Wieder auf gepackten Koffern

Wegen des zunehmenden Antisemitismus fürchten junge jüdische Autoren um ihre Zukunft in Deutschland.

Die dritte Säule des Judentums bröckelt gewaltig. Juden demonstrieren im Frühling 2018 in Köln gegen Antisemitismus.

Die dritte Säule des Judentums bröckelt gewaltig. Juden demonstrieren im Frühling 2018 in Köln gegen Antisemitismus. Bild: Keystone

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Es ist gar nicht so lange her, da hiess es noch vonseiten deutsch-jüdischer Verbände, Institutionen und Gemeinden, dass man endlich in Deutschland angekommen sei. Zum ersten Mal seit 1945 sitze man im Land der Täter nicht mehr «auf gepackten Koffern». Seit Mitte der Neunzigerjahre wurde gar von einer von Deutschland ausgehenden, allgemeinen kulturellen Renaissance des gesamten europäischen Judentums gesprochen.

Nach Israel und den USA sollte auf dem alten Kontinent die dritte Säule des Judentums im 21. Jahrhundert entstehen. In Deutschland sollte die durch die Nazis vernichtete jüdische Gemeinschaft wieder neu erstrahlen und so die viel beschworene deutsch-jüdische Symbiose der späten Kaiserzeit und der Weimarer Republik wieder auferstehen.

Auslöser der Euphorie war die Einwanderung von fast 200'000 Jüdinnen und Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ab 1989. Die Mitgliederzahl der im Dachverband «Zentralrat der Juden in Deutschland» organisierten Gemeinden stieg in den Jahren nach der Jahrtausendwende auf rund 120'000.

Die vermeintliche Renaissance

Es sind Hoffnungen aus einer anderen Zeit. Mittlerweile ist die Zahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder unter 100'000 gefallen. Die Zahl sinkt weiter. Der rasant steigende Antisemitismus, die zunehmende politische Instabilität, der Aufstieg einer neuen deutschnationalen Rechten sowie die gewaltsame Bedrohung vonseiten linker, rechter und islamistischer Extremisten sorgen für trübe Stimmung. Diese kommt auch in den Neuerscheinungen der letzten Monate klar zum Ausdruck.

So äussern sich im deutschen Herbst 2018 gleich mehrere junge jüdische Autoren sehr skeptisch zur Befindlichkeit und zur Zukunft der Juden in Deutschland. Allen Autoren ist gemeinsam: Sie gehören der Generation der wieder in Deutschland geborenen und in den Achtziger- und Neunzigerjahren dort aufgewachsenen und sozialisierten Jüdinnen und Juden an. Eigentlich hätten gerade sie die Träger der ehemals viel beschworenen jüdischen Renaissance in Deutschland sein sollen. Alle Hoffnungen ruhten auf ihnen.

Doch es kam anders: So etwa für Juna Grossmann, die mittlerweile tatsächlich wieder zunehmend auf «gepackten Koffern» lebt, wie sie in ihrem eindrücklichen Erfahrungsbericht «Schonzeit vorbei» erzählt. Darin beschreibt sie ihr Leben mit dem heute täglich üblichen Antisemitismus. Öffentlich jüdisch zu sein, sei nicht mehr möglich, so das traurige Fazit der 1976 in Ostberlin geborenen Autorin, die mit irgendwiejuedisch.com einen Blog betreibt und in einer NS-Gedenkstätte arbeitet.

Seit Jahren beobachtet Grossmann, wie offene Judenfeindschaft zunimmt, lauter und bedrohlicher wird. Auch als Bloggerin sei sie brutal angefeindet worden, wie sie in einem Interview in der Zeit betont: «Jemand schrieb: ‹Wir werden dich finden. Dann wirst dus merken und wirst dir Hitler zurückwünschen.› Das habe ich zur Anzeige gebracht, aber die Polizei konnte den Autor nicht ermitteln. Richtig frei von Angst werde ich seither nicht mehr.» Weil sie sich mit diesen Zuständen nicht abfinden will, wendet sie sich nun mit einem Buch an die Öffentlichkeit.

