Warum zum Teufel sind wir so höflich?

Linus Reichlin über die seltsame gesellschaftliche Akzeptanz vergrippter Mitmenschen.

Wegbereiter einer neuen Zeit: Dass immer mehr Leute krank zur Arbeit gehen, ist nicht das Problem, es sind die noch nicht Infizierten, die es zulassen, dass Kollegen krank im Büro auftauchen.

Wegbereiter einer neuen Zeit: Dass immer mehr Leute krank zur Arbeit gehen, ist nicht das Problem, es sind die noch nicht Infizierten, die es zulassen, dass Kollegen krank im Büro auftauchen. Bild: Keystone

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Was ist der Unterschied zwischen einem Mastadeno-Virus aus der Familie der Adenoviridae und einem Bürokollegen? Keiner. Sobald der Bürokollege das Mastadeno-Virus in sich trägt, ist er selbst ein Virus. Ein eins­achtzig grosses, schnurrbärtiges, leicht übergewichtiges Virus mit Gleitsichtbrille, zwei Kindern, geschieden.

Dieses Virus sitzt uns nun im Grossraumbüro gegenüber, und bei jedem Niesen ejakuliert es Millionen Kopien von sich selbst, verpackt in mikroskopische Tröpfchen, in unsere Richtung. Wir ducken uns hinter den Computerbildschirm und halten so lange wie möglich die Luft an. Aber das nützt nichts, denn das Virus ist freundlich und kommunikativ. Mittags legt es uns seine fiebrige Pfote auf die Schulter und lädt uns zum Essen in die Kantine ein, wo es in unseren Teller hustet und sagt, es fühle sich irgendwie krank. Es fragt, ob es von unserem Salatteller die Olive haben darf, und wenn wir anstandshalber Ja sagen, greift es mit den Fingern in unser Essen rein. Warum zum Teufel sind wir so ­höflich? Warum sagen wir dem Virus nicht, dass es sich doch bitte zu Hause ins Bett legen soll anstatt sich in der ganzen Belegschaft zu vermehren? Wir könnten dem Virus sogar statistische Zahlen um die Ohren hauen: In der Schweiz verursachen Mitarbeiter, die trotz Grippe und Erkältung zur Arbeit gehen, jährlich einen volkswirtschaftlichen Schaden von geschätzt knapp einer halben Milliarde Franken. Für Deutschland schätzt man den Schaden auf 30 Milliarden Euro. Abgesehen davon möchten wir ­gopfertammi einfach nicht krank ­werden, denn wir müssen in den nächsten Tagen einen wichtigen ­Auftrag erledigen, und zum ersten Candle-Light-Dinner mit unserer neuen Freundin möchten wir nicht mit einem Paracetamol-Zäpfchen im Hintern erscheinen!

Sind wir Hypochonder?

Aber was unternehmen wir, um uns vor dem schnauzbärtigen Mas­tadeno-Virus zu schützen? Nichts! Dazu sind wir nämlich zu gut erzogen. Wenn es uns seine schweissnasse Hand hinstreckt, schütteln wir sie, und wenn wir uns hinterher auf der Toilette die Hände besonders gründlich waschen, haben wir auch noch ein schlechtes Gewissen. Denn wir möchten doch keine Hypochonder sein! Was würden unsere Vorfahren, die mit offenen Wunden in der Schlacht beim Morgarten gekämpft und sich sogar noch Erde reingerieben haben, damit die Wunde nicht so juckt, dazu sagen, dass wir uns wegen einem lächerlichen Mastadeno-Virus mit Flüssigseife die Hände waschen!

Wir Schweizer wollen naturverbunden sein – und anständig bis zur Essigsocke! Wenn unser kranker Bürokollege uns freundschaftlich umarmt, weil wir ihm ein Tempo-Taschentuch geschenkt haben, lassen wir diese potenziell infektiöse Umarmung zu, denn wir möchten nicht unanständig sein. Wir lassen uns lieber anstecken, als vor einer Rotnase einen Schritt zurückzuweichen oder dem Erkälteten den Handschlag zu verweigern oder etwas nicht anzufassen, das er angefasst hat.

Wir Schweizer wollen im Grunde genommen viel lieber höflich als gesund sein.

Wir wollen im Grunde genommen lieber höflich als gesund sein. Die asiatische Sitte, sich mit einer Mundschutzmaske in die U-Bahn zu setzen, empfinden wir als barbarisch (weil wir, wie wir später noch sehen werden, diese Sitte falsch interpretieren). Wir wollen denen, die krank sind, nicht das Gefühl geben, dass sie ansteckend sein könnten. Fast empfinden wir es als unsere Pflicht, Leuten mit Grippe unaufgefordert Zungenküsse zu geben, um ihnen zu zeigen, dass wir bodenständige Menschen mit dem Herz eines Sanitäters der amerikanischen Marines sind, die keinen aus der Gesellschaft ausstossen, nur weil er die Schweinegrippe hat.

