. Von Johann Jakob Burckhardt-Stefani (1821–1903) erfahren wir, wie er als kleiner Bube von Mutter, Schwester und Kindsmagd am ersten Schultag in eben dieselbe Schule begleitet wurde. Er weinte bitterlich, da er das Schulzimmer als düster, den Hof daneben als dunkel und feucht und den Lehrer als mürrisch empfand. Ab Mai war er immer für mehrere Wochen erlöst, wenn die Familie auf ihren Landsitz zog und die Mutter, später ein Hauslehrer, ihn bis Anfang Oktober unterrichtete.

Im Winter, so beschreibt er, wurden er und andere Knaben vom Diener mit dem Schlitten in die Schule gebracht. In der Pause löffelte der Lehrer einen heissen, gewürzten Wein, während die Knaben ihr Znüni beim Kachelofen verspeisten.

Fröhlicher tönt es bei Hermann Christ-Socin (1833–1933), der um 1839 als Sechsjähriger die Grundschule im Luftgässli besuchte. Damals führte noch eine Steintreppe in den Stadtgraben hinunter, wo die Kinder sich austoben konnten. In einem grossen Kachelofen wurden die mit einem «Namensfähnlein» versehenen Äpfel gebraten, welche die Mütter mitgegeben hatten, und dann genüsslich verspeist. So unbeschwert ging es jedoch nicht immer zu. Gemäss unzähligen Schilderungen und Darstellungen kam auch die Rute in den Schulen häufig zum Einsatz.

Schulneubau am Steinenberg

Der erste Schulneubau in Basel wurde 1822 am Steinenberg 4–6 eröffnet. Im linken und rechten Gebäudeteil dieser Grundschule gab es je zwei Schulzimmer mit separatem Eingang für die Mädchen und die Jungen, in der Mitte Lehrerwohnungen. Seit 1903 befindet sich in dem Gebäude die Verwaltung des Historischen Museums.

Nach der Grundschule mussten die Knaben eine Prüfung ablegen, um ins Gymnasium zu kommen. Als Humanisten schlugen sie meist eine universitäre Laufbahn ein. Die sogenannten «Realisten», welche die zwei Jahre dauernde Realschule besuchten, bereiteten sich so auf das Geschäftsleben vor.

Christ-Socin, der um 1844 ins Humanistische Gymnasium am Münsterplatz eintrat, erwähnt als Fächer Griechisch, Latein, Deutsch, Naturgeschichte, Geografie, Französisch, Rechnen, Musik, Zeichnen, Turnen und im Sommer Schwimmen unterhalb der Pfalz.

«Nachher schmeckts besser»

Ertappte der Deutschlehrer einen Schüler, der während der Stunde etwas zu essen in den Mund schob, musste er das bereits Gekaute in den Hosensack stecken mit der begleitenden Bemerkung «nachher schmeckts besser». Der Geografieunterricht wurde im Wesentlichen so abgehalten, dass der Lehrer auf der Landkarte auf eine Stadt, einen Fluss oder anderes zeigte und die Klasse musste den Namen dreimal schreiend im Chor wiederholen.

Der Zeichenunterricht des kleinen Christ fand damals um 6.30 Uhr früh im Markgräfler Hof an der Hebelstrasse statt. Dazu musste das Reissbrett dorthin und anschliessend wieder zurück auf den Münsterplatz geschleppt werden, wo um 8 Uhr die Schule begann. Religionsunterricht, Kinderlehre genannt, wurde ausserhalb der Schule von einem Münsterpfarrer erteilt. Auf diese Kinderlehre folgte anschliessend der Unterricht bis zur Konfirmation im Alter von 16 Jahren.

Leistungen wurden mit guten oder schlechten Strichen belohnt, ebenso mit der Sitzordnung, indem der «Primus» das Privileg genoss, nahe beim Lehrerkatheder sitzen zu «dürfen». Schon damals wurden Streiche gespielt. So sollen die Mädchen in ihrer Schule einem sehr klein geratenen Lehrer die Kleiderhaken von Zeit zu Zeit immer höher geschraubt haben, sodass er eines Tages seinen Überzieher nicht mehr abhängen konnte.

Endlich Bündelitag

Der Höhepunkt des Schuljahres war für die meisten Kinder der Bündelitag, an dem man sein Bündel für die Sommerferien packte. Christ-Socin verbrachte sie beispielsweise mit den Eltern einmal im Dürstel, einem Sennhof in Langebruck. Ein anderes Jahr ging es nach Badenweiler, und einen Sommer mietete die Familie ein paar Räume im Schloss Angenstein. Damals waren auch Reigoldswil oder der Hauenstein beliebte Ferienziele für den Bürgerstand. In sehr gehobenen Kreisen begab man sich eher an Kurorte oder auf den Sommersitz.

In der Regel gestaltete sich das Leben der Kinder damals aufregend und vielfältig. Für Abwechslung sorgten die sogenannten «Kindervisiten». Wer zu Hause nicht genügend Platz hatte, lud ins Sommercasino oder ins Neubad mit den herrlichen Gärten ein. Ein Anziehungspunkt um die Mitte des 19. Jahrhunderts war auch der «Grisanti», eine Gartenwirtschaft beim Margarethenhügel mit Rundlauf und «Resslirytti».

«Soldätlis» oder «Räuberlis»

Geschätzt – zumindest bis zum Ende des 19. Jahrhunderts – wurden Ausflüge mit der Kutsche, zum Beispiel nach Rötteln, Kandern, St. Blasien oder in den Jura. Es wurden auch Bälle für Kinder veranstaltet oder Schlittenfahrten in die nähere Umgebung. Die Knaben trieben sich, solange diese standen, auf den Bollwerken und Schanzen herum und spielten «Soldätlis» oder «Räuberlis». Neben Ballspiel und Drachensteigen waren damals auch Scharaden sehr beliebt. Zu den Spielsachen gehörten Zinnsoldaten, Wachspuppen, «Dittistube», «Helgebiecher» und vieles mehr.

Grossmama Sarasin-Sauvain liess in hohem Alter in ihrem Garten an der Lange Gasse für die Kinder einen Tennisplatz, eine Kegelbahn, einen damals so beliebten Rundlauf, ein Reck, einen Barren sowie natürlich eine Schaukel aufstellen. Jeden Sonntag um vier Uhr nachmittags trafen all ihre Enkel und Enkelinnen bei ihr ein. Man las Andersens Märchen, spielte Zahlenlotto und vieles mehr. Kegelbahn und Rundlauf gab es auch in vielen Parkanlagen der Sommersitze. Bei älteren Knaben und Jünglingen standen Billardzimmer hoch im Kurs.

Auch Schlittschuhlaufen wurde später geschätzt, etwa im Schützenmattpark, an der Rosentalstrasse oder im Eglisee. Nach dem Ersten Weltkrieg kam zudem die Pfadfinderbewegung auf, die sehr schnell um sich griff. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.05.2018, 09:19 Uhr

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