Hintergrund

Die Gays machen Reisebüros glücklich

Hotelplan hofft auf «sattes Umsatzwachstum» dank Facebook-Seite und eigenem Blog.

Wichtige Zielgruppe: Homosexuelle Kunden sind bei Reisebüros sehr begehrt.

Wichtige Zielgruppe: Homosexuelle Kunden sind bei Reisebüros sehr begehrt. Bild: Gero Breloer/Keystone

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Sie heissen Valentin, Markus, Daniel und Katja und sie gehören zu den erfolgreichsten Beratern beim Reiseveranstalter Hotelplan. 20 bis 30 Prozent Umsatzsteigerung kann jeder von ihnen pro Jahr vorweisen, wie Verkaufsleiter Daniel Reinhart schätzt. Die vier Reiseberater haben sich in ihrer Filiale auf die individuellen Bedürfnisse von homosexuellen Kunden spezialisiert. Seit März dieses Jahres sind sie – nebst ihrer Tätigkeit im Reisebüro – unter «Hotelplan Gay Travel» auf Facebook und mit eigenem Blog präsent: «Für euch finden wir die gaylsten Reiseangebote weltweit!» steht da über einem Porträt der vier strahlenden Reiseberater. Sie posten regelmässig, eigentlich täglich Texte und Tipps zu interessanten Zielen und Angeboten und beantworten Fragen wie: «Ist dieses Hotel gayfreundlich?» oder «Hat es in diesem Ort einen Strand für Schwule?»

Reinhart bestätigt, dass Hotelplan dieses Geschäftsfeld in Zukunft bewuss­ter und intensiver bearbeiten will. «Wir wollen uns aber nicht anbiedern und produzieren deshalb keine spezifischen Reisen für Schwule und Lesben. Einen eigenen Katalog für Gay-Reisen gibt es bei Hotelplan nicht», sagt Reinhart. Hotelplan setze den Fokus auf persönliche Beratung unter Gleichgesinnten – Valentin, Markus, Daniel und Katja sind homosexuell. Die ganze Gruppe der LGBT (Lesbian, Gay, Bi und Transgender) über einen Kamm zu scheren, sei sowieso unmöglich. «Es geht mehr um den Austausch von Tipps.» Und das käme bei der Kundschaft sehr gut an, resümiert Reinhart.

Kuoni fährt eine andere, direktere Strategie. Der Reiseveranstalter entdeckte Gay-Reisen bereits vor vier Jahren. Damals übernahm Kuoni das Label Pink Cloud, ein Reisebüro, das aus­schliesslich Reisen für Schwule und Lesben anbietet. Seit der Übernahme, so Kuoni-Sprecher Peter Brun, konnte Kuoni den Umsatz des Reisebüros um rund 40 Prozent steigern. Sehr beliebt seien derzeit die Gay Cruises, Ferien auf Luxusschiffen, die exklusiv für Schwule gechartert werden. «Es werden aber nicht ausschliesslich Reisen von Pink Cloud gebucht, sondern auch Produkte von Kuoni, da wir hier auch entsprechend luxuriöse und stilvolle Hotels und Destinationen anbieten», sagt Brun. Konkrete Umsatzzahlen zu Pink Cloud gibt Kuoni indes nicht bekannt. Aber Brun betont: «Homosexuelle sind eine wichtige Zielgruppe für uns.»

Ein Milliardengeschäft

Homosexuelle sind als Kunden bei den Reisebüros sehr begehrt und gehören längst nicht mehr dem Nischentourismus an. 50 Milliarden Euro, teilte die Gay European Tourism Association im Sommer mit, geben Homosexuelle allein in Europa jährlich fürs Reisen aus. Das entspricht etwa acht Prozent des Marktes. Und eine in diesem Frühling an der Tourismusmesse in Berlin veröffentlichte Umfrage unter 5700 Personen in den USA ergab, dass homosexuelle Hotelgäste in den Ferien durchschnittlich 57 Prozent mehr Geld ausgeben als heterosexuelle.

