Warum falsche Experten viel draufhaben

Fake-Experte bei der royalen Hochzeit, Fake-Psychologe beim Geheimdienst: Hochstapler haben Hochsaison. Sollten wir uns darüber ärgern?

Umschwärmter Hochstapler: Leonardo DiCaprio im Film «Catch Me if You Can».

Umschwärmter Hochstapler: Leonardo DiCaprio im Film «Catch Me if You Can». Bild: Keystone

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Und wieder ist einer aufgeflogen. Ein Rettungssanitäter soll sich beim Nachrichtendienst als Psychologe ausgegeben haben, wie baz.ch/Newsnet kürzlich enthüllte. Na so was! Hochstapler haben offenbar Hochsaison.

Bei Prinz Harrys Hochzeit ist das Schweizer Fernsehen einem angeblichen Royals-Experten auf den Leim gegangen. Und am Wochenende las man auf baz.ch/Newsnet über einen Brasilianer namens Carlos Kaiser, der sich 20 Jahre lang als Profifussballer durchmogelte, obwohl er nicht kicken konnte. Seine Top-drei-Tricks: Verletzungen simulieren. Mehrmals die Grossmutter sterben lassen. Mit anderen Clubs verhandeln, damit man ihn sperrt.

Klingt grandios, keine Frage. Doch innerlich hebt man missmutig den moralischen Zeigefinger. Wie können diese Mistkerle mir nichts dir nichts die ganze Welt für dumm verkaufen?

Beim «Kaiser von Rio» drückt man vielleicht noch ein Auge zu. Über den dreisten Nobody aus New York, der alias Chef-Monarchist Thomas J. Mace Archer-Mills für zig Medien die Hochzeit des Jahres kommentierte, ist man schon weniger amused. Immerhin kann man wieder mal über das SRF spötteln. Doch wenn der nationale Geheimdienst von einem Schwindler ausgetrickst wird, ist es nicht mehr lustig. Oder doch?

Ohne Diplom kann man auch brillieren

Wischen wir uns erst einmal den Schaum vor dem Mund ab und betrachten die Vorfälle nüchtern: Der Nobody aus New York ist in der royalen Materie genauso sattelfest wie all die «echten» Insider. Sogar das SRF gab beschämt zu, Tony Muscatello, wie der Mann im richtigen Leben heisst, sei sehr professionell und mit einem grossen Wissen aufgetreten und habe keinen Verdacht geweckt.

Der kommune Sanitäter ist als Psychologe so gut, dass ihn sein Arbeitgeber gar nicht erst entlassen will.

Natürlich nicht. Wer vor der Kamera so scharfe Statements abgibt wie «Meghan muss noch lernen, den Mund zu halten» bringt die faulen Sitten im Königreich auf den Punkt – ganz ohne Expertentitel. Muscatello als Fake darzustellen, ist schon deshalb absurd.

Dasselbe gilt für den Schwindler beim Nachrichtendienst. Anscheinend macht sich der kommune Sanitäter als Betriebspsychologe so gut, dass ihn sein Arbeitgeber gar nicht erst entlassen will. Warum auch?

Um Mitarbeiter zu betreuen, die sich etwas von der Seele reden wollen, braucht es vor allem Einfühlungsvermögen und einen gesunden Menschenverstand. Beides erwirbt man auch ohne Diplom – in der Schule des Lebens.

Die schlimmsten Hochstapler sind andere

Diplompsychologen würden sicher einwenden, Hochstapler seien Menschen, die sich selbst am nächsten stehen, die in ihrer eigenen Welt leben, die kaum Rücksicht auf die Folgen ihrer Taten nehmen. Mag sein. Dumm nur, fliegen die schlimmsten von ihnen gar nie auf – gerade weil sie ein Diplom haben. Gierige Manager, korrupte Politiker, faule Sesselfurzer, um nur einige zu nennen. Sie alle richten weit mehr Schaden an als ein Möchtegern-Royalist oder eine undiplomierte gute Seele.

Und überhaupt: Wer sich so unbekümmert über die grassierende Titelgläubigkeit hinwegsetzt, ist in seinem Innersten mehr Punk als Hochstapler. Gewöhnliche Gauner haben es auf andere abgesehen. Falsche Experten sind um einiges waghalsiger. Sie riskieren nichts weniger als sich selbst. Vor so viel Kühnheit darf man ruhig den Hut ziehen.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.06.2018, 20:28 Uhr

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