Hintergrund

Angolas chinesischer Albtraum

Unweit der Hauptstadt Luanda liess der angolanische Präsident mit chinesischem Geld eine Trabantensiedlung für eine halbe Million Einwohner hochziehen.

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Luicia Miguel dos Santos fühlt sich wohl bei sich zu Hause. «Das müssen Sie unbedingt sehen», sagt die Mutter von zwei Kindern, während sie die Gäste durch ihre neue Wohnung führt: die drei unscheinbaren Schlafzimmer, die zwei einfachen Bäder, der Einbauschrank aus Pressspanplatten, die kitschigen Tapeten aus Portugal. Auch der Blick aus den Fenstern, die in alle Richtungen das immer gleiche, surreale Bild eröffnen, scheint die Psychologin nicht weiter zu stören: Unzählige Apartmentblöcke, die wie überdimensionale Grab- oder Dominosteine aufgereiht sind, erstrecken sich fast lückenlos bis zum Horizont. «Man gewöhnt sich daran», sagt Frau dos Santos und lacht.

Das knapp 30 Kilometer von der angolanischen Hauptstadt Luanda entfernte Kilamba ist eine urbane Fata Morgana. Wo noch vor wenigen Jahren blosses Strauchwerk wucherte, schiessen heute 750 Gebäude aus dem Boden, die sich lediglich in ihrer Höhe (es gibt fünf-, acht- oder elfstöckige Exemplare) und in ihrer Farbe unterscheiden: Im einen Sektor sind sämtliche Wohnsilos grün, in einem anderen gelb, blau oder rot gestrichen. Die Blocks stehen in der baumlosen Landschaft wie versteinerte chinesische Soldaten in der Wüste Gobi: Die Baumeister dieses ehrgeizigsten aller Wohnungsbauprojekte auf afrikanischem Boden stammen tatsächlich aus dem Reich der Mitte. Schon heute verfügt Kilamba auf einer Fläche von 900 Hektaren über 20'000 Apartments: Ist das Projekt einmal ganz abgeschlossen, sollen hier auf 5000 Hektaren eine halbe Million Menschen leben.

Wohnungen sind viel zu teuer

Kilamba ist der Stolz der Regierung in Luanda. Kein hochrangiger Besucher des südwestafrikanischen Erdölstaats, dem «das Juwel der angolanischen Krone» nicht vorgeführt wird: Die Megasiedlung wird als mutige Antwort des Präsidenten Eduardo dos Santos auf die schreiende Wohnungsnot in der ehemaligen Bürgerkriegsnation gepriesen, wo 70 Prozent der Bevölkerung noch immer über kein gemauertes Zuhause verfügen. In Propagandafilmchen werden Kilambas stolze Familienväter mit ihren strahlenden Frauen und spielenden Kindern gezeigt: «Hier werden Ihre Träume Wirklichkeit», wirbt die Maklerfirma Delta Imobiliária.

Was die Firma nicht erwähnt: Die Trabantenstadt ist auch über ein Jahr nach ihrer Fertigstellung so gut wie leer – ein gigantischer potemkinscher Komplex. Auf der vierspurigen Einfallstrasse in die Siedlung kommt alle fünf Minuten mal eine Karosse angerollt, die unzähligen Parkplätze sind weitgehend ungenutzt. Aus lediglich einer der insgesamt 15 Schulen tönt der Lärm von Kindern, die Schaufenster der über hundert Einkaufsläden sind allesamt zugehängt. In kaum einem Apartment zeugen Vorhänge oder auf den Balkonen aufgehängte Wäsche von irgendeiner Form von Leben: Selbst in Condomínio L6-31, in dessen zweitem Stock sich die dos Santos eingerichtet haben, sind nur wenige der 32 Wohnungen bewohnt. «Es wäre schon schön, wenn es hier etwas belebter wäre», räumt sogar Luicia dos Santos ein.

Unerschwingliche Hypothekarkredite

Der Grund für die Leblosigkeit der Trabantenstadt: Die Wohnungen sind für die meisten Angolaner zu teuer. Hatte Präsident dos Santos die Bevölkerung im Wahlkampf vor vier Jahren noch glauben lassen, die Trabantenstadt sei ein «profundes Beispiel einer Sozialpolitik zur Lösung des Wohnungsnotstands» (sprich: für die Mehrheit der Bevölkerung erschwinglich), so gab der Staatschef nach dem Urnengang einen Richtpreis von 60'000 US-Dollar bekannt – schon das weit jenseits der Kaufkraft der meisten Angolaner.

