Treffpunkt für Sternchen

Nestlé übernimmt das Kaffeehandel-Geschäft von Starbucks. Für die jungen, hippen Kunden ändert sich nichts.

<b>Einst barbusig.</b> Mehrere Schönheitskorrekturen vom Logo liessen die anrüchige Sirene von 1971 immer mehr verschwinden.

Einst barbusig. Mehrere Schönheitskorrekturen vom Logo liessen die anrüchige Sirene von 1971 immer mehr verschwinden. Bild: Keystone

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«Einmal Vanilla Latte für Laura!» Laura, die mit ihrer Kollegin gerade ausgiebig über einen Französischlehrer herzieht, schreckt auf und holt sich ihren Kaffee. Der Duft frisch gerösteter Kaffeebohnen trägt die süssliche Vanillenote behutsam in den Raum. Es ist vier Uhr nachmittags im Starbucks-Café an der Freien Strasse 89, eines der 62 in der Schweiz und der rund 27 000 Filialen des Grosskonzerns weltweit.

Drei Mädchen, nicht älter als 14, stolzieren mit ihren Retro-Sneakers durch die Eingangstür. Ihre Handtaschen schwingen an den schmalen Handgelenken der Mädchen hin und her. Eine kramt ihr Handy hervor, formt die Lippen zu einem Kussmund, hält den Kopf schief und schiesst ein Selfie. Die Handykamera positioniert sie dabei so, dass im Hintergrund des Bildes gross das Starbucks-Logo zu sehen ist. Dann saust ihr Daumen flink über das Smartphone. In ein paar Sekunden wird das eben aufgenommene Foto auf dem Facebook- oder Instagramprofil des Mädchens landen. #Starbucks. Ein Sternchen sucht ein wenig Licht im Starbucks.

Etwas später marschiert das Leggings-Trio wieder hinaus. Sie haben nichts konsumiert, was den Angestellten bei dem ganzen Trubel an der Theke gar nicht aufgefallen ist.

Weit gespreizte Schwanzflossen

Das Starbucks-Logo wird von Menschen überall auf der Welt erkannt. Was genau darauf zu sehen ist, wissen die wenigsten. Sie erinnern sich vielleicht daran, dass es rund und irgendwie grünlich-weiss ist. Die Meerjungfrau mitten im grünen Kreis nimmt jedoch kaum jemand wahr.

Dabei trieb sie den Kunden in den Anfangszeiten von Starbucks noch die Schamröte ins Gesicht. Als der heutige Kaffeeriese im Jahre 1971 als kleines Geschäft für Tee, Kaffee und Gewürze in Seattle gegründet wurde, prangte die Meerjungfrau noch mit entblössten Brüsten und weit gespreizten Schwanzflossen am Schaufenster. Eine Provokation im prüden Amerika. Die Studienkollegen Gerald Baldwin, Gordon Bowker und Zev Siegl entschieden sich bewusst für die barbusige Sirene, um dem hohen Stellenwert des Fischens in Seattle gerecht zu werden. Den Namen widmeten sie dem Steuermann Starbuck aus dem Roman «Moby Dick».

Die Besitzer des kleinen Ladens im Hafen von Seattle setzten von Anfang an auf Qualität. Die frisch gerösteten Kaffeebohnen, die sie dort verkauften, zogen schon bald Kunden aus ganz Amerika an. Obschon sich die Studienkollegen an ihrem Erfolg erfreuten, blieb ihr unternehmerischer Geist bescheiden. Sie beliessen ihr Konzept zehn Jahre lang ziemlich genau so, wie sie es 1971 beschlossen hatten.

Die persönliche Note

1982 jedoch stiess ein Mann zu den drei Gründern hinzu, der das Potenzial der Marke Starbucks früh erkannt hatte und die Geschichte des Unternehmens entscheidend mitprägen sollte: Howard Schultz. Er übernahm noch im selben Jahr die Verkaufsleitung.

Inspiriert kam er ein Jahr später von einem Besuch in Mailand zurück und wollte seine Chefs überzeugen, die Kaffeebohnen nicht nur zu verkaufen, sondern auch gleich zuzubereiten und die frische, schwarze Brühe zum sofortigen Genuss anzubieten. Sie liessen ihn erst mal gewähren; er durfte kleine Espresso-Bars in den mittlerweile drei Starbucks-Filialen in Seattle errichten. Die Kunden waren begeistert, und Starbucks entwickelte sich zu einem Ort des ungezwungenen Beisammenseins.