Vier Angriffe pro Tag

Schon von Berufs wegen steht der Stand-up-Comedian Oliver Polak dauernd in der Öffentlichkeit. Anlass seiner Schrift «Gegen Judenhass» seien die durchschnittlich vier Angriffe, die es in Deutschland 2017 pro Tag auf Jüdinnen und Juden gegeben habe. «Ich merke, dass ich mich hier schon seit längerer Zeit grundsätzlich nicht mehr wohlfühle», sagte Polak dem Magazin Stern. «Jahrelang wurde einem suggeriert, dass man sich keine Sorgen machen muss. Aber vieles ist ins Wanken geraten. Die AfD sitzt mittlerweile im Bundestag, und sie bekommt immer mehr Zustimmung. In Deutschland werden wieder öffentlich Neonazi-Konzerte abgehalten.

Leute marschieren wieder durch Strassen und zeigen offen den Hitlergruss. Scheiben von jüdischen Restaurants werden eingeworfen, und jüdische Restaurantbesitzer werden in Berlin wieder bedroht. Jüdische Schüler werden über Schulhöfe gejagt. Flüchtlingsheime werden angezündet. Das bringt einen zum Nachdenken», so Polak. Kinder würde er in Deutschland nicht mehr grossziehen wollen, so sein Fazit im wechselhaften Herbst 2018.

«Gehören Juden heute zu Deutschland?», fragt sich auch Arye Sharuz Shalicar in seiner Analyse unter dem Titel «Der neu-deutsche Antisemit». Der aus Iran stammende und in Berlin aufgewachsene ehemalige Mediensprecher der israelischen Armee schildert seine Kindheit und Jugend unter muslimischen Migranten in Berlin-Spandau und Wedding. Dort begann für ihn ein Leben in der Hölle. In seinem Buch beschreibt Sharuz Shalicar, wie sich islamistisch getriebener Judenhass in den Stadtvierteln ausgebreitet hat. Trotz Gangs und Banden und unter dauernden Anfeindungen konnte sich Shalicar behaupten und ging als junger Erwachsener nach Israel.

Als Armeesprecher begegnete er dort beruflich deutschen Journalisten und deutschen Politikern aller Couleur Vertretern einer anderen Bevölkerungsschicht. Das Fazit seines Erfahrungsberichts: Antisemitismus ist in Deutschland überall, dauernd präsent und tief verwurzelt. Dabei komme der Judenhass aus allen Ecken der Gesellschaft: als «muslimischer Judenhass», als dauernde Israelkritik in den «deutschen Leitmedien», als «intellektueller linksradikaler Israelhass», als «rechtsradikaler Antisemitismus» und – geradezu klassisch – auch als «christlicher Antisemitismus». Deutschland sei auf dem besten Wege, «für Juden in vielen Gegenden schlicht und einfach unbewohnbar zu werden», so sein Fazit.

«Deutsches Gedächtnistheater»

Und schliesslich sinnierte in diesem unruhigen Jahr 2018 der junge Lyriker Max Czollek in seinem furiosen Essay «Desintegriert euch!» über die Rolle der Juden im – wie er sagt – «deutschen Gedächtnistheater». Juden würden dauernd instrumentalisiert. Die Wahrnehmung von Juden im heutigen Deutschland seit stereotyp und habe wenig zu tun mit den real existierenden Juden und ihren vielfältigen Lebenswelten: «Bei Juden und Jüdinnen denkt man hierzulande eben an langbärtige Schtetl-Bewohner und perücketragende jiddische Mamen, an neurotische Salonbetreiberinnen, intellektuelle Haskala-Mendelssohns oder den netten Enkel Überlebender.»

Damit werde eine ganze Menge jüdischer Erfahrungen komplett ausgeschlossen. «Die jüdische Gemeinschaft ist vielfältiger, als es die öffentliche Brauchbarkeit von Juden zulässt», so Czollek in seiner Kritik. Auch er ist pessimistisch, was die Zukunft der Juden in Deutschland angeht. Diese sei ungewiss.

Allen den erwähnten deutsch-jüdischen Autoren gemeinsam ist diese Ungewissheit, ob sie in Deutschland überhaupt noch eine Zukunft haben. In unterschiedlicher Ausprägung ist allen der Appell an die Mehrheitsgesellschaft gemeinsam, dass diese doch endlich etwas unternehmen möge gegen den altneuen Judenhass. Ob dieser kollektive Aufschrei etwas bewegen wird, darf angesichts der Erfahrungen der letzten Jahre und im Lichte der aktuellen EU-Studie über Antisemitismus (siehe unten) in Europa bezweifelt werden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.01.2019, 10:12 Uhr

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