Wissentliches Unwissen

Bei allem Faktischen bleiben Wahrnehmungsunterschiede.

Wollte er frische Luft schnappen, sich volksnah geben und sich inszenieren?

Wollte er frische Luft schnappen, sich volksnah geben und sich inszenieren? Bild: Keystone

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Neulich machte ein Foto von Bundespräsident Alain Berset Furore. Es zeigte, wie er sich kurzerhand zwischen zwei Sitzungen an der UNO-Vollversammlung am Hudson River auf den Trottoir-Randstein setzte. War Absicht dahinter? Wollte er frische Luft schnappen, sich volksnah geben und sich inszenieren? Oder wollte er seine Kinder als cooler Vater beeindrucken? Das Foto ist sympathisch.

In der Medizin ist Wahrnehmung und Wahrheit ein ernsterer Aspekt. Neue Fakten («Wahrheiten») treffen rasant ein: Quantifizierungen überall, hochauflösende, bildgebende Analysen, molekulare Gewebeuntersuchungen, Wissen über genetische Assoziationen oder die aufkommende artifizielle Intelligenz mit unglaublichen Datenmengen. Bei allem Faktischen bleiben Wahrnehmungsunterschiede. Jeder Patient nimmt seine Krankheit anders wahr. Patienten, Familie und nahe Freunde äussern Fragen, Sorgen oder Ängste und geben Ratschläge. Schliesslich beeinflussen kulturelle, religiöse sowie ethische Aspekte die Wahrnehmung.

Fakt ist, dass sich die Medizin wandelt und sich die Prognose bei vielen Krankheiten sehr deutlich, doch leider nicht immer, verbessert hat. Aber schon Worte, die wir für präzise halten, sind «Wahrnehmungsfallen» und mit einer grossen Wahrnehmungsspanne behaftet.

Eine zwar alte, aber immer noch aktuelle Umfrage, im New England Journal of Medicine von Bryant und Norman 1980 publiziert, zeigt dies auf. Die Aussage eines Arztes: Diese Krankheit ist «sicher» vorhanden, wurde mit einer Wahrscheinlichkeit von 70–95 Prozent taxiert. Sie ist «wahrscheinlich» vorhanden mit einer riesigen Spanne von 15–99 Prozent, und die komplizierte Aussage, die Krankheit sei «eher unwahrscheinlich», mit einer Wahrscheinlichkeit von 1–80 Prozent.

Sie können Ihre eigene, wechselnde Wahrnehmung und Einschätzung mit folgendem Beispiel überlegen: Stellen Sie sich die «einfache» Frage: Wollen Sie bei angenommener, voller Gesundheit morgen bei einer Herzrhythmusstörung reanimiert werden? Wollen Sie diese Reanimation auch bei einer bestehenden, schweren Krankheit in 20 Jahren? Und wie sieht es bei wiederum guter Gesundheit in 30 Jahren aus? Wenigstens ich gäbe jeweils eine unterschiedliche Antwort, obwohl immer dieselbe Frage gestellt wurde.

Nur – der Kontext ändert fundamental und dies, obwohl nur wenige, aber wichtige Dimensionen hinzukamen. Die evidenzbasierte Medizin, die David L. Sackett (1934–2015) 1996 zum ersten Mal definierte, basiert auf der individuellen klinischen Erfahrung, der besten verfügbaren klinisch-wissenschaftlichen Evidenz sowie auf den Werten und Erwartungen des Patienten. Uns Ärzten hilft die evidenzbasierte Medizin, Patienten möglichst gut zu informieren und ihnen eine Entscheidungsgrundlage für Prävention, Diagnostik und Therapie im gegebenen Kontext zu geben.

Psychoanalytiker, Geistliche und Ethiker diskutieren differenzierter über Wahrheit und Wahrnehmung – es braucht diese Dimensionen. Unter Zeitdruck gehen wir jedoch pragmatisch vor, d.h. wir tragen Evidenz-basiert möglichst viele Fakten zusammen, um einem Patienten die bestmögliche Diagnostik und Therapie zu empfehlen. Hier hilft zwar eine Patientenverfügung, doch das Gespräch mit dem Patienten, um weitere Dimensionen zu erfassen, bleibt essenziell. Wahrheit und Wahrnehmung sind auch in der Wissenschaft und Medizin nicht exakt.

Donald Rumsfeld, der frühere US-Verteidigungsminister, sagte 2002 im Vorfeld des 3. Golfkriegs sinngemäss übersetzt: «Es gibt wissentliches Wissen – es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Wir wissen auch, dass es wissentliches Unwissen gibt; das heisst, wir wissen, dass es einige Dinge gibt, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch unwissentliches Unwissen – es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.» Übrigens: Wahrscheinlich lieh er sich dieses Zitat vom Poeten Ibn Yamin (1286–1368) aus Persien aus.

Apropos – nur Bundespräsident Alain Berset selber weiss – wahrscheinlich –, warum er sich so hinsetzte – Hauptsache, es tat ihm gut.

Manuel Battegay ist Professor für Infektiologie und Innere Medizin und als Chefarzt der Klinik Infektiologie & Spitalhygiene am Universitätsspital Basel tätig. Er schreibt diese Kolumnen als Privatperson. (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.10.2018, 12:56 Uhr

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