In seinen Expansionsplänen aber unterstützten die drei Gründer ihn nicht. Zu wichtig war es ihnen, die Qualität des Kaffees und die persönliche Note in den Geschäften zu bewahren. Hätten sie die herein- und wieder hinausströmenden Basler um 17.15 Uhr an der Starbuckstheke in der Innenstadt gesehen, wären ihnen wohl die Haare zu Berge gestanden. Die persönliche Note, die die Angestellten so bemüht zurückzubringen versuchen, indem sie jeden nach seinem Namen fragen, gelingt nicht. «Latte Macchiato gross oder klein?», «Ein Muffin dazu?», «Dein Name?» klingt doch mehr nach Massenabfertigung als echtem persönlichen Interesse.

Das Ende der Blockade

Ob Howard Schultz sich der Auswirkungen seiner so gewünschten Expansion bewusst war, weiss man nicht. Der Mann mit den grossen Visionen verliess Starbucks, um es den Studienkollegen vier Jahre später für rund vier Millionen Dollar abzukaufen. Frei von deren Vorbehalten konnte er endlich expandieren. Innert zwei Jahren verfünffachte Schultz die Anzahl Coffeeshops in den Vereinigten Staaten.

Auch die anrüchige Meerjungfrau erfuhr einige Veränderungen. Als Aushängeschild des Labels war sie Schultz wohl zu freizügig. In einer ersten Schönheitsoperation 1987 liess er ihre Brüste mit langem, wellendem Haar bedecken. Fünf Jahre später ging er mit Starbucks an die Börse und nahm die anrüchigen Fischschwänze in Angriff. Das Bild wurde so zurechtgeschnitten, dass die Schwanzflossen zwar noch vorhanden, jedoch nicht mehr als solche zu erkennen waren. Ob die Meerjungfrau noch weitere Schönheitsoperationen zu befürchten hat, wenn der weltgrösste Nahrungskonzern Nestlé den Produktvertrieb Ende dieses Jahres übernimmt, ist ungewiss. Bisher gibt es dazu keine Stellungnahme. Die Korrekturen ab 1987 jedenfalls scheinen sich gelohnt zu haben. Während die Sirene einen immer züchtigeren Anblick bot, wurde der Ausblick auf den Erfolg von Starbucks immer grösser: Im Jahr 2000 hatte das Unternehmen bereits Standorte in über 20 Ländern eröffnet. Ende 2017 waren es schon über 27 300 in 70 Ländern. Die erste Filiale, welche in Kontinentaleuropa entstand, ist der dreistöckige Starbucks beim Zürcher Central.

Bisher fehlte jedoch noch ein wichtiges Land: Jahrelang wehrte sich Italien gegen den Einzug des Grosskonzerns, bis es letztlich nachgab. Noch im September dieses Jahres wird der Kaffeeriese in das Land einziehen, wo Espresso, Ristretto und Caffè Lungo beheimatet sind. Für Howard Schultz ein lang ersehnter Schritt. Den Visionären, der vor mehr als 30 Jahren so euphorisch von Mailand zurückkehrte, muss es besonders frustriert haben, ausgerechnet in Italien nicht Fuss fassen zu können. Schultz äussert sich vorsichtig. Er komme «mit Demut und Respekt» an den Ort zurück, wo für ihn alles begonnen habe, verkündete er vor einer Woche auf der Mailänder Messe «Seeds & Chips».

Hort des gepflegten Alleinseins

Zurück im Starbucks an der Freien Strasse: Ein paar Selfies, Snap Chats und beschriftete Kaffeebecher später treffen ständig neue Grüppchen von jungen Frauen ein – so endlos wie der Fluss der Social Media. Sorgfältig platzieren sie ihre Täschchen, drapieren ihre Schals und Jacken, setzen sich schliesslich und widmen sich, ab und an am Strohhalm ihres Chai Lattes nippend, dem Gespräch mit ihren Freundinnen.

Die meisten Kundinnen gehen noch zur Schule. Weshalb geben sie ihr ohnehin knapp bemessenes Taschengeld ausgerechnet hier aus? «Es ist schon teuer, aber die Getränke schmecken einfach so gut», sagt eine Schülerin, die gerade auf ihren Chai-Tee wartet. Eine andere, die vor einer riesigen Tasse dampfenden Mocca Latte sitzt, ergänzt: «Hier kriegt man immerhin grosse Portionen! Einen richtigen Kaffee, nicht so einen winzigen Pappbecher, in dem kaum was drin ist.» Ihre Freundin nickt heftig mit dem Kopf, den Mund voller Cheesecake.

