Mut zur Hässlichkeit

Stéphanie Berger über ihren Miss-Titel, weiblichen Humor und das Rollenverhalten von Mann und Frau.

Stéphanie Berger mit ihrem Programm «Höllelujah.

Stéphanie Berger mit ihrem Programm «Höllelujah. Bild: René Tanner

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BaZ: Frau Berger, sind Frauen lustiger als Männer?
Stéphanie Berger: Jetzt muss ich natürlich Ja sagen (lacht). Einfach, weil es die Situation verlangt. Aber Humor ist so individuell und persönlich, da spielt es keine Rolle, ob das nun ein Mann oder eine Frau ist.

Die Humorbranche wird aber eindeutig von den Männern dominiert. Wieso gibt es so wenige erfolgreiche weibliche Comedians?
Die Frage kommt immer wieder, und ich habe bis heute nicht die passende Antwort. Grundsätzlich braucht es wahnsinnig viel Mut, um als Frau auf die Bühne zu gehen und sich über sich selber lustig zu machen. Das muss einem gegeben sein. Man darf dazu nicht eitel sein und sich selber zu ernst nehmen. Das ist vielleicht das Problem vieler Frauen. Sie wollen sich lieber schön zeigen. Der Mut zur Hässlichkeit fehlt oft, und den lebe ich in meinen Programmen leidenschaftlich aus.

Als Sie vor elf Jahren mit Ihrem ersten Programm «MissErfolg» gestartet sind, hatten Sie wahrscheinlich gerade mit diesem Problem zu kämpfen. Eine schöne Ex-Miss als Komikerin wurde sicher nicht sofort akzeptiert.
Ja, aber damals spielte der Titel eine grössere Rolle als mein Aussehen. Ein Schönheitstitel ist nicht mit Leistung verbunden. Ich habe nichts geleistet, als ich Miss Schweiz geworden bin. Was ich in den letzten 22 Jahren erreicht habe, musste ich mir hart erarbeiten. Genauso wie die Anerkennung als Komikerin. Das ist sicher bei allen so, die Karriere machen wollen, nur war bei mir der Weg wahrscheinlich doch noch etwas härter. In den elf Jahren, seit ich in der Comedy-Branche bin, musste ich mir die Akzeptanz erkämpfen.

Rückblickend war der Miss-Schweiz-Titel also mehr Fluch als Segen?
Ja, aber auf der anderen Seite hat mich das Ganze auch angespornt, noch besser zu werden. Noch mehr zu geben. Gerade das Abgestempeltwerden als Miss Schweiz hat mich zu Höchstleistungen motiviert. Und dahin gebracht, wo ich heute stehe.

Bereuen Sie Ihre Teilnahme an der Miss-Schweiz-Wahl 1995?
Ja und nein! Ich wollte immer auf die Bühne. Heute hätte ich wohl eher eine Schauspielschule gewählt.

Ihre Programme sind sehr autobiografisch gefärbt. Wieso verarbeiten Sie Ihre eigenen Erfahrungen so stark auf der Bühne?
Weil ich glaube, dass man nur mit persönlichen Geschichten die Menschen berühren kann. Wenn sich die Leute im Publikum, Frauen oder speziell auch Mütter und Karrierefrauen, mit mir identifizieren können, schaffe ich eine Brücke. Da bin ich plötzlich sehr nahe bei meinem Publikum, und ich kann dann die Leute nicht nur zum Lachen bringen, sondern auch inspirieren. Das ist der Anspruch, den ich an meine Show habe.

In Ihrem neuen Programm «No Stress, No Fun!» sprechen Sie auch schwierige Themen wie Burn-out an. Etwas, das Sie selber auch erlebt haben. Ist das für Sie persönlich auch eine Form der Aufarbeitung und Bewältigung Ihrer eigenen Probleme?
Grundsätzlich ist meine Präsenz auf der Bühne immer Therapie. Es gibt für mich keine bessere Therapieform als die zwei Stunden, während denen ich auf der Bühne stehen kann. Das macht mich richtig glücklich, weil ich die Leute zum Lachen bringen und sie mit einem guten Gefühl nach Hause schicken kann. Andererseits sind diese zwei Stunden für mich pure Ferien im Kopf. Ich bin nirgendwo so bei mir im Jetzt und Hier wie in den zwei Stunden auf der Bühne. Das habe ich sonst im Alltag nicht. Da bin ich ständig am Denken und Agieren. Die Zeit auf der Bühne ist deshalb für mich eine tolle Auszeit. Ganz Zeit für mich selber.

Sie sind Single, Mutter eines Kindes, erfolgreich und haben Ihre Probleme. Schätzt Ihr Publikum, dass Sie sich vor ihm so normal geben?
Absolut. Viele haben das Gefühl, dass man, wenn man – in Anführungs- und Schlusszeichen – «schön» ist, nur Erfolg hat und einem alles einfacher fällt als anderen. Aber das ist genau nicht der Fall. Schlussendlich haben wir alle mit dem Alltag zu kämpfen. Egal ob man in einer Beziehung ist, Single, Mutter oder Karrierefrau. Das vereinige ich alles irgendwie in mir und bin so zum Sprachrohr der Frauen geworden. Und die Männer lernen sogar auch noch was in meiner Show.

