Der Höhepunkt im Weinjahr

Hochbetrieb in den Kluser Weinhängen bei Aesch. Bei strahlendem Wetter wird heuer die Traubenernte eingefahren. Baz.ch hat das traditionelle «Herbsten» auf dem grössten Baselbieter Weingut begleitet. Es dürfte ein guter Wein-Jahrgang werden.

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Die letzten Schleier Morgennebel verdunsten in der Spätsommersonne. Ein schriller Schrei hallt über die Weinhänge in der Aescher Klus. Eine Elster und ein Falke messen ihre Kräfte im Luftkampf. Zwei Sekunden später kehrt wieder Ruhe ein im idyllischen Tal. Es ist kurz nach neun Uhr morgens. Keine Menschenseele weit und breit. Erst auf den zweiten Blick sind oben am Hang ein halbes Dutzend Farbtupfer zwischen den noch immer in saftigem Grün erstrahlenden Reben auszumachen. In Zeitlupentempo arbeiten sich die farbigen Flecken den Hang hinunter. Erste Wortfetzen sind zu hören – Spanisch, gebrochenes Englisch. Aus einem Handy scheppert arabische Musik. Bei der Weinlese auf der «Domaine Nussbaumer» geht es multikulturell zu und her.

Dementsprechend kreativ sind die Anweisungen, mit denen Weingut-Inhaber Nicolas Dolder seine Leute in die Hänge schickt: «This is the first…due persons, una linea». Dann verteilt sich die Gruppe wieder auf den Hang: Eine gut gelaunte Fünfergruppe aus Spanien, dazu Helfer aus Rumänien, Serbien und Afghanistan. Es wird geplappert und gelacht, zwischendurch verschwindet eine Traube in einem Mund.

Zwei Frauen diskutieren auf Mundart über die Rolle der Schule bei der Kindererziehung. Während ein Afghane schweigend den orientalischen Klängen lauscht, die sein Telefon ausspuckt, erkundigt sich sein Kollege Sharif nach der Burg Reichenstein – er lebt schon länger in der Region, hat bereits vor elf Jahren in der Klus beim Ernten mit angepackt, und möchte in den erhabenen Gemäuern bei Bubendorf heiraten – vielleicht. Wie seine Landsleute ist Sharif Muslim, Wein trinkt er trotzdem. Am liebsten Rosé.

«Der beste Champagner der Welt»

Während des «Herbstens» – so nennen die Baselbieter Winzer die Zeit des Weinlesens – geht es in der Klus zu und her wie in einem Bienenkorb. Spaziergängerinnen grüssen en passant, ebenso die Hobby-Reiterinnen hoch zu Ross. Während die Zweibeiner mit ihren Plastikkisten die Weinhänge hoch und runter wetzen, verköstigen sich die Sechsbeiner an den reifen Trauben. Zuerst die Wespen, welche die Haut der süssen Früchte mit ihren Beisswerkzeuge aufreissen, dann die Bienen, welche sich die Extraportion Fruchtzucker nicht entgehen lassen wollen. «Dieses Jahr hat es viele Wespen», sagt Dolder und kippt eine Kiste frisch geernteter Räuschling-Trauben in eine 600-Kilo-Tonne auf dem Auto-Anhänger. «This will be the best Champagne in the world», erklärt er einer spanischen Helferin mit einem Augenzwinkern. «We're from Catalonia, we have Cava», kontert die Spanierin. Dann trägt ihr Dolder die leere Kiste den Hang hoch. Inzwischen hat sich der Winzer seines T-Shirts entledigt.

«Das wird ein super Wein», erklärt Dolder. «So schönen Räuschling hatten wir schon lange nicht mehr.» Diesmal meint er es ernst. Die Weissweintraube, von der an diesem Tag gegen drei Tonnen geerntet werden, habe den idealen Säuregehalt für Champagner. Da das Gebräu aber nicht aus der französischen Champagne stammt, wird der spritzige Weisse von der «Domaine Nussbaumer» unter dem Label «Crémant Bâlois» verkauft. Klingt auch gut. Mit der Mittagssonne intensiviert sich der Duft der reifen Trauben. Vögel zwitschern, in der Ferne sind spielende Kinder zu hören, ein Pferd wiehert.