Kurze Zeit später schnellte der Kaufpreis nochmals praktisch über Nacht auf mehr als das Doppelte in die Höhe: Luicia do Santos und ihr als Buchhalter tätiger Mann Oxay müssen für ihre Dreizimmerwohnung 140'000 US-Dollar zahlen. Das geht nur, wenn man – wie die dos Santos’ – begüterte Eltern hat.

Denn eine Hypothek für eine Immobilie aufzunehmen, ist in Angola, wie in den meisten Staaten Afrikas, fast ausgeschlossen. Als Zinsen verlangten die Banken hier 15 bis 25 Prozent, sagt Kecia Rust vom Johannesburger Zentrum für erschwingliche Wohnungsfinanzierung in Afrika: «Das ist, als ob man in Europa ein Haus mit einer Kreditkarte bezahlen würde.»

Angolaner hassen Apartments

Selbst wer sich ein Apartment in Kilamba leisten könne, würde sich einen Umzug in die Trabantenstadt dreimal überlegen, ist die an der Universität von Chicago über Angolas Wohnungsprobleme promovierende Anthropologin Claudia Gastrow überzeugt: «Es widerspricht so gut wie allem, was die Angolaner für lebenswert halten.» Die Südwestafrikaner liebten den freien Raum um ihr Anwesen – auch wenn es sich etwa in einem Slum nur um die wenigen Meter rund um eine Bretterhütte handle. Die Angolaner verachten Apartments – vermutlich weil sie während des Bürgerkriegs misstrauisch gegenüber ihren Mitmenschen geworden seien. «Sie sind die individualistischsten Menschen, die ich kenne», sagt Gastrow: Und ausgerechnet sie sollen nun in Massensilos leben, die von den «kollektivistischsten Menschen der Welt», den Chinesen, ausgedacht und aufgebaut worden sind.

Tatsächlich waren die Angolaner in Planung und Bau Kilambas praktisch nicht involviert: Zehntausend Arbeiter der staatlichen China International Trust and Investment Corporation (Citic) stampften die Monsterstadt aus dem Boden. Auch die 3,5 Milliarden Dollar, die das bisher erst zu einem Drittel realisierte Grossprojekt insgesamt kosten wird, fliessen zumindest über Peking: Weil China nur einen einst vertraglich festgelegten Spottpreis von 60 US-Cent für ein Fass angolanisches Rohöl bezahlt, hat sich der grosse asiatische «Bruder» zu bedeutenden Investitionen in der Infrastruktur und dem Wohnungsbau Angolas bereit erklärt.

Neuer Weg der Plünderung

Für den Enthüllungsjournalisten Raphael Marques steht fest, dass sich die politische Elite des Landes die einmalige Chance zur Selbstbereicherung nicht entgehen liess: Marketing und Management Kilambas wurde zwei Unternehmen zugeteilt (dem Maklerbüro Delta Imobiliária und der Ölgesellschaft Sonagol), an denen hochgestellte Persönlichkeiten wie der designierte Präsidentennachfolger Manuel Vicente beteiligt sind. «Die angolanischen Führer haben einen neuen Weg der Plünderei gefunden», schimpft Marques: «Sie halten sich an den chinesischen Krediten schadlos, die eigentlich für Sozialprojekte bestimmt sind.» Auch der angolanische Direktor der Open-Society-Initiative, Elias Isaac, klagt: «Wir hätten die Milliarden wohl besser für den sozialen Wohnungsbau ausgegeben.»

Für Luicia Miguel dos Santos gibt es zumindest bislang aber noch keinen Grund zur Klage. Im Condomínio L6-31 scheint alles gut in Schuss zu sein – nicht wie in anderen ungenutzten Apartmentblöcken, wo bereits die Farbe von den Wänden bröselt. In fünfzig Jahren habe sich das Marketing-Problem der Trabantenstadt auf ganz natürliche Weise gelöst, meint ein europäischer Beobachter in Luanda: «Dann wird sich der einheimische Busch sein Land zurückerobert haben.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2012, 08:12 Uhr

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