So etwas wie mein erster Wohnwagen-Trip

Vivaldi ist auch ein Caravan, Mercedes lockt mit Eiscrème, und ins «Dickschiff» passt sogar ein Porsche rein: eine dezent reflektierte Reportage vom Caravan Suisse Salon in Bern.

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Donnerstag, 9.21 Uhr, BEA-Expo-Gelände in Bern. Gefühlte 5 Grad Celsius. Oder Fahrenheit? Egal, es ist elend kalt. Doch in wenigen Minuten wird es besser und gemütlicher sein. Dann nämlich öffnet der 41. Caravan Suisse Salon seine Tore, und 200 Wohnwagen- und Wohnmobil-Hersteller dürfen fünf Tage lang Trends feilbieten und rollende Träume verkaufen. Bis zum Ende der Messe, so hofft der Veranstalter, sollen 40'000 Besucher durch die 46'000 Quadratmeter grosse Ausstellung geschlendert sein.

Die ersten 120 Besucher, fast alle «Ü50», stehen bereits bereit. In den kommenden Stunden werden sie schauen und staunen, sich beraten lassen, eine Wurst oder ein Schnitzelbrot verdrücken, einen Plastiksack mit Prospekten füllen. Ich bin auch einer dieser 120. Und doch bin ich etwas anders. Erstens mal: deutlich jünger. Meine Wurst ess ich exklusiv vor dem Letzigrund, Schnitzelbrote mag ich nicht. Seit dem Film «Fargo» und dem Werbespot von «Kenny’s Autocenter» (Slogan: «Äs feins Käffeli bim Kenny») sind mir Autoverkäufer und Anverwandtes tief suspekt. Und last, but not least hatte ich einen Primarschulfreund namens Ueli. Dieser Ueli (okay, er hiess nicht Ueli, aber ähnlich, ich will ihn bloss nicht blossstellen), der arme Kerli, wuchs in einem Caravan-Clan auf. Jeden Sommer musste er mit den Eltern in dieser «Sardinenbüchse» (O-Ton Ueli) in die Schweizer Berge tuckern und sich dort mit Eingeborenen rumplagen. Gegen das, was er durchmachte, war Heidis Leidenszeit bei Fräulein Rottenmeier ein Wellness-Weekend. Seit jenen Tagen war ich überzeugt, dass nur eine Kreuzfahrt noch schlimmer sein kann als «Wohnwägele».

Chillen am Busen von Mutter Natur?

Logo, die Frage liegt auf der Hand: Was um Gottes Willen mach ich dann hier? Nun, man sollte das nicht so eng sehen. Ab und zu ein paar Vorurteile zu überprüfen, das schadet niemandem. Zudem wäre es ja möglich, dass sich eines Tages auch auf meinem Dach der Storch einnistet, will sagen dass ich dann Ferien mit Kids planen müsste. Ein bisschen chillen am Busen von Mutter Natur, während die Gattin auf dem Wohnwagen-Herd ein Filet Mignon brutzelt und die Kleinen norwegischen Fröschen oder französischen Libellen nachstolpern? Gewürzt mit viel Altersmilde klingt das doch gar nicht allzu schlecht.

Kurz vor 10 Uhr begutachte ich erste Caravans. Es sind Modelle des deutschen Herstellers Tabbert. Sie tragen Namen wie Puccini, Vivaldi und Rossini, und ich frage mich, ob Brahms, Bach oder Beethoven zum Interieur aus grauem Stoff und braunem Holz nicht fast besser gepasst hätten. Egal, jedenfalls bitte ich Herrn Rossel, einen ältern und sympathisch wirkenden Berater, mir den «Traum» zu verkaufen. «Das ist der Paganini, aber den haben wir nicht hier.» - «Nein, ich meine den Traum des Caravan-Abenteuers.» - «Jäso.» Dann berichtet er von Abenden mit Unbekannten, die man zufällig treffe, der anderen Sprache wegen kaum verstehe, aber trotzdem ins Herz schliesse («Vor dem Grill sind wir alle gleich») und von der meditativen Ruhe, die dieser Urlaubsform innewohne. «Ich mach das seit 35 Jahren, und ich möchte nicht mehr darauf verzichten.»

Herrn Rossels Worte hauen voll rein in die Seele. Ich Ignorant, was weiss ich denn schon von dieser «Mit Heim und Herd durch die weite Welt»-Bewegung? Dass Caravaning in Holland ein Volkssport ist? Dass der helvetische Camper-Menü-Klassiker aus «Ghackets mit Hörnli und Öpfelmues» besteht? Dass in England eine Band namens Caravan rockt, deren Sound für den typischen Camper wohl zu progressiv sein dürfte? Oder dass 68er-Ikone Uschi Obermaier in einem VW-Hippie-Bus durch Indien cruiste? Banalitäten, Halbwahrheiten, Klischees! Peinlich.

