Die Swatch, mein Lebensabschnittspartner

Erinnerungen am Handgelenk: Jedes Swatch-Modell, das einem gehörte, steht für eine bestimmte Zeit.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Croque Monsieur, 1989 Die Erste vergisst man nie. Der Sekundenzeiger mit der roten Pfeilspitze, das himmelblaue Zifferblatt, der Spruch darauf: «La terre n’est pas une vallée de larmes», die Erde ist kein Tal der Tränen. Die Uhr war ein Geschenk, vielleicht, weil im neuen Schuljahr der Französischunterricht begann. «Bonjour Pierrot, bonjour Pierrette» – das war schon oft zum Heulen, damals im Jahr 1989. Dank der Uhr schrieb man im Diktat wenigstens das Wörtchen Tal fehlerfrei. Doch war die Croque Monsieur natürlich mehr: eine Lektion fürs Leben. Bis heute erinnert man sich in dunklen Momenten an diesen einen Satz: «La terre n’est pas une vallée de larmes». Ziemlich weise für eine 50-fränkige Plastikuhr.


Blue Flamingo, 1991

Die Zweite begleitet einen bis heute auf Schritt und Tritt. Als Idee der italienischen Designerin Beatrice Santiccioli. Diese entwarf vor fast einem Vierteljahrhundert den Look der Blue Flamingo. Jahre später definierte sie die Farbpalette für Apples portablen MP3-Player, den iPod (mit integrierter Zeitanzeige).


Time to Move, 1992

Die erste Automatikuhr: ein Spielzeug. Weil das Gehäuse der Time to Move»durchsichtig war, konnte man zuschauen, was im Innern der Swatch vor sich ging. Vornehmlich im Französischunterricht feilte man an der Technik, mit geschickten Handverrenkungen den kleinen Rotor in Schwung zu halten. Dass die Uhr anlässlich der Rio-Konferenz 1992 hergestellt wurde, also ein ernstes Thema hatte, ging dabei etwas vergessen. Die Uhr erlitt dasselbe Schicksal wie die Weltgemeinschaft mit ihren hochgesteckten Klimazielen: Irgendwann ging ihr der Schnauf aus.


Red Island, 1992

Getaucht war man bislang bloss nach bunten Plastikringen im Hallenbad und nach kleinen Krebsen im trüben Salzwasser der Adria. Trotzdem musste es 1992 eine Taucheruhr von Swatch sein. Es war der Beginn einer Sucht, die bis heute anhält: das endlose Fummeln an diesem verfluchten Plastikring, in der Fachsprache Drehlünette genannt. Die Klickgeräusche trieben den Französischlehrer schier in den Wahnsinn. Als pubertärer Rebell versuchte man natürlich eines Tages, die Lünette im Uhrzeigersinn zu drehen, was der Scuba den Todesstoss gab. Ein Tauchgang wäre so zum Risiko geworden, dafür war man vor dem Lehrer sicher.


Chaise Longue, 1993

Die Chaise Longue war eine Flirtwaffe. Sie sah verdammt gut aus auf braun gebrannter Haut. Das extravagante Design der Uhr liess den 16-jährigen Träger von luxuriösen Strandkörben auf Sylt und teuren Jachten im Hafen von St-Tropez träumen. Getragen wurde sie schliesslich bei einer schweisstreibenden Dreisatzniederlage gegen den besten Freund im trockenen Sand des örtlichen Tenniscenters. Das Lederband war danach futsch, die Träume aber lebten weiter.


Sound, 1993

Noch so eine Dandy-Uhr. Mit ihrer Stoppuhrfunktion ebenfalls ein patentes Spielzeug. Die Herausforderung: den Chronografen zum richtigen Zeitpunkt stoppen, damit der Zehntelsekundenzeiger genau auf der Null stehen bleibt. Das erforderte ziemlich viel Konzentration und ein gutes inneres Uhrwerk. Zu viel mehr taugte die Sound nicht. Deshalb wurde sie ein Jahr später durch die Taucheruhren Lunaire und Sea Floor ersetzt. Das Klick-Spiel war lustiger.


