Unten Tunnel, oben Weitblick

Die Maighelshütte liegt 2300 Meter über Meer im Kanton Graubünden. Tief darunter im Berg verläuft der Gotthardbasistunnel.

Hüttenwarte: Pia und Bruno Honegger vor der Maighelshütte.

Hüttenwarte: Pia und Bruno Honegger vor der Maighelshütte. Bild: Stefan Boss

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Wer in die Höhe steigt, hat gewöhnlich den Überblick. Der Himmel ist an diesem Tag jedoch wolkenverhangen, als wir auf dem Oberalppass aussteigen und Richtung Maighelshütte marschieren. Der Weg steigt gemächlich an. Auf einem kurzen Abschnitt kann man sich an einem Stahlseil festhalten – das scheint fast ein wenig übertrieben. Auch bei regnerischem Wetter sieht man als Wanderer allemal mehr als der Reisende, der ab 2017 durch den neuen Gotthardtunnel flitzen wird. Im 57 Kilometer langen Loch wird es ziemlich dunkel sein.

Rechterhand geben die Wolken kurz den Blick auf den Rossbodenstock frei, dessen rötliche Felsen stolz in den Himmel ragen. Der Weg ist inzwischen in eine Naturstrasse gemündet. Nach eineinhalb Stunden erreichen wir die Maighelshütte auf 2300 Meter über Meer. Irgendwo tief unten im Berg auf 550 Meter Meereshöhe wird die neue Flachbahn durch den Gotthard brausen.

Pia Honegger beendet gerade die Reinigung des Schuhraums. Sie holt ihren Mann Bruno, und wir setzen uns an einen Gartentisch vor der Hütte. Das Ehepaar ist seit 20 Jahren hier gemeinsam Hüttenwart. «Vom Bau der Neat haben wir hier oben nicht viel gemerkt», sagt Bruno Honegger, dessen Haut von der Sonne gegerbt ist. Ab und zu sei ein Arbeiter, der sein Tagwerk beim Zwischenangriff Sedrun verrichte, aufgestiegen oder mit dem Velo hinaufgefahren. «Im Tunnel arbeiten viele Deutsche und Österreicher, einige von ihnen haben sich bei uns erholt.» Insgesamt sei der Einfluss der Baustelle aber gering gewesen, und auch die Eröffnung der Neat im Jahr 2017 werde daran nicht viel ändern.

Mehr Kundschaft mit Porta Alpina

Ganz anders wäre es, wenn die Porta Alpina gebaut würde, die Haltestelle mitten im Tunnel, von der aus man über einen Lift direkt in die alpine Welt nach Sedrun gelangen könnte. Dies würde der Hütte, die nur ein paar Kilometer entfernt liegt, zu mehr Kundschaft verhelfen. Schon heute sind es 6000 Besucher pro Jahr, die in das Refugium des Schweizerischen Alpenclubs (SAC) kommen.

Bruno Honegger ist aber nicht sehr traurig, dass die Porta Alpina vom Bundesrat vorerst auf Eis gelegt wurde. Sonst wäre es nämlich mit der Ruhe vorbei, zumindest in Sedrun, wo die Honeggers eine Wohnung haben, und wohl auch in der Maighelshütte. «Die Porta Alpina kann später immer noch gebaut werden», meint der Hüttenwart – seine Frau ist inzwischen zur Erledigung einiger Arbeiten nach drinnen verschwunden. Ist der Tunnel einmal fertig, wird man von Basel aus in gut drei Stunden in Mailand sein. Die Züge sollen mit Spitzengeschwindigkeiten von 200 bis 250 Stundenkilometern durch die Alpen donnern. Ist angesichts dieser Tatsache das gemächliche Wandern nicht völlig überholt? «Überhaupt nicht», findet der gebürtige Zürcher und schüttelt heftig seinen Kopf. «Je hektischer das eine, umso gemächlicher das andere.» In den letzten Jahren sei das Wandern gar beliebter geworden.

Die Maighelshütte zieht im Sommer viele Familien an, die in der mehr oder weniger noch intakten Bergwelt Erholung suchen. «Man muss den Leuten aber etwas Spezielles bieten, zum Beispiel die Begehung eines Gletschers, einen Fels mit verschiedenen Kletterrouten.» So hat Honegger in der Nähe einen neuen Klettersteig eingerichtet. Gerade war eine Schulklasse aus Basel da, die ihre Erfahrungen im Umgang mit Seil und Haken sammelte.