Just als ich vorhabe, die Klischees zu killen und fortan als reuiger Pilger durch die Caravan-Messe zu wandeln, folgt die Ernüchterung. Mercedes hat es echt fertiggebracht, die «Viano»-Kastenwagenflotte in eine wehtuend klischeehafte Szenerie einzubetten. Da gibt es die Leuchtturm-Attrappe, die Blockhütte, ein Häufchen Sandstrand inklusive Nachen, ja gar einen italienischen Glacestand (an dem übrigens der pädagogisch wertvolle Hinweis angebracht ist, dass die Eiscrème bei der Fahrzeugbesichtigung draussen bleiben muss). Bünzlis aller Länder, vereinigt euch! Gleichwohl will ich den Geheimnissen des Caravaning auf die Schliche kommen.

Also lausche ich hier und horche dort, trinke Käffeli (nee, nicht mit Kenny) und sammle Prospekte. So erfahre ich, dass der «normale» Wohnmobilist circa 55 Jahre alt ist. Dass nun endlich auch die Caravan-Designer begriffen hätten, dass die jüngere Klientel nach dem «Retro»-Look verlange. Dass die Begriffe «grobe Mocke» und «Dickschiff» Motorhomes bezeichnen, die in etwa den Luxusstandard einer «Brangelina»-Villa aufweisen. Dass in Österreich eine Wellness-Oase speziell für Camper existiert. Oder dass der Wohnwagen-Driver tendenziell zielorientiert reist, der Wohnmobil-Chauffeur sich hingegen eher wie ein «schnuppernder Hund» fortbewegt. Interessant ist auch, dass hier in Bern, anders als beim Genfer Autosalon, weder Ex-Missen Autogramme kritzeln noch halbnackte Boxenluder auf Karossen rumtänzeln. Wie dieses Versäumnis zustande kam, kann mir niemand erklären.

Hugo Steinegger und der «Trojaner»

Nach all diesen Eindrücken bin ich kurz nach 13 Uhr so erschöpft, dass ich mich, gegenüber dem Verkäufer falsches Interesse heuchelnd, aufs prächtige Bett eines Hymer-Campers fläze. Da der Mann neben mir stehen bleibt, ist ein seriöses Mittagsschläfchen jedoch nicht möglich, ich ziehe weiter... bis ich plötzlich vor «ihm» stehe. Er, das ist der «rLiner» von Riepert, eine Art abartiges Trojanisches Pferd, steht in seiner offenen Hecklucke doch ein ganzer Smart. «Crazy shit!», denke ich, als mir jemand spontan zu erklären beginnt, dass man das «Dickschiff» auch mit eingebauter Porsche-Garage haben könne. «Oder mit einem Pferdestall, einem Büro, einem Foto-Labor, was immer sie wollen.» Ich will eigentlich aufs Klo, aber der Jemand - es ist übrigens der im Schweizer Sportgeschehen reichlich bekannte Hugo Steinegger - drückt voll aufs verbale Gaspedal. Er habe selber ein solches Gefährt, arbeite und lebe darin, dass sei viel besser als jedes Hotelzimmer, Inneneinrichtung nach Wahl, der volle Komfort, «aber gehen wir doch mal rein».

Nach 25 Minuten kommen wir wieder raus, meine Blase tut sauweh, dafür bin ich um einen Katalog reicher. Für die Akten: Inklusive Smart-Garage kostet der Wagen rund 450'000 Franken. Hätte ich so viel Kohle, würde ich mir in der Toscana ein grosses Stück Haus posten - inklusive Cinquecento-Garage!

Um 15 Uhr erkläre ich die Mission für beendet, mehr Prospekte kann ich schlicht nicht schleppen. Es war ein aufregender Tag, ein Trip, quasi meine erste Wohnwagenreise als Trockenübung. Bräuchte diese Reportage zwingend ein Happy End à la Hollywood, würde ich jetzt mit sanfter Stimme sagen, ich sei Dank der Messe zum Caravan-Freak mutiert und hätte bereits einen «Starlett» von Sterckeman bestellt (das ist der günstigste, den ich gesehen hab, allerdings muss man, glaub ich, auf dem Tisch schlafen). Braucht sie aber nicht zwingend; es ist gut, wie es ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2008, 11:01 Uhr

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