Spartoon, 1999

Eine seltsame Zeit. Gespielt wurde nun in den Schützengräben des Waffenplatzes Payerne. Die etwas peinliche Pseudo-Rolex Innamorato aus dem Jahr 1998 wich dem Totschlägermodell Spartoon, einem Monster von einer Uhr. Eindruck machte man aber auch damit nicht. Deshalb kündigte man für 17 Wochen Swatch seine Liebe und besorgte sich wie alle anderen eine G-Shock von Casio. Das war krass, wir waren Helden – und dann war endlich gut: 2002 wurde das Sturmgewehr im Zeughaus für immer verabschiedet, die G-Shock landete im Müll, und ab sofort zierte eine Funny Devil von Swatch das Handgelenk. Man zog nach Zürich, spielte mit den lustigen Teufeln im Nachtclub Aera und in der Dachkantine und hoffte, diese verrückte Zeit beliebig lang anhalten zu können.


Rise Up, 2010

Mit der Sundrop Strap , einem schlanken Chronografen, kehrte der Ernst des Lebens zurück. Danach folgten sieben lange Jahre, in denen Swatch keine schönen Uhren produzierte. Bieder waren die Modelle, protzig oder mit zu viel angeberischem Bling-Bling verziert. Gut möglich, dass man als Teenager darauf abgefahren wäre. Wenn man es sich genau überlegt: sogar sehr gut möglich.

Die Liebe zur Plastikuhr wurde erst 2010 wieder geweckt. Swatch verwies mit seiner Colour Codes Collection auf seine Wurzeln. Beim Stopover in Bangkok gönnte man sich eine Rise Up, bei der Rückkehr von den Philippinen, die blaue Kleine war ganz vergilbt, eine Blue Rebel und drei Jahre später die ­Rebirth Blue .

Drei blaue Uhren wechseln sich seither an meinem 36-jährigen Handgelenk ab. Schaue ich aufs Zifferblatt, mahnt es mich daran, wie schnell die Zeit verrinnt. Gleichzeitig ruft das Blau den Wolkenhimmel von der Croque Monsieur in Erinnerung. Und den alten Satz, der für alle Ewigkeit gilt: «La terre n’est pas une vallée de larmes.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2014, 08:37 Uhr

Neuer Flagship-Store an der Bahnhofstrasse

Zürich – Der Swatch-Laden an der Bahnhofstrasse hat die Adresse gewechselt. Neu verkauft der Uhrenhersteller seine Kollektionen an der Hausnummer 52, dort, wo früher Jeans von Diesel im Angebot standen. Gestern Dienstag war offizielle Eröffnung. Der neue Flagship-Store misst 91 Quadratmeter und bringt gemäss Medienmitteilung «eine Fülle von Licht, Farbe und Bewegung in diese attraktiv urbane Umgebung».

Spezialität des Ladens: das flexible Wandsystem. «Wenn neue Kampagnen und Produkte lanciert werden, kann der Store als perfekte Bühne genutzt werden und die Kunden überraschen.» Der Betonboden im Geschäft ist mit einer feinen Softtouch- Oberfläche überzogen, Wände und Vitrinen sind derzeit mit modern interpretierten Bauernmalerei-Motiven verziert. Das sorge für eine «kreativ verführerische, moderne Umgebung», heisst es in der Mitteilung.

Seine erste Uhr brachte Swatch 1983 auf den Markt. Als Vater der Billiguhr gilt Nicolas G. Hayek (1928–2010). Dessen Sohn Nick Hayek präsentierte unlängst Rekordzahlen: Der Swatch-Konzern erzielte 2013 einen Reingewinn von 1,93 Milliarden Franken.

www.swatch.com

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).

Kommentare

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...