Kampf gegen preiswerte Importweine

Bis auf wenige Wochen im Frühjahr ist Dolder ständig mit seiner Domaine beschäftigt. Von Frühling bis Herbst werden die Reben gehegt und gepflegt. Im Winter wird die Buchhaltung abgeschlossen und der Wein veredelt. Jetzt aber ist noch Spätsommer – und was für einer! «Dieses Wetter, ganz gut, wow!», sagt der Winzer und reckt seine Nase der Sonne entgegen. «Am schönsten ist es aber, im Herbst nach der Weinlese durch die Rebberge zu laufen.» Bis es soweit ist, gibt es allerdings noch viel zu tun. Nächste Woche erreicht die Ernte ihren Höhepunkt, erklärt Dolder. «Wegen dem heissen Frühling haben wir noch immer zwei Wochen Vorsprung». Das gibt Spielraum bei der Lese, die sich über rund fünf Wochen erstreckt.

In etwa vierzehn Tagen werden die letzten Trauben abgenommen – vorwiegend Pinot Noir. Die mittelgrossen, violettblauen Blauburgunder-Trauben überziehen den Grossteil des Weinguts Nussbaumer. Sie können während den kommenden Sonnentagen einen letzten Qualitätssprung machen. «Das wird ein guter Jahrgang», ist sich Dolder sicher. Und dieser kommt zum richtigen Zeitpunkt: Der Winzer will nämlich zeigen, dass die Region qualitativ hochstehende Weine hervorbringt. Jetzt erst recht – wegen des starken Frankens, dessen Auswirkungen auch auch der Aescher Winzer zu spüren bekommt. Nicht, weil er weniger exportieren kann – seine Weine werden hauptsächlich in der Region getrunken –, sondern weil wegen der Euroschwäche die Importweine billiger geworden sind.

Um halb eins werden die letzten Traubenkisten entleert. Essenszeit. Bei Tomatensuppe und Riz Casimir scherzen die Arbeiter mit Dolders sechs und sieben Jahre jungen Söhnen. Diese äffen lachend deren Sprache nach – man versteht sich auch ohne Worte. Nach dem Essen werden in der Weinkellerei die Maschinen angeworfen. Kellermeisterin Esther Hübscher schüttet das frisch gepflückte Traubengut zum Entstielen in die eine grosse Metallwanne. Dann gehts weiter in Traubenpresse und Stahltank. Die ersten Schritte zum 2011er-Wein sind zurückgelegt. In den kommenden Monaten folgt nun die Feinarbeit. Draussen vor dem Scheunentor durchdringt ein gellender Vogelschrei die Mittagsruhe. Diesmal ist sich niemand in die Federn geraten. Der Warnruf kommt von einem Fake-Falken, einer akustische Vogelscheuche. Damit die verbliebenen Trauben ihre letzten Tage an der Sonne ungestört verbringen können. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.09.2011, 01:53 Uhr

Über die Domaine von Nicolas Dolder

Die Domaine Nussbaumer ist das grösste Baselbieter Weingut. Auf rund 7 Hektar Land in Aesch, Arlesheim und Flüh werden fünf Weisswein- und drei Roteweintraubensorten angebaut (Pinot Noir, Garanoir, Cabernet Jura, Pinot Gris, Räuschling, Riesling-Sylvaner, Gewürztraminer). Dieses Jahr werden voraussichtlich rund 43 Tonnen Trauben zu etwa 43'000 Flaschen Wein verarbeitet.

Vor 12 Jahren hat Nicolas Dolder mit seiner Familie die Domaine vom kinderlosen Wein- und Gastropaar Josy und Kurt Nussbaumer übernommen. Seit 2000 ist der Betrieb eine Aktiengesellschaft. Verantwortlich für die Vinifikation ist seit fünf Jahren die Weintechnologin und Winzerin Esther Hübscher. Derzeit umfasst das Weingut viereinhalb Vollzeitstellen, während der Ernte kommen rund ein Dutzend Helfer dazu. Zur Domaine Nussbaumer gehört auch der Landgasthof Klus.

www.domainenussbaumer.ch

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