Wie viel Handy erträgt der Mensch?

Die permanente Verfügbarkeit von Handy und Internet hat Folgen: Ständig sind wir abgelenkt, unkonzentriert, gestört.

In Reutlingen (Baden-Württemberg) warnt ein Schild neben einer Schule vor Smartphone-Zombies, die ständig mit dem Blick auf das Smartphone über die Straßen laufen.

In Reutlingen (Baden-Württemberg) warnt ein Schild neben einer Schule vor Smartphone-Zombies, die ständig mit dem Blick auf das Smartphone über die Straßen laufen.

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Wenn Sie selbst einmal den Blick vom Smartphone lösen, wird Ihnen auffallen, wie viele Menschen am Smartphone hängen, sei es auf der Strasse, im Tram, auf der Parkbank oder sogar auf der Toilette. Studien haben ergeben, dass eine erwachsene Person täglich bis zu vier Stunden am Smartphone hängt, Bei Jugendlichen sind es fünf bis sechs Stunden.Wenn man die Zeit am Tablet noch dazu nimmt, bis zu neun Stunden (Zahlen aus den USA). Das ist nicht nur eine erschreckende Entwicklung, und man fragt sich, welche Folgen das haben wird.

Alexander Markowetz hat dazu kürzlich ein Buch mit dem Titel «Digitaler Burnout: Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist» veröffentlicht. Er kommt zum Ergebnis, dass wir 55 Mal am Tag das Handy zur Hand nehmen. Ständig sind wir abgelenkt, unkonzentriert, gestört. Welche dramatischen Folgen die digitale Permanenz für unsere Gesundheit, unser Leben und unsere Gesellschaft hat und was wir dagegen tun können – diesen Fragen geht er in seinem brisanten Buch auf den Grund. Es gibt auch bereits Institutionen, die eine «Smartphone Therapie» anbieten, wo man eincheckt und alle seine elektronischen Instrumente während einer Woche abgibt – danach soll man genesen sein.

Die dunkle Seiter der sozialen Medien

In diesem Zusammenhang muss man auch die Sozialen Medien begutachten, die die Menschen dazu bringen, vermehrt anstatt mit Freunden oder Verwandten zu sprechen, das Handy als ihren besten zu Freund küren. Letzte Woche ist in der New York Times ein Artikel erschienen, wo sich der Gründer von Twitter, Ev Williams, zu seiner Erfindung und dessen Folgen geäussert hat. Seine Konklusion, nachdem er Twitter mit guten Intentionen geformt hat, und zwar immer noch der Meinung ist, dass soziale Medien die Welt besser machen können, doch aber eine dunkle Seite in sich tragen, die jetzt immer mehr zum Vorschein kommt. Er war vielleicht als Kritiker seines eigenen Produkts ein Vorreiter, aber immer mehr Soziale-Medien-Spezialisten sehen die Entwicklung als eine Gefahr, auf die die Menschen aufmerksam gemacht werden müssen. Plattformen wie Facebook, Twitter etc. machen die Gesellschaft vermehrt süchtig und zerstörerisch.

Dieser Entwicklung haben sich auf die Erfinder dieser Medien angenommen. Mark Zuckerberg ist das beste Beispiel, oder auch der CEO von Google, Sundar Pichai, der öffentlich gesagt hat, dass sie sich stärker der Verantwortung bewusst werden sollten. Ev Williams von Twitter sagt auch, dass die gut gemeinten Erfindungen immer häufiger von «schlechten Leuten» wie Verbrecher, Pädophile, Terroristen, etc. missbraucht werden.

Risiken zu wenig in Betracht gezogen

Soziale Medien sind ein Ozean voller Daten. Gewissen Firmen ist jedes Mittel recht, um an diese Daten zu gelangen, weil möglichst viele Daten möglichst vieler Menschen zu sammeln, das Kapital einer Firma ist. Das Facebook-Beispiel im US-Wahlkampf lässt grüssen. Da nützen alle Entschuldigungen von Herrn Zuckerberg vor dem Senat nichts; es ist die logische Folge seines Geschäfsmodells. Williams ist heute der Ueberzeugung, dass er am Anfang zu optimistisch war und zu wenig die Risiken in Betracht gezogen hat, indem man diese Tools den Menschen ohne Aufsicht zur Verfügung stellt.

Die beste Aufsicht wäre Selbstverantwortung. Schliesslich ist es in der Verantwortung jedes Benützers – selber auszuwählen, was, wann und wie oft. Das ist wie bei einem grossen Buffet, wird er allzu masslos, gerät er in Gefahr, am Genommenen zu ersticken. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.05.2018, 11:35 Uhr

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