Wer arbeitet noch «nine to five»?

Zeitforscher stören sich an Arbeitszeiten. Ulrich Pekruhl von der Hochschule für Wirtschaft über flexibles Arbeiten und darüber, wann ein spannender Job gefährlich wird.

8 bis 17 Uhr oder flexible Arbeitszeiten? Eine Büroangestellte in Bern.

8 bis 17 Uhr oder flexible Arbeitszeiten? Eine Büroangestellte in Bern. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein britischer Thinktank denkt über die Viertagewoche nach, deutsche Gewerkschaften fordern kürzere Wochenarbeitszeiten, Schweden experimentiert mit Sechsstundentagen. Gibt es den klassischen Arbeitstag von 8 bis 17 Uhr bald nicht mehr?
Den sogenannten «Normalarbeitstag» gibt es tatsächlich immer seltener, da es eine Vielzahl unterschiedlicher Arbeitszeitmodelle gibt. Die Frage ist, ob die Länge der täglichen oder wöchentlichen Arbeitszeit weiter abnimmt. Es gibt kein objektives Mass, ob sieben, acht oder fünf Arbeitsstunden am Tag am besten sind.

Aber irgendwann leidet die Gesundheit.
Aus der Arbeitswissenschaft weiss man, dass sehr lange Arbeitszeiten, etwa 60 Wochenstunden und mehr, aus gesundheitlicher Sicht problematisch sind. Wie tief man runtergeht, ist eine Frage der persönlichen und der gesellschaftlichen Priorisierung. Will jemand mehr Geld verdienen oder mehr Zeit zur Verfügung haben?

Auf den ersten Blick scheint uns die Zeit wichtiger geworden zu sein.
Ich würde nicht von einem generellen Trend sprechen. Unsere Gesellschaft ist sehr heterogen: Es gibt jene, die gern länger arbeiten und dafür vielleicht mehr verdienen. Aber auch jene, die sich kürzere Arbeitszeiten wünschen, um zum Beispiel für ihre Familie da sein zu können. Man darf auch nicht vergessen, dass das Schweizer Stimmvolk 2002 eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit abgelehnt hat.

Der Zeitforscher Karlheinz Geissler sagt, der Mensch solle sich mehr auf den eigenen natürlichen Rhythmus konzentrieren als auf fixe Arbeitszeiten.
Hier lässt sich schon eher ein Trend feststellen. Unternehmen setzen tatsächlich vermehrt auf flexiblere Arbeitszeiten und verzichten auch schon mal auf die Anwesenheitspflicht im Unternehmen. Diese Entwicklung wird noch weiter voranschreiten, gerade dank moderner Kommunikationstechnologien. Besprechungen kann man heute gut auch mal über Skype abhalten.

Nur stellt sich die Frage, wer wirklich von flexibleren Arbeitszeiten profitiert: die Arbeitgeber oder die Arbeitnehmer?
Mit dieser Frage befasst sich die Forschung seit den 1980ern. Damals diskutierte man das Problem, dass in einer Firma meistens nur einseitig die Vorgesetzten über die Flexibilität entscheiden. Heute ist es aber so: Unternehmen wollen für gut qualifizierte Arbeitskräfte attraktiv sein, beziehungsweise sie wollen motivierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht verlieren. Deshalb müssen sie Flexibilität bieten. Tatsache ist dennoch, dass dieses Thema konflikthaltig ist, weil die wirtschaftlichen Zwänge einer Firma auf die persönlichen Interessen der Angestellten treffen und es nicht immer einfach ist, eine Balance herzustellen.

Besteht die Gefahr, dass Flexibilität zur Selbstausbeutung führt?
Wir sprechen hier von «interessierter Selbstgefährdung»: Den Mitarbeitenden wird viel Verantwortung für ihr Arbeitsergebnis übertragen und sie nehmen diese Verantwortung gerne wahr. Dadurch wird die Arbeit so spannend, dass sie quasi aus Eigeninteresse länger und strenger arbeiten, als ihnen gesundheitlich langfristig guttut.

Ist die Anwesenheit überhaupt der geeignete Parameter, um Leistung zu messen?
Leistung lässt sich nur schwer objektiv beurteilen. Deshalb denke ich, dass es schwierig ist, von der Arbeitszeit als Orientierungsgrösse wegzukommen. Die Menge der Stunden ist in meinen Augen ein gutes Mass dafür, ob ich als Arbeitnehmer gebe, was ich dem Arbeitgeber für mein Gehalt schulde. Arbeitsstunden kann man zumindest zählen.

Anwesenheit kann aber nicht mit Produktivität gleichgesetzt werden.
Das ist so. Wir alle kennen Phasen, in denen wir produktiver sind als in anderen.

Weshalb verabschieden wir uns nur langsam vom Bild, dass nur ein guter Angestellter ist, wer viel arbeitet?
Das Muster, man müsse viel arbeiten, um seiner Rolle in Unternehmen und Gesellschaft gerecht zu werden, herrscht noch immer vor. Bekanntlich wandeln sich Mentalitäten und Kulturen nur langsam. Aber die Tatsache, dass in der Schweiz überhaupt über ein Recht auf Teilzeitarbeit und über einen Vaterschaftsurlaub diskutiert wird, zeigt, dass möglicherweise ein Kulturwandel stattfindet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2017, 20:17 Uhr

Ulrich Pekruhl ist Dozent am Institut für Personalmanagement und Organisation der FHNW.

Artikel zum Thema

Gewerbeverband will 50-Stunden-Woche

Der SGV verlangt eine Lockerung der Arbeits- und Ruhezeiten. Die Höchstarbeitszeiten sollen erhöht werden. Die Gewerkschaften reagieren prompt. Mehr...

Kommentare

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Affentheater: Ein Kapuzineraffe begutachtet das neue Primatengehege im Zoo Servion (VD). (13. Dezember 2017)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...