Die Paradiesinsel des Kapitalismus

Der Stadtstaat Singapur feiert den 50. Geburtstag seiner Demokratur. Ein Besuch auf der ehrgeizigsten Insel der Welt, die man am besten versteht, wenn man sie von oben betrachtet.

Filigran oder wuchtig: In der Skyline von Singapur streben die unterschiedlichsten Bauten gegen den Himmel. Foto: Peter Bialobrzeski (laif)

Filigran oder wuchtig: In der Skyline von Singapur streben die unterschiedlichsten Bauten gegen den Himmel. Foto: Peter Bialobrzeski (laif)

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Nachdem der schwere Tag verglüht und die Nacht über die Stadt gekommen ist, wenn die Hochhausfenster leuchten und die Discjockeys in den höchsten Bars die Musik anwerfen in amerikanischer Volllautstärke, wenn die Jungen in den Sesseln ihre frohen Drinks teuer bezahlen, dann schaut man vom 75. Stock auf Singa­pur hinunter und denkt an die vielen Male in den letzten Tagen, an denen die Bewohnerinnen und Bewohner einem versichert haben, wie sehr sie ihr Land lieben, wie dankbar sie ihrem ersten Premierminister seien, Lee Kuan Yew, der das Land 30 Jahre streng regierte, reich machte und folgsam hielt, denkt an ihre Inbrunst und fragt sich, warum.

Kleiner als Solothurn

Singapur, der Stadtstaat am Äquator. Vielsprachig und multikulturell. Das Miniatur­land mit der Maximalwirtschaft, bewundert von Russland, von China. Ein Inselstaat zwischen zwei Ländern, Malaysia und Indonesien. Die grösste Insel, auf der die Hauptstadt steht, ist kleiner als der Kanton Solothurn. In diesem Kanton, der die Masseneinwanderungsinitiative mit 54,6 Prozent angenommen hat, leben gegen 260'000 Menschen. In Singapur sind es 5,5 Millionen, 1,2 Millionen von ihnen Ausländer. In wenigen Jahren werden es gegen 7 Millionen sein. So ist es geplant, und hier plant man ­alles auf Jahrzehnte hinaus, den Ausbau des Landes, die systematische Aufrüstung, die selektive Information der Bevöl­kerung, die Wahlen. Die Büro­türme wachsen, die Wirtschaft wuchert, die Millionäre vermehren sich. In den Malls liegen Luxusmarken zum Verkauf, durch die Strassen fahren teure Wagen. ­Singapur ist die Paradiesinsel des Kapitalismus.

Kathryn Loh, eine fünfzigjährige Frau chinesischer Abstammung, sagt es einfach: «Meine Familie hat diesem Land alles zu verdanken.» Ihre Gross­eltern waren in den 20er-Jahren aus China eingewandert, um dem Hunger zu entgehen. Die Reise dauerte sechs Monate, die meiste Zeit verbrachten sie in Schiffsrümpfen, Seuchen brachen aus, die Matrosen warfen die Leichen ins Meer. In Singapur, das ihnen noch ärmer vorkam als China, arbeitete der Grossvater in einem Kaffeehaus, arbeitete sich hoch. Die Grossmutter bekam 16 Kinder, das 14. war Kathryns Mutter. Sie hat über 100 Cousins und Cousinen. Kathryn fühlt sich hier frei und sicher. Im Vergleich zur Armut, die ihre Eltern noch erlebten, habe sich ihr Land unvorstellbar entwickelt. Kathryn arbeitet im Tourismus, sie hat auch die Schweiz besucht, ein Land, das Premierminister Lee Kuan Yew als Vorbild lobte. Was ihr dort besonders gefällt, vermisst sie daheim am meisten: «Ihr habt ein Hinterland um eure Städte.»

Dazu muss man hier mit einem verwitterten Boot auf jene Insel östlich der Stadt übersetzen, die von allen Orten am wenigsten überbaut wurde. Die Granit­insel Pulau Ubin ist zehn Quadratkilometer gross, von Tropenwald überwuchert, viele Tiere leben hier: Otter, Affen, Wildschweine, Schlangen, Nashornvögel. Die Insel lässt sich mit dem Velo befahren, ein intensives Erlebnis, die Hitze nimmt den Körper in Haft. Früher arbeiteten die Bewohner im Steinbruch bei Temperaturen von bis zu 35 Grad Celsius.

Schönes, schlankes Kapital

Singapur achtet trotz seiner Enge auf das Grüne, auch gibt sich das Land viel mehr Mühe mit dem Umweltschutz als in Asien üblich. Aber es ist nicht die Natur, die man hier sucht. Sonst müsste man ja die Formel-1-Rennen durch die Stadt und den regen, vor zehn Jahren legalisierten Kasinobetrieb ausblenden. Man kommt etwa wegen Little India, Chinatown oder der günstigen Essmärkte in den Hawker Centres; sie erinnern an die Traditionen der Herkunftsländer, auch wenn hier das Moderne bestimmend ist. Einer der ganz grossen Gründe, um diese Stadt zu sehen, ragt als Ausdruck ihres Reichtums und ihrer schnellen Geschichte in die Höhe. Es ist die Architektur. Filigran oder wuchtig streben die Bauten in den Himmel, alle Stile sind zu sehen, auch von Stararchitekten wie Daniel Libeskind oder dem Westschweizer Architekturbüro Group 8.

Die meisten Bauten wurden im Auftrag des Housing Development Board hochgezogen, der Behörde für sozialen Wohnungsbau. Sie sorgt mit ihrer Stadtplanung dafür, dass jedes Quartier ethnisch durchmischt bleibt. Damit wollte Premierminister Yew Rassenunruhen und Ghettoisierung verhindern. Dass die Spannungen zwischen den Einheimischen und der wachsenden Zahl von Saisonniers trotzdem steigen, kann auch die Stadtplanung nicht verhindern.

