Wie verbreitet ist Tausch-Sex?

Annamaria Colombo hat die Sexualität und Beziehungen der Jugendlichen in der Schweiz untersucht. Die Resultate entsprechen nicht den gängigen Erwartungen.

Gegen alle Klischees: Das Bild von der Schweizer Jugend stimmt bezüglich Sexualität offenbar nicht mit der Realität überein.

Gegen alle Klischees: Das Bild von der Schweizer Jugend stimmt bezüglich Sexualität offenbar nicht mit der Realität überein. Bild: Keystone

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Während zweier Jahre haben Annamaria Colombo und ihr Forscherteam Jugendliche zu ihrer Sexualität und sexuellen Transaktionen – also dem Tausch sexueller Handlungen gegen etwas anderes – befragt. Art und Anzahl der sexuellen Transaktionen unter Jugendlichen wurden mithilfe einer Onlinebefragung untersucht. Einige Jugendliche wurden in Einzelgesprächen zu den Motiven und dem subjektiven Empfinden befragt.

Worum ging es in Ihrer Studie?
Ausgelöst wurde die Fragestellung nach der Sexualität und den Beziehungen von Jugendlichen durch Bedenken, die Experten – die mit Jugendlichen arbeiteten – zum Ausdruck gebracht haben. Diese hatten von Tauschgeschäften unter Jugendlichen erfahren, die mit sexuellen Handlungen zu tun haben. Die Experten stellten sich daraufhin die Frage, ob es sich dabei um vereinzelte Fälle oder um eine neue Realität handelt, der wir uns stellen müssen. Unsere erste Überlegung war es, herauszufinden, wie Jugendliche darüber denken.

Welche Ergebnisse hat Ihre Studie hervorgebracht?
Was in den Ergebnissen klar heraussticht, ist, dass die gängige Meinung, die Jugend sei verroht und hypersexuell, überhaupt nicht mit der Realität übereinstimmt – sondern sogar das komplette Gegenteil davon ist. Die Jugendlichen stufen in der Sexualität Attribute wie Liebe, Gefühle, Beziehungen, Spass und so weiter als extrem wichtig ein. Sobald Sexualität im selben Satz wie Tauschgeschäft angesprochen wird, denken die Jugendlichen sofort an Prostitution – und das möchten sie auf keinen Fall. Sie wollen sich klar davon distanzieren. Die Jugendlichen heutzutage verfügen über einen gesunden Menschenverstand, messen einem progressiven Eintritt in die Sexualität einen sehr hohen Stellenwert und der Intimität, der Partnerwahl, dem richtigen Moment und geeigneten Alter eine grosse Bedeutung bei. Sie sind im Allgemeinen sehr feinfühlig und sehr im Klaren mit sich selbst und ihrer Sexualität.

Woher kommt das Vorurteil der verrohten und hypersexualisierten Jugend?
Sex ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig, und Erwachsene sprechen sehr oft darüber. Erwachsene projizieren dann ihre Realität auf die Jugend – die nicht der Realität der Jugendlichen entspricht. Dass sie sich vorstellen, die Jugend handle wie sie, bereitet ihnen dann halt Sorgen. Auf der anderen Seite werden die Jugendlichen heutzutage stark ermuntert, eigene Erfahrungen zu sammeln, zu experimentieren, ihren eigenen Weg zu finden. Nicht nur auf die Sexualität bezogen.

Das Problem liegt also eher bei den Erwachsenen als bei den Jugendlichen?
Genauer noch: bei den Vorstellungen, die Erwachsene davon haben, was die Jugendlichen tun. Erwachsene bekommen paradoxerweise Angst, weil die Jugend eben keine vorgeschriebenen Wege geht. Solange Erwachsene den Jugendlichen aber Orientierungspunkte und einen gesunden Umgang mit der Sexualität mitgeben und ihnen beibringen, die eigenen Wünsche und Grenzen zu kommunizieren – nicht nur in der Sexualität –, werden sie es auch in der Sexualität können.

Sie bestätigen in Ihrer Studie aber auch, dass es zu Tauschgeschäften mit sexuellen Handlungen unter Jugendlichen kommt. Wie viele Jugendliche sind davon betroffen?
Da nicht alle Untersuchungsvariablen repräsentativ waren, können wir keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben und möchten deshalb keine Zahlen kommunizieren. Zudem war dies nicht vorrangig das Ziel der Untersuchung. Was wir aber sagen können, ist, dass es sich um eine sehr kleine Minderheit handelt.

Sie haben auch herausgefunden, dass es durchaus Jugendliche gibt, die mit sexuellen Handlungen ihr Sackgeld aufbessern.
Hier muss ich kurz klarstellen, dass es sich dabei um einige wenige Einzelfälle gehandelt hat. Die Mehrheit verstand darunter ganz andere Sachen, auch spielerische Aspekte wie Flaschendrehen oder «Wahrheit oder Pflicht». Wir hatten vier bis fünf Jugendliche an den Gesprächen, deren Verhalten sich der Prostitution angenähert hat, darunter eine, die sexuelle Handlungen ohne Penetration gegen Geld durchgeführt hat.

Die Jugendlichen sind generell also eher reif und wissen, was ihre sexuellen Wünsche und wo ihre Grenzen sind?
Auf jeden Fall! Es handelt sich wirklich um eine Minderheit, die problematisches Verhalten an den Tag legt. Die besorgniserregenden Fälle sind die von Jugendlichen, die zwar wissen, wo ihre Grenzen sind, in gewissen Situationen aber das Gefühl haben, dass sie zu weit gehen und ihre Grenzen überschreiten. Sie wissen zwar, wo sie Hilfe suchen können, aber sie trauen sich nicht, darüber zu sprechen. Und dies stellt unsere Rolle als Erwachsene stark infrage: Welchen Diskurs über die Sexualität der Jugend haben wir, der dazu führt, dass sich Jugendliche nicht trauen, über ihre Ängste und Sorgen zu sprechen, weil sie Angst haben, verurteilt zu werden? Meiner Meinung nach hat dies mit dem Vorurteil zu tun, die Jugend sei verroht. Mich stört es extrem, wenn die Medien die falschen Erkenntnisse benutzen, um die Leser zu locken. Die Essenz der Studie ist nämlich eine komplett andere. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.09.2017, 19:24 Uhr

Professorin Annamaria Colombo ist die Verantwortliche für angewandte Forschung und Entwicklung an der Hochschule für soziale Arbeit in Freiburg. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Jugend und deren Sozialisierung, aber auch urbane Randgesellschaften. Zusammen mit Prof. Myrian Carbajal war sie die Leiterin der Studie «Sex, Beziehungen... und du? Sexualität und sexuelle Transaktionen, die Jugendliche in der Schweiz betreffen».

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