22 Milliarden Dollar liessen die Schlemmermäuler und Kaffeeanbeter 2017 bei Starbucks liegen. Das Kaffeehandel-Geschäft macht acht Prozent des Gesamtumsatzes aus. Diese werden ab 2019 an Nestlé gehen.

Die Passanten ausserhalb des Starbucks sind zu Teilen weniger überzeugt von der Qualität der angebotenen Produkte: «Starbucks ist etwas für Leute, die keinen Kaffee mögen. Das Übermass an Zucker und Milch im Becher erlaubt es ihnen, ihn dennoch zu trinken», erklärt ein selbst ernannter Kaffeeliebhaber die Tatsache, dass so viele Junge die Cafés frequentieren. Er selbst könne den Kaffee dort kaum trinken.

Doch auch Leute, die den hauseigenen Kaffee eigentlich nicht mögen, kommen in die Coffeshops. Die angenehme Arbeits- und Lernumgebung lockt sie, wenn auch mit abschätzenden Blicken, hierher. An jeder Ecke sieht man sie, die zurückgezogenen Männer und Frauen, die alleine vor ihren Büchern und Laptops sitzen und hin und wieder, von Kreativität oder Zeitdruck beflügelt beginnen, minutenlang ohne Unterbruch auf ihre Tastatur einzuhämmern.

Einer von ihnen, ein gewichtiger, älterer Herr um die 60 im Anzug, ist soeben von der Toilette zurückgekehrt. Etwas ungeschickt setzt er sich genau in die Mitte zweier Sitzkissen, die aufgrund der plötzlichen Last in die Höhe schnellen. Leicht verdutzt schaut er sich um. Der Mann in der misslichen Lage heisst Antonio und kommt mindestens zweimal die Woche für ein paar Stunden in den Starbucks, um seinen Studien nachzugehen. Wie viele andere schätzt er die Tatsache, dass es im Starbucks akzeptiert ist, allein zu sein. Wer mittags den Kellner um einen Einzeltisch im Restaurant bittet, wird bemitleidet. Noch mehr, wer abends allein in der Bar sitzt. Im Starbucks hingegen befindet sich der Alleinesitzende in bester Gesellschaft. Die Räume hinter der Meerjungfrau kommen Oasen des gepflegten Alleinseins gleich, in einer Gesellschaft, die immer mehr von Grüppchen beherrscht wird.

Es ist laut und doch ruhig

Antonio, der sich säuberlich Notizen in sein Heft macht, kommt jedoch auch deswegen so gerne in den Starbucks, «weil es hier so ruhig ist». Ruhig? Die Musik läuft, die Leute schwatzen, an der Theke herrscht reges Treiben. Still ist anders. Doch was Antonio damit sagen wollte, ist vielleicht, dass man sich bei dem konstanten Geräuschpegel im Café gut konzentrieren kann – besser als in einer stillen Bibliothek beispielsweise. Denn während man dort jeden Schritt der mit spitzen Absätzen auf und ab wackelnden Bibliothekarin, jede Seite, die schnell umgeblättert wird, jedes Nasenschnäuzen, ja jeden Atemzug des Tischnachbarn mit wachsendem Ärger zur Kenntnis nimmt, verschluckt das anhaltende Geplauder im Starbucks solche Geräusche.

Auch die Klänge der neusten Coffeehouse-Playlist tragen ihren Teil dazu bei – sehr zum Ärger eines Mitarbeiters: «Alle zwei, drei Monate schicken sie uns eine neue Playlist zu. Die läuft dann in der Endlosschleife. Meist ist die Zusammenstellung der Songs zwar ganz okay, eine Mischung aus Charts, Jazz und Loungemusik eben. Wenn ich aber morgens mit der Arbeit beginne und dasselbe blöde Lied abgespielt wird, das mich am Vortag schon genervt hat, nervt das schon ziemlich», erzählt er. Der Basler, der sich in die Masse der weltweit 277 000 Angestellten von Starbucks einreiht, befindet sich mit seiner roten Plastikwanne gerade auf einem Streifzug um die Tische, auf der Suche nach leer getrunkenen Tassen.

An der Musik wird sich mit Nestlés Übernahme wohl genauso wenig ändern wie an den Filialen selbst. Diese werden von Starbucks betrieben. Das Geschäft an der Freien Strasse 89 bleibt den hippen Mädchen und Antonio also genauso erhalten, wie es jetzt ist. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.05.2018, 11:07 Uhr

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