Im Durchschnitt haben sie ein höheres Einkommen zur Verfügung, weil sie meist keine Kinder haben und eher bereit sind, Geld für Luxus auszugeben – sie werden auch als «Dinks» bezeichnet, die Abkürzung für «Double-Income, No-Kids». Hotelplan verspricht sich deshalb von seinen Aktivitäten «ein sattes Umsatzwachstum» wie Daniel Reinhart sagt. «Das ist eine sehr interessante Zielgruppe für uns. Es sind meist eher anspruchsvolle Kunden, die tendenziell bessere Hotels buchen und Wert darauf legen, angesagte Orte zu besuchen», sagt Reinhart weiter. «Zudem gehen Gays oft mehrmals im Jahr in die Ferien.» Auch Brun von Kuoni hält fest, dass «homosexuelle Kunden ab und zu höhere Ansprüche haben und meistens sehr ästhetisch empfinden».

Zu den wichtigsten Kriterien bei der Entscheidung für das Reiseziel gehören aber die Freundlichkeit und Akzeptanz gegenüber schwulen und lesbischen Gästen. «Die meisten Schwulen machen dieselben Reisen wie Heterosexuelle. Aber sie übernachten lieber in Hotels, in denen es keine Irritationen auslöst, wenn zwei Männer ein Doppelbett wünschen», sagt Rolf Trechsel von der Schweizerischen Schwulenorganisation Pink Cross. Doch mit der Freundlichkeit allein sei es nicht getan; er weist darauf hin, dass «gayfriendly» nicht nur ein Marketing-Label sei, dass es nicht nur ums Geld gehen dürfe. Es ginge um echte Akzeptanz. «Die Mitarbeiter sollen entsprechend geschult sein. Ein weltweites Label, das dies sicherstellt, wäre wünschbar», sagt Trechsel.

Überforderte Hotelangestellte

Rolf Wieland* etwa, der mit seinem Partner oft und gern reist, stellt fest, dass immer noch viele Hotelangestellte mit der Situation überfordert sind – auch in Europa: «Das reicht von schlecht gelegenen Zimmern, Gekicher beim Einchecken über falsche Ansprachen (Herr und Frau XY) auf der Willkommenskarte im Zimmer bis hin zu grossen und kleinen Spa-Schuhen für jeweils einen Mann und eine Frau.» Wieland kommt zum Schluss: Auf den Gay-Zug aufspringen könne jeder – bei der Umsetzung hapere es aber teilweise sehr. Bis jetzt, sagt Wieland, hätte er aber noch keine wirklich diskriminierenden Erlebnisse gehabt. «Was ein «gay­friendly»-Hotel ausmacht: ein Gefühl von willkommen sein und sich nicht erklären oder verstecken müssen.»

Gerade die Schweiz empfindet Wieland in diesem Punkt eher als «rückständig». «Abgesehen von einigen Tourismus-Regionen wie Arosa, die Gays intensiv bewerben, werden LGBT kaum direkt angesprochen.» Die Bemühungen von Schweiz Tourismus, unter dem Label «Gayfreundliche Hotels» vermehrt Touristen aus Deutschland, England und Frankreich anzulocken, seien in der Szene noch nicht wirklich registriert worden, meint Wieland.

Trechsel von Pink Cross ist da anderer Meinung. Die Schweiz sei verglichen mit anderen Ländern «relativ» schwulenfreundlich. «Offen negative Reaktionen sind selten. Beispielsweise in Marokko, Russland oder der Türkei würde ich persönlich ein tolerantes Hotel klar vorziehen.»

Der Hinweis, ob ein Land oder ein Hotel gayfriendly sind oder nicht, lässt sich im Internet schnell herausfinden. Brauchen Lesben und Schwule also überhaupt eigene Anbieter? «Wir finden es gut, dass es beides gibt: Mehr Gay-Bewusstsein und mehr Angebote der Reiseveranstalter», sagt Trechsel von Pink Cross. Wieland wiederum nutzt die Angebote von Kuoni und Hotelplan zwar nicht, empfindet es aber als Fortschritt, dass die Reiseveranstalter diese Zielgruppe «anerkennen». «Das heisst doch auch, dass wir nicht mehr marginalisiert werden. Es gibt ja auch spezifische Angebote für Familien oder Senioren.» Der Anteil gemessen am Gesamtangebot, sagt Trechsel, sei aber immer noch verschwindend. «Und das Bewusstsein noch ausbaufähig.»

*Name geändert. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.09.2013, 08:12 Uhr

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