Petite Arvine: Die salzige Prinzessin

Schweizer Weine im Fokus: Die Rebsorte Petite Arvine ist ein heikles Pflänzchen und schwierig zu pflegen. Gerade deshalb entstehen daraus Weine, die zu den besten der Schweiz gehören.

Reich an einer der besten Weissweintrauben: Die Petite Arvine gedeiht am besten im Wallis bei Martigny.

Olivier Maire/photo-genic.ch

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Sie gleicht einer Diva, mit einem harten Kopf, den sie immer mal wieder beweisen muss. Und sie ist schwierig zu erobern: die Prinzessin unter den Schweizer Rebsorten – die Petite Arvine. Die weisse Traube liefert jedoch Weissweine, die zu den edelsten und charaktervollsten der Schweiz gehören.

Vom hässlichen Entlein...

Das war nicht immer so und ihre Geschichte, die bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückreicht, beginnt wenig glorios. Die Petite Arvine, die seit 1602 als Walliser Spezialität gilt, war von Beginn weg ein widerspenstiges Kind: Nur auf den allerbesten Lagen gedeiht die Rebe, der Boden darf nicht zu trocken aber auch nicht zu feucht sein. Sei reagiert empfindlich auf zu viel Wind aber auch auf zu viel Hitze. Im Vergleich zu anderen Rebsorten reift sie spät im Jahr, was die Gefahr erhöht, dass die Tage zu kalt und das Wetter zu nass für sie werden, bevor sie ihre Frucht zur vollen Schönheit bringt.

Hat die Traube alle Widrigkeiten überstanden und ist zu voller Blüte, respektive Reife herangewachsen, landet sie in den Fängen des Winzers. Dieser kann nun aber nicht schalten und walten, wie er will. Die Petite Arvine gilt als feines Gut auch bei der Verarbeitung: Die Hefe ist fein, die zarten Aromen des Traubensafts zur Entfaltung zu bringen stellt hohe Ansprüche an die Weinmacher. «Es ist schwierig die typischen Aromen der Traubensorte im Wein zu widerspiegeln», sagt Madeleine Gay, Önologin beim grössten Walliser Weinhersteller Provins.

Wie eine Prinzessin auf der Erbse bereitete sie den Winzern demnach mehr Kopfzerbrechen als Freude. Ihre Verbreitung ist deshalb immer bescheiden geblieben und es verwundert wenig, dass die Winzer lieber auf leichter zu erobernde Geschöpfe wie zum Beispiel die weit verbreitete Chasselas-Traube setzten. Mit dem Resultat, dass die Petite Arvine Ende der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts fast ganz aus den Weinlagen verschwunden war. Gerademal auf 14 Walliser Hektaren wurde sie noch gepflegt – im Rest der Schweiz gab es sie gar nicht, einzig im italienischen Aostatal waren genetische Verwandte zu finden.

... zum weissen Schwan

Anfang der Achtzigerjahre hatten die Schweizer Konsumenten allerdings genug von der Flut billiger Massenweine. «Nach der Krise des Fendants aufgrund der Ueberproduktion in den Jahren 1982 und1983 sind die Spezialitäten und damit auch die Petite Arvine wieder attraktiver geworden», sagt Madeleine Gay. Damals setzten die Wiederbelebungsversuche für die Petite Arvine ein. Zwischen 1991 und heute wurde die Anbaufläche mehr als vervierfacht – im Wallis wird sie gemäss Statistik 2009 des Bundesamtes für Landwirtschaft mittlerweile auf über 150 Hektaren angepflanzt. Tendenz wachsend.

Ihr Herrschaftsgebiet hat sie zwischen Martigny und Sierre in der sogenannten ersten Zone. Zur ersten Zone zählen Rebberge, die bis etwa 600 Meter über Meer liegen und sich am rechten Ufer der Rhône befinden. In der Region ist man so stolz auf die Traube, dass die Ortschaft Fully als eigentliches Zentrum der Petite Arvine genannt wird. Aber nicht nur im Wallis ist die Rebsorte anzutreffen: Auch in den Kantonen Genf, Glarus und Luzern ist sie auf einigen wenigen Aren aufzuspüren und die Schweizerin Hildegard Horat hat mit der Petite Arvine im französischen Languedoc Versuche gestartet. Dennoch gilt das Wallis als ihre Heimat und die Winzer sind bestrebt, die Bezeichnung zu schützen.

Die Widerspenstigkeit der Prinzessin hätte ihr indessen schon längst den Kopf gekostet, wenn sie nicht auch etwas zu bieten hätte: Es ist ihre einmalige Aromatik, die ihr einen Platz unter den Spitzenweinen der Welt verschafft. Petite Arvine sind intensive, vollmundige Weissweine, die den Mund mit überwältigenden Eindrücken und einer erfrischenden, lebendigen Säure füllen. Als trockene Weisse warten sie mit wunderbaren mineralischen Geschmacksnoten und grapefruitnahen Aromen auf. Das eigentliche Markenzeichen dieser Weine ist indessen eine leicht salzige Note.

Die Widerspenstige kann auch süss sein

Werden die Trauben lange am Stock belassen, kann dies zu einer von manchen Winzern gewünschten Überreife führen. Dann werden die Weine als mi-flétri oder flétri bezeichnet (flétrir=verdorren lassen), die Säfte sind dann likörähnlich und süss. In gewissen Jahren kann, da die Traube gut auf die Edelfäule anspricht, ein erstklassiger Süsswein gewonnen werden. Die Süsse verbindet sich in herausragender Weise mit der natürlichen Säure der Sorte. Trocken ausgebaut passen die Weine sehr gut zu Geflügel, Fisch und Krustentieren, als Süssweine ergänzen sie sich gut mit Gänseleber, Blauschimmelkäse und Kürbissuppe.

Kurzum: Richtig gepflegt und gehegt werden aus der Walliser Traubensorte Weissweine gekeltert, die zu den besten der Schweiz gehören. Die Prinzessin ist zwar eine schwierige, aber im richtigen Umfeld unter den richtigen Händen enthüllt sie ihre ganze Schönheit, die sie einmalig in der Welt der Weine macht. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.06.2010, 10:03 Uhr

Spezialistin für Prinzessinen: Die Önologin Madeleine Gay von Provins Valais kennt sich mit der Rebsorte Petite Arvine aus. (Provins)

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