Zwei der bekanntesten Gebäudekomplexe der Stadt drängen sich als Gruppe von Wolkenkratzern aneinander, beide durch Plattformen miteinander verbunden – an ihnen erkennt man die wirtschaftlichen Extreme dieser Stadt. Im Finanzzentrum steht das in höchster Geschwindigkeit hochgezogene Hotel Marina Bay Sands mit über 2500 Zimmern, auf dem verbindenden Dach der drei Häuser liegt ein Pool mit Aussichtsterrasse, die aussieht wie ein steinernes Surfbrett und mit einem schnellen Lift auch für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Etwas weiter vom Stadtzentrum entfernt ragen die sieben Wohnhäuser Pinnacle@duxton in den heissen Himmel, eine Wohnsiedlung für die Massen, kühn gedacht, eigenwillig gebaut, von Architekten bewundert.

Miniaturstaat ohne Bodenschätze

Es lässt sich alles durchsetzen, wenn eine Partei seit 50 Jahren die Macht behält und nur die Wirtschaft gewähren lässt. Das Land feiert spektakuläre Erfolge, schränkt aber die Freiheit seiner Bürger ein. Bedingt das eine das andere? Treffen mit Alex Tan, einem ehemaligen Mitglied der herrschenden People’s Action Party. Der 71-jährige Anwalt, ein kleiner Mann, drahtig, gebildet, anglophil, hört sich die Frage unbewegt an: «Was hätten wir anders tun können?», gibt er zurück. Nach dem Abzug der Briten habe Singapur arm und schwach angefangen, sei erst von Malaysia im Norden abgewiesen und dann im indo­nesischen Süden vom Suharto-Regime bedroht worden. Ein Miniaturstaat ohne Bodenschätze, ohne Freunde, fast ohne Handelspartner. Darum das Primat der Wirtschaft, zum Preis von grossen Ungerechtig­keiten, das müsse man zugeben. Bald werde sich alles ändern, glaubt er aber, die Jungen seien dank des Internets bestens informiert. Dass Singapur vor grossen Veränderungen steht, sagen auch andere. Die Regierungspartei hat vor vier Jahren die schlechtesten Resultate ihrer Geschichte erlebt: Sie bekam nur noch 60 Prozent der Wählerstimmen.

Was Land und Mentalität bestimmt bis heute, Alex Tan braucht zwei Worte dafür: «survivalism and discipline», Überlebenswille und Disziplin. Das eine erklärt er aus der Geschichte, das andere mit dem Konfuzianismus, aus dem sich der Respekt vor der Autorität und den Eltern mit der unermüdlichen Bereitschaft zur Leistung ableitet. Den Willen und die Disziplin dazu, man spürt sie überall auf der ehrgeizigsten Insel der Welt, die summende Energie dieser Stadt, in der permanent gebaut wird, wo die Leute fünfeinhalb Tage arbeiten, viele von ihnen in tropischer Hitze. Auf der Strasse kommt einem eine junge Frau entgegen, sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift «Keep calm and study»; sei ruhig und fleissig.

Kameras bewachen den Protest

Am besten lässt sich die Dynamik dieser Stadt von oben betrachten, von der Seilbahn aus, die vom Mount Faber zur Insel Sentosa übergondelt. Der Blick reicht weit über den Hafen und auf die Tanker, die sich auf dem Wasser einreihen. Von den zehn grössten Häfen der Welt liegen sieben in China, Singapur bietet den zweitgrössten. Hier wächst die Zukunft, während Europa in die Vergangenheit zurückfällt, Amerika wird folgen.

Was aber ist mit denen, die von der Herrschaftsmeinung abweichen, die das politische System, die Todesstrafe, das Schlagen von Verurteilten ablehnen? Man kommt mit einem redefreudigen, dann zurückhaltenden Akademiker ins Gespräch, nennen wir ihn Ryan nach dem beliebtesten männlichen Vornamen in Singapur. Ryan redet erst weiter, als man ihm mehrfach die Anonymität zusichert. Auch er ist Ende März acht Stunden lang angestanden, um Lee Kuan Yew die Ehre zu erweisen, dem toten Gründungsvater, «er hat ja so viel für uns getan». Trotzdem unterstützt er seit vielen Jahren die Opposition.

Und er bestätigt, was Organisationen wie Amnesty International an Singapur kritisieren: Die Wahlen verlaufen fair, aber der Wahlkampf nicht, Dissidenten werden mit Rufmord diffamiert, kritischen Journalisten und Bloggern drohen Klagen, Stellenverlust und Ruin. Zwar leidet Singapur nicht an der Korruption, die andere asiatische Länder lähmt. Dennoch hat man als Mitglied der Regierungspartei Vorteile und wird als Oppositioneller mit Misstrauen bedacht.

«Darüber können wir uns zwar beklagen», sagt Ryan, «müssen dabei aber unsere genauen Koordinaten angeben. Wer lässt sich schon auf so etwas ein?» Im Zentrum der Stadt ist ein Speaker’s Corner eingerichtet, nach englischem Vorbild, wo jeder seine Meinung sagen dürfen sollte. Er wird von Kameras überwacht, und in der Nähe steht ein Polizeiposten.

Abflug am späten Abend, Passkontrolle am Flughafen, der Zöllner fragt: «So did you like Singapore?» Teilweise, gefällt es denn ihm? Er schaut kurz auf. «I have to like it.»

Die Reise wurde unterstützt von Singapore Airlines und Tourasia. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2015, 19:13 Uhr

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