Politische Wohlstandsverwahrlosung

Die Zeit vor «Schengen», den bilateralen Verträgen und der europäischen Vereinheitlichung war eine Zeit der Absurditäten.

Es gab eine Zeit, da brauchte man ein Visum, um über die Grenze einkaufen zu gehen – und machte es deshalb nicht.

Es gab eine Zeit, da brauchte man ein Visum, um über die Grenze einkaufen zu gehen – und machte es deshalb nicht. Bild: Keystone

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Den Kindern wird immer wieder um die Ohren gehauen: «Ihr wisst ja gar nicht, wie das früher war.» Und als Variante davon: «Ihr wisst ja gar nicht, wie gut es euch geht.» Sie haben alles und das, was da ist, nehmen sie für selbstverständlich. Und gemotzt und gefordert wird auch noch. Trötzeln und protestieren aus Prinzip, mit der Gewissheit, dass die angedrohten Konsequenzen ohnehin nie umgesetzt werden. Wohlstandsverwahrlosung nennt man das. Wenn man alles hat und nichts mehr schätzt.

Früher war es tatsächlich anders. Es gab eine Zeit, da brauchte man ein Visum, um über die Grenze einkaufen zu gehen – und machte es deshalb nicht. Da verdienten sich die Bergwanderer ihr Zugbillett, indem sie im Rucksack Vibram-Sohlen in die Schweiz schmuggelten, welche dann der lokale Schuster an die Bergschuhe nähte. Da schwitzte man bei jeder Tafel mit der Aufschrift «Zoll-Douane», und wenn man dann einmal am Zoll angekommen war, passierte es immer wieder, dass das Auto gnadenlos gefilzt wurde – unter anderem jener schwarzen Schuhsohlen wegen. Oder einfach, weil die Zöllner gerade nichts zu tun hatten oder ihr Plansoll erfüllen mussten. Und manchmal wurde auch Grosi in den Zug nach Hause gesetzt, weil ihr Pass abgelaufen war.

Die Zeit vor «Schengen», den bilateralen Verträgen und der europäischen Vereinheitlichung war eine Zeit der Absurditäten. Autos in Frankreich hatten zwingend gelbe Scheinwerfer. Aus amerikanischen Autos musste der Katalysator herausgeschlossert werden, weil er in Europa verboten war. In der Schweiz durften Lastwagen nur 2,3 Meter breit sein, gegenüber den 2,5 Metern im Rest des Kontinents, angeblich wegen der schmalen Bergstrassen, tatsächlich aber als Schutz für die nicht überlebensfähigen einheimischen Nutzfahrzeughersteller. Den überlebensfähigen Teilen jener Firmen jedoch, etwa der Firma «FPT» in Arbon, geht es heute besser denn je. «Fiat Power Train» entwickelt die Motoren für alle Nutzfahrzeuge und Traktoren aller Hersteller, die irgendwie mit dem Fiat-Konzern verbandelt sind. Ursprünglich war es die Motorenabteilung einer geschützten Post- und Armeewerkstätte namens Saurer.

Zurück käme die Kleinstaaterei

Die ganze Kleinteiligkeit, die kleinstaatliche «Tüpflischiisserei» hat allen geschadet, allen Firmen und allen persönlich, nicht nur dem Grosi im Zug, dem die Ferien mit den Enkeln verdorben wurde. Und doch gibt es Leute, welche diese Zeit zurückhaben wollen. Sie haben die Kündigungs-Initiative der SVP unterschrieben. Sie will die Personenfreizügigkeit kündigen. Zack, und die Schlagbäume sind wieder unten und die Schikanen wieder da, weil damit auch alle anderen bilateralen Verträge weg wären, für Grosi und auch die Exportmaschinerie der Schweiz. So weit käme es nicht, heisst es bei den Initianten. Die EU hätte ein Interesse an guten Wirtschaftsbeziehungen mit der Schweiz.

Wenn sie sich da nur nicht täuschen. So wie die Brexit-Briten. Die EU hat sogar nur ein bedingtes Interesse an den wirtschaftlich viel bedeutenderen Briten, wie deren Verhandlungsfortschritte mittlerweile zeigen. Tüpflischiisserei (bei den Briten war es unter anderem die Farbe der Pässe) verträgt sich schlecht mit Grössenwahn.

Mit dem Ende der Personenfreizügigkeit käme die alte Kleinstaaterei zurück, die Kosten, der Ärger, Ärger mit Bern statt mit Brüssel. Aber über Brüssel ärgert sich wenigstens ganz Europa. Das gibt Gewicht. Wer meint, mit eigenem Ärger besser zu leben als mit Europa-Ärger, irrt sich genauso wie die Brexit-Briten. Und doch haben sie unterschrieben. Sie haben alles, und schätzen nichts. Und sie motzen und trotzen und zwängeln. Und sie sind überzeugt, dass die angedrohten Konsequenzen ohnehin nie eintreffen werden. Wohlstandsverwahrlosung nennt sich das. Politische Wohlstandsverwahrlosung. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.07.2018, 08:17 Uhr

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