Dass heutzutage immer mehr Leute krank zur Arbeit gehen, ist so gesehen gar nicht das Problem. Das Problem sind die noch nicht Infizierten, die es zulassen, dass ihre Kollegen krank im Büro auftauchen. Das Problem ist unser verklemmtes Verhältnis zu Ansteckungskrankheiten. Mag sein, dass das damit zusammenhängt, dass es uns schon sehr lange sehr gut geht. In Japan ist das Tragen von Gesichtsmasken deshalb gesellschaftlich anerkannt, weil das Land zu Beginn des 20. Jahrhunderts von mehreren Katastrophen heimgesucht wurde. Der sogenannten Spanischen Grippe fielen in Japan besonders viele Menschen zum Opfer, deshalb kamen die Leute auf die Idee, sich Mundmasken umzubinden – aber nicht nur aus dem Grund, den wir Europäer immer vermuten. Kurz ­darauf, 1923, kam es zu einem als Great Kanto Earthquake bekannten verheerenden Erdbeben, in dessen Folge die Luft monatelang mit Aschepartikeln verschmutzt war – wer konnte, trug eine Mundmaske. Nur zehn Jahre später wurde Japan erneut von einer Grippeepidemie heimgesucht, und von da an trugen die Leute im Winter häufig prophylaktisch den Mundschutz. Heute geben die Japaner jährlich 230 Millionen Dollar für solche Masken aus. Und warum tun sie das? Um sich selbst zu schützen? Sicherlich auch. Aber viel Wichtiger ist etwas anderes: Die hohe soziale Akzeptanz von Mundschutzmasken in Japan hat vor allem damit zu tun, dass in der japanischen Gesellschaft nicht derjenige als unhöflich gilt, der einem Kranken die Hand nicht schüttelt. Sondern es wird als in höchstem Mass unhöflich empfunden, andere anzustecken. Ein Japaner wird alles tun, was in seiner Macht steht, um andere davor zu bewahren, von ihm angesteckt zu werden.

Ich rufe hier nicht zu einem Pogrom gegen Verfieberte auf. Nur zu einem Umdenken.

Und jetzt müssen wir uns eine Frage stellen: Wollen wir in dieser Hinsicht Japaner sein oder weiterhin Schweizer? Wollen wir es, aus Angst, unhöflich oder hypochondrisch zu sein, weiterhin tolerieren, dass vergrippte und erkältete Leute bei uns in aller Gemütlichkeit in Tram, Bus und Bahn ihre Viren in jede denkbare Richtung husten und niesen? Oder sollte uns dieses rücksichtslose Verhalten nicht allmählich als zutiefst unanständig bewusst werden? Und zwar unanständig nicht nur von den anderen, sondern auch von uns selbst, wenn wir die Kranken sind, die unbedingt noch ins Kino gehen müssen anstatt uns ins Bett zu legen. Ist es nicht Zeit, dass wir auch in der Schweiz den Spiess umdrehen?

«Hiermit bestätige ich...»

Nicht mehr derjenige, der sich im Flugzeug von einem Erkälteten wegsetzt, ist der sozial Auffällige, sondern der, der es in Kauf nimmt, ihn anzustecken. Ich rufe hier nicht zu einem Pogrom gegen Verfieberte auf, nur zu einem Umdenken. Und zu etwas weniger falscher Toleranz. Wer vergrippt in der Weltgeschichte herumläuft, handelt verantwortungslos, denn woher will er wissen, ob er nicht eine herzkranke ältere Frau ansteckt, die später an den Komplikationen stirbt? Wie kann er wissen, dass er nicht ein kleines Kind infiziert, das wegen ihm eine Hirnhautentzündung bekommt? Soll man das unter Schicksal abbuchen à la «Kann man nix machen»?

Man könnte aber eben schon etwas machen, nämlich als Angesteckter alles nur Mögliche tun, um andere davor zu bewahren. Das wird aber grossflächig nur funktionieren, wenn im Krankheitsfall nur noch diejenigen zur Arbeit gehen, die eine von ihrem ­Vorgesetzten unterzeichnete Beglaubigung vorzeigen können, in der steht: «Hiermit bestätige ich, dass mein Angestellter, Herr Lukas Baumann, absolut unersetzbar ist. Für die von mir geführte Firma Luxprim AG würde eine krankheitsbedingte Abwesenheit von Herrn Baumann im Konkurs enden mit anschliessendem Massensuizid der arbeitslos gewordenen Belegschaft. Würde Herr Baumann seine Erkältung im Bett auskurieren, wäre dies folglich das Todesurteil für sämtliche Mitarbeiter.»

Medizinisch empfohlener Abstand

Diese wünschenswerte neue Intoleranz gegenüber Leuten, die bedenkenlos andere anstecken, darf natürlich auch vor ausländischen Mitbürgern nicht haltmachen. Vor einigen Jahren führte bei einer Lesung in Basel eine sehr nette und kluge Frau mit iranischen Wurzeln als Moderatorin ein Gespräch mit mir. Da sie offensichtlich sehr erkältet war, rückte ich auf dem Stuhl ein wenig von ihr weg, um den medizinisch empfohlenen Abstand von einem Meter einzuhalten. Sie rückte wieder zu mir auf, und ich rückte wieder einen Meter weg. Hinterher wurde mir von den Veranstaltern der Lesung Rassismus vorgeworfen. Jetzt aber sollte klar sein, dass ich zumindest nichts gegen Japaner habe, sondern im Gegenteil hoffe, dass sie die Wegbereiter einer neuen Zeit sein mögen! (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.02.2018, 12:05 Uhr

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