8,5 × 5,4 Zentimeter Freiheit

Ab dem ersten August gibt es das GA nur noch als Teil des Swiss Pass. Eine Liebeserklärung an die kleine blaue Karte, die nun verschwindet.

Verleitet zur Spontanität: Ein Passagier zeigt einer Zugbegleiterin das GA. (Archivbild)

Verleitet zur Spontanität: Ein Passagier zeigt einer Zugbegleiterin das GA. (Archivbild) Bild: Keystone

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Wenn ich wollte, könnte ich jetzt am Zürcher Hauptbahnhof in einen Zug steigen und nach Les Brenets fahren. Einfach so. Es ist ein hübscher kleiner Ort im Neuenburger Jura, einige Meter über dem Doubs. Die Fahrt dauert nicht einmal so lange: Zürich–Biel, Biel–La Chaux-de-Fonds, La Chaux-de-Fonds–Le Locle. Von dort fährt man noch mit einem kleinen Bähnchen durch vier Kilometer Wald und drei Tunnels: voilà, Les Brenets!

«Na und?», sagen Sie jetzt, «wenn ich will, kann ich auch nach Les Brenets fahren.» Doch dann frage ich Sie: «Mal ehrlich, würden Sie das auch wirklich tun?»

Schauen Sie, ich habe dieses Fährtchen schon gemacht; ganz spontan, an einem freien Montag vor ein paar Jahren. Weil ich Lust dazu hatte – und weil ich ein Generalabonnement besitze. Ich will nicht angeben, nein, vielmehr will ich hier einmal das GA würdigen. In den letzten Jahren kam es öfters in die Kritik, es rentiere sich nicht für die SBB. Ab dem 1. August wird es nun als eigenständige Karte verschwinden; wird zu einem Bündel Daten reduziert, die dann auf einem Chip auf dem neuen Swiss Pass landen. Zeit also für eine Liebeserklärung an das Generalabonnement.

Das GA, ein Lebensgefühl

Das GA hat mich zu einem spontaneren Menschen gemacht, davon bin ich überzeugt. Ich fuhr schon nach Lausanne an einen lächerlich kurzen Geburtstagsapéro; nach St. Gallen an eine Wohnungseinweihung, an der ich nur den Gastgeber kannte. Oft war ich dann der einzige Gast, der extra aus einer anderen Stadt angereist war. Sie mögen nun einwerfen, Zugfahrten seien schliesslich auch nicht günstig. Ich entgegne: Die GA-Losen lassen sich viel öfters von der eigentlichen Reise abschrecken.

Ich mich nicht. Distanz und Reisedauer hemmen mich nicht. Das verdanke ich dem GA. Für mich ist es mehr als ein Abo, es ist ein Lebensgefühl: In meinen Teenagerjahren verreiste meine Familie selten in den Sommerferien. Doch ich hatte den Drang, in den Schulferien wegzukommen. Weg aus Zürich. Und als ich ein GA bekam, brach ich aus. Proviant im Rucksack und ein paar gute CDs für den Discman – so fuhr ich nach Montreux und zurück; fuhr mit der Brünigbahn nach Meiringen, mit dem Schiff nach Flüelen, mit dem Postauto über den einen Pass, dann mit einem anderen Postauto über den nächsten Pass wieder zurück. Ich fühlte mich ungebunden, einen Tagesausflug lang.

So geht es mir auch heute noch, wenn ich – spontan oder nicht – einsteige; in den Zug, in die Schmalspurbahn, ins Postauto. Fragen Sie mich, was Freiheit ist! Ich werde Ihnen antworten: Freiheit ist ein kleines blaues Abo. 85,60 mm × 53,98 mm. Kreditkartenformat ID-1 nach ISO-Norm 7810. Das GA.

Sagen Sie uns unten im Talkback, welches Ihre schönste Schweizer Reise mit Bus, Bahn und Schiff ist. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.07.2015, 10:06 Uhr

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