Was denn?
Na ja. Es gibt vieles. Der eine oder andere bekommt vielleicht einen neuen Input über die weibliche Sexualität. Der Mann darf in meiner Show auch etwas voyeuristisch sein, dasitzen und geniessen. Und vielleicht etwas besser begreifen, was es heisst, Frau zu sein. Das wird in meinem Programm anders erklärt als in den üblichen Sachbüchern und Ratgebern.

Wer in diesen Tagen über das Verhältnis von Frauen und Männern spricht, kommt um die #MeToo-Debatte nicht herum. Was halten Sie von dieser Diskussion?
Ich selbst bezeichne mich als Charmanze und nicht als Emanze. Ich wünsche mir, dass wir wieder in die emotionale Urform von Mann und Frau zurückfinden. Der Mann soll auch Gentleman sein. Hier muss man ihn wieder in die Pflicht nehmen, denn der Mann ist dazu da, eine Frau nicht nur zu respektieren, sondern auch zu beschützen und zu unterstützen. Der Mann ist für die Umsorge der Frau zuständig. Wenn das ein Mann macht, können wir Frauen auch wieder Frauen sein. Wir sind nämlich für die Fürsorge zuständig. Diese Aspekte vermisse ich in der zum Teil sehr aggressiv geführten Gleichberechtigungsdebatte. Es ist eine Illusion von uns Frauen, zu meinen, wir kämen an den Männern vorbei. Wir müssen unbedingt wieder zueinanderfinden. Nur wenn Mann und Frau gut miteinander funktionieren, kann man die Welt verändern.

Greifen Sie die #MeToo-Debatte auch in Ihrem aktuellen Programm auf?
Ja, sehr stark. Ich spreche in einem Lied die Männer sehr direkt an. Ich erinnere sie daran, was wir Frauen von den Männern gerne hätten: mehr Selbstwertgefühl. Ein schöner Satz von mir: «Wir haben den Männern die Axt genommen und ihnen den Staubsauger in die Hand gedrückt.» Das ist aber nicht sexy. Da wünsche ich mir lieber einen Mann mit einem Bier in der Hand, der auch mal wieder nach Hause kommt und die Frau leidenschaftlich nimmt. Das ist natürlich sehr plakativ, aber ich finde, wir müssen wieder zu unseren Rollen zurückfinden. Wenn auch wir Frauen immer mehr wie Männer auftreten, macht uns das unattraktiv.

Wollen Sie solche Botschaften in einem Comedy-Programm rüberbringen?
Ja, unbedingt. Deshalb spreche ich nicht nur von Unterhaltung, sondern auch von Inspiration. Ich will in diesen zwei Stunden auch Momente schaffen, in denen die Menschen im Publikum nachdenken und vielleicht diese Gedanken sogar nach Hause tragen. Das ist der Anspruch, den ich an jede meiner drei Shows habe. Jede hat eine Kernaussage.

Wie viele Shows wollen Sie noch machen? Sie haben in dieser Zeitung Emil Steinberger zum 85. Geburtstag gratuliert. Ist es auch Ihr Ziel, so lange auf der Bühne zu stehen?
Ich weiss nicht, wie lange es dauert, bis ich meine Ziele erreicht habe. Klar ist für mich, dass es auf jeden Fall noch ein viertes Programm und dann wahrscheinlich auch noch ein fünftes und sechstes Programm geben wird. Ich möchte auf jeden Fall meine Show eines Tages in grossen Sälen spielen. Deshalb spreche ich auch von Comedy-Shows. Ich greife gerne auf Showelemente wie Musik, Tanz, Licht, Kostüme und Einspieler zurück. Ich möchte mal richtig aus dem Vollen schöpfen und eine grosse Comedy-Show machen, wie sie die Schweiz noch nicht gesehen hat. Ein Spektakel für die ganze Familie!

Welche Vorbilder haben Sie in der Comedy-Szene?
Marco Rima gehört sicherlich zu meinen ganz grossen Vorbildern. Ausserdem bin ich ein grosser Fan von Rob Spence und Regula Esposito. Mir gefallen auch unser Comedy-Nachwuchs wie Joel von Mutzenbecher oder Charles Nguela.

Lacht das Publikum in Basel anders als in Zürich oder Bern?
Es dauerte eine Weile, bis die Basler mich akzeptierten. Geht wohl den meisten Zürchern so. Aber mittlerweile spiele ich vor ausverkauftem Haus. Das ist das schönste Kompliment für mich.

Sie sind im vergangenen Jahr 40 geworden. Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?
Ich mag meine Falten, meine Altersgelassenheit und meine unbändige Neugier auf das Leben! (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.03.2018, 10:03 Uhr

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