50 Millionen potenzielle Touristen

Beliebt ist auch ein Ausflug zum Tomasee (Lai da Tuma), der von der Hütte aus in einer Stunde erreicht werden kann. Er wird geschickt als Rheinquelle vermarktet, obwohl es noch viele andere Bäche und Bergseelein gibt, für die diese Bezeichnung ebenfalls zutreffen würde. «50 Millionen Deutsche und Holländer leben im Rheingebiet», sagt Honegger. Dies sei ein riesiges Potenzial, um neue Besucher anzulocken.

So gemütlich es beim Bummel über Stock und Stein und über die Matten mit Enzian, Dotterblumen und Alpenrosen auch zugehen darf, auf Komfort wollen die Gäste der Maighelshütte nicht verzichten. «Die Besucher verlangen feines Essen, kleinere Zimmer und gute sanitäre Einrichtungen», hält er fest. Das Wohl ihrer Gäste ist den Honeggers schon deshalb wichtig, weil ihr Lohn von den Konsumationen abhängt – die Einnahmen aus den Übernachtungen gehen weitgehend an den SAC als Hüttenbesitzerin.

Vom Hüttenwart zum Hüttenwirt

Während früher die Bergsteiger ihre Mahlzeit selbst zur Hütte hochtrugen und der Hüttenwart höchstens eine Suppe und Tee zubereitete, ist heutzutage abends ein Menü inklusive Dessert und morgens ein Kaffee selbstverständlich. «Aus dem Hüttenwart ist eigentlich ein Hüttenwirt geworden», sagt Honegger. Möglich wurde diese Entwicklung dadurch, dass die Lebensmittel heute per Helikopter zu den Hütten gelangen. Auch Honegger ist im Winter manchmal auf den Transport aus der Luft angewiesen, im Sommer kann er seine Einkäufe mit einem geländegängigen Auto in einer halben Stunde von Sedrun herbringen. Die moderne Welt hat also auch in der Maighelshütte Einzug gehalten. Im Schuhraum gibt es einen Luftentfeuchter, in der Küche einen Geschirrspüler. Auch wer während der Fussball-WM dort weilte, brauchte nicht zu darben: Über den Beamer konnten die Basler Schüler ab und zu ein Fussballspiel verfolgen.

Bruno und Pia Honegger, die über das ganze Jahr verteilt etwa acht Monate in der Hütte leben, verfügen auch über einen Internetanschluss. Für die Reservationen der Besucher sei dies praktisch, erklären sie. «Es hat aber auch seine Nachteile, sagt Pia Honegger, die sich inzischen wieder an den Tisch gesetzt hat. Viele Leute würden ihre Fragen per Mail stellen. «Oft möchten sie innert einer Viertelstunde eine Antwort haben.» Manchmal erkundigten sich Tourenskifahrer im Winter bloss nach den Schneeverhältnissen und wollten gar nicht in der Hütte übernachten, erklärt sie.

Von Sedrun bis Andermatt

Inzwischen ist eine Gruppe Deutscher mit ihren Mountainbikes eingetroffen. Aufgestiegen sind sie von Sedrun, noch am gleichen Tag wollen sie über den Oberalppass nach Andermatt und Richtung Susten fahren. Ihre Mountainbikes sind von einem traditionellen Drahtesel etwa gleich weit entfernt wie ein Hochgeschwindigkeitszug von einer Dampflokomotive. Hightech hat definitiv hier Einzug gehalten, auch wenn die neue Gotthardbahn vorerst ohne Halt bei Sedrun durchbrausen wird. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.07.2010, 14:28 Uhr

Die Maighelshütte

Die Maighelshütte liegt auf 2300 Meter über Meer im westlichsten Zipfel des Kantons Graubünden. Vor dem Zweiten Weltkrieg errichtete die Armee an dem Standort Erdunterkünfte – das Gebiet gehörte zum Gotthard-Reduit. In den 50er-Jahren kaufte der Schweizerische Alpenclub (SAC) dem Bund die Hütte ab – für bloss 50 Franken. Seither wurde die Unterkunft mehrfach umgebaut, zuletzt vor 12 Jahren. Heute bietet die Hütte Platz für 92 Gäste.

Anreise: Zugang zu Fuss ab Oberalppass in rund 1,5 Stunden; ab Tschamut (Vorderrheintal) 2,5 Stunden. Bewartungszeit: Juli bis Mitte Oktober und Ende Dezember bis Anfang Mai; Telefon: 081 949 15 51
> www.maighelshuette.ch

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