Luxus im Hochgebirge

Wer bei SAC-Hütten an Schwarztee, Dosenfutter und Katzenwäsche denkt, war schon lange nicht mehr dort. Heute gibt es Getränkekarten, warme Duschen und 4-Gang-Menüs. Das spricht viele an – manche fürchten gar, zu viele.

Bild: Keystone

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Es ist durstiges Wetter. Die Bedienung läuft ständig rein und raus. Und trotzdem müssen einige Gäste warten, bis sie ihre Bestellung aufgeben können – vor allem wenn es bereits die zweite oder dritte Runde ist. Eine Szene, die für einen warmen Spätsommertag völlig normal ist – auch in der Leglerhütte (GL), auf 2273 über Meer und zweieinhalb Stunden von der nächsten Bergbahn entfernt.

Wer beim Schweizer Alpen-Club (SAC) an Schwarztee, Dosenfutter und Massenschlag denkt, ist nicht mehr auf dem Laufenden. Viele Hüttenwarte überraschen ihre Gäste mit einer umfangreichen Getränkekarte. In der Leglerhütte beispielsweise kann man allein bei den Rotweinen zwischen sechs verschiedenen wählen. Zum Abendessen werden vier Gänge serviert, unter anderem knackiger Eisbergsalat. Und wer früh genug bucht, kann sich im 2er-Zimmer zur Ruhe legen – natürlich unterm Duvet. Besonders innovative Wirte wie zum Beispiel René Marty auf der Glärnischhütte locken ihre Gäste sogar mit Open-Air-Kino, Freiluftbar und Diavorträgen über die Baumgrenze.

Selbstversorger im Abseits

Nicht alle finden diese Entwicklung toll: «Ich will und brauche diesen Komfort und Trubel nicht», sagt zum Beispiel SAC-Mitglied Christoph Blum. Er suche das Ursprüngliche, und dies finde er in den Hütten immer weniger. Heute geht der 64-Jährige lieber biwakieren – auch weil er den Warentransport per Helikopter nicht unterstützen möchte: «Gemäss Statuten gibt es zwar keinen Konsumationszwang, es wird aber nicht gerne gesehen, wenn man das eigene Essen auspackt.»

Etwa 3000 Helikopterflüge braucht es jährlich, um die 153 Hütten des SAC zu versorgen. Gleichzeitig heisst es im Leitbild: «Der Betrieb wird im Grundsatz nach ökologischen Kriterien geführt.» Reto Jenatsch, Präsident der zentralen Hüttenkommission des SAC, sieht darin durchaus einen Widerspruch, relativiert aber: «Diese Zahl ist den rund 25000 Touristen- und Heliskiingflügen pro Jahr gegenüberzustellen.» Und was die Hütten selbst betrifft: «Mehr Komfort heisst nicht unbedingt eine schlechtere Ökobilanz – im Gegenteil.»

Als Paradebeispiel führt Jenatsch die neue Monte-Rosa-Hütte an, die nächstes Jahr in Zusammenarbeit mit der ETH fertiggestellt wird und im Modell wie ein riesiger Kristall aussieht. Die Hightechhütte soll dank erneuerbarer Energiequellen viel weniger CO2 erzeugen als ihre Vorgängerin. Trotzdem bietet sie warme Duschen, mehr Raum und sogar WCs mit Wasserspülung.

Natur als Luxuskonsumgut

Das hat nicht mehr viel mit Hüttenromantik zu tun, wie sie SAC-Mitglied Christoph Blum sucht. Geht es nach dem Deutsche Zukunftsinstitut , wird die alpine Idylle aber in Zukunft noch ganz anders gestört. Gemäss den Trendforschern werden die Berge nämlich zu einem gefragten Konsumgut mit grossem Marktwert: «Natur – in allen erdenklichen Formen und Zusammenhängen – wird konsumiert», heisst es in der Studie «Neo Nature». Um ihre Thesen zu stützen, ziehen die Autoren bereits bestehende Daten heran: Steigende Umsätze in der Outdoorbranche, Wanderbücher auf der Bestsellerliste und 39 Millionen Deutsche, die gerne wandern – wobei sie 2,5 Euro pro Wanderkilometer ausgeben.

Für die Schweiz gibt es keine vergleichbaren Zahlen. Tourismusforscher Stefan Forster von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ist jedoch überzeugt: «Der naturnahen Tourismus wächst auch hier zu Lande.» Die aktuellsten Beispiele seien die neu eröffneten Outdoorfilialen der Migros und der erste nationale Wandertag, den die «Schweizer Familie» für das kommende Wochenende ausgerufen hat.

Allerdings werde der «Rotsocken-Cervelat-Asket» vom «neuen Wanderer» abgelöst, der auf der Suche nach einem gesunden und nachhaltigen Lebensstil sei, gleichzeitig aber gut essen und komfortabel schlafen wolle. Ähnlich klingt es in der deutschen Zukunftsstudie: «Erlebnisse in der Natur sind nicht länger zwangsläufig nur Reduzierung aufs Minimum, sondern werden mitunter völlig entfremdet von dem eigentlichen Naturbezug genossen und konsumiert.» Die Natur werde zum «Luxuskonsumgut».

Wem gehören die Berge?

Dieses neue Naturverständnis widerstrebt nicht nur einzelnen Nostalgikern wie Christoph Blum. Stimmen aus der Szene warnen vor mehr Unfällen und Umweltschäden, wenn sich bald Krethi und Plethi im alpinen Raum tummeln. Und Mountain Wilderness, eine internationale Bewegung zum Schutz der Gebirgswelt mit rund 2000 Mitgliedern in der Schweiz, schreibt im aktuellen Infobulletin: «Die Berge sind im Würgegriff der Erschliesser, der Eventmanager und ihrer Sponsoren.» Die Organisation betrachtet auch den SAC mit Argwohn: «Monopolartig werden die 153 Berghütten heute effizient verwaltet, und mit professionellem Marketing sind neue Zielgruppen wie Familie und Wanderer angesprochen worden. Vorbei die Zeiten, wo die Hütten exklusiver Treffpunkt einiger weniger Bergsteiger waren.»

Auf diesen Vorwurf angesprochen, meint Hüttenpräsident Jenatsch: «Mountain Wilderness geht es offensichtlich gar nicht um den Schutz der Gebirgswelt, sondern um das egoistische Monopol, die Hütten als exklusiven Treffpunkt einer heilen Männerwelt zu erhalten.» Im Übrigen gebe es mindestens die gleiche Anzahl weiterer Berghütten, die nicht zum SAC gehören.

Man kann die neuen Hochgebirgshotels gut finden oder nicht. Fest steht: Der Alpen-Club kann sich nicht über fehlende Gäste beklagen. Mit 330000 Übernachtungen erzielte er im vergangenen Jahr das zweitbeste Ergebnis seiner Geschichte, das nur noch von jenem im Jahrhundertsommer 2003 überflügelt wird. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.09.2008, 14:52 Uhr

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