Kommentar

Lob der Dissidenz

In schweren Zeiten lohnt es sich, auf diejenigen zu hören, die niemand hören will. Winston Churchill zum Beispiel. Es mangelt es an Staatsmännern und -frauen, denen man den schweren Gang zutraut.

«Je länger die Krise dauert, desto wahrscheinlicher ist, dass sich aber der Weizen von der Spreu trennt», schreibt BaZ-Chefredaktor Markus Somm.

«Je länger die Krise dauert, desto wahrscheinlicher ist, dass sich aber der Weizen von der Spreu trennt», schreibt BaZ-Chefredaktor Markus Somm. Bild: Keystone

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Die Lage der Alliierten im Mai 1940 war verzweifelt. Frankreich wankte, und Englands Expeditionskorps, das bei der Verteidigung von Europas Westen gegen Hitler hätte helfen sollen, befand sich auf der Flucht. Bei Dünkirchen, einer Stadt am Meer in Frankreichs Norden, hatte man sich verschanzt, in der Hoffnung, sich über den Kanal auf die Insel absetzen zu können, während die Deutschen näherrückten und der Kreis sich schloss. 300'000 alliierte Soldaten sassen untätig am Strand. Sie rauchten Zigaretten. Sie sahen jetzt schon aus wie Kriegsgefangene. Wird die Royal Navy sie evakuieren? Wenige glaubten das.

In diesen Stunden traf sich in London das Kriegskabinett, das aus fünf alten Männern bestand: Winston Churchill, der dicke, unbeliebte, neue Premierminister, Lord Halifax, Aussenminister, Neville Chamberlain, der ehemalige Regierungschef, der vergeblich versucht hatte, Hitler mit Territorien zu füttern, um ihn zu besänftigen; schliesslich Clement Attlee, der Führer von Labour, und sein Kollege Arthur Greenwood. Es waren dramatische Stunden. Drei Tage lang diskutierten, stritten, erwogen, erlitten die fünf Männer, was zu tun sei. Sollte England allein weiterkämpfen? Oder sollte man sich darum bemühen, dass Mussolini, der italienische Diktator, einen Waffenstillstand mit Hitler vermittelte?

Sein oder Nichtsein

Ian Kershaw, ein britischer Historiker und profunder Kenner des Zweiten Weltkriegs, schildert in seinem Buch «Fateful Choices», wie in jenen drei Tagen sich das Schicksal nicht bloss Grossbritanniens entschied, sondern wohl der ganzen Welt. Hätte England aufgegeben, wäre das Dritte Reich je untergegangen? Als wäre es ein Stück von Henrik Ibsen, erzählt Kershaw die Geschichte einer schier endlosen, alles bestimmenden Sitzung. Es ist eine beklemmende Lektüre. Am Ende kam es auf einen Mann an. Halifax, durchaus ein Patriot, drängte auf Ausgleich. Er hoffte auf Mussolini, während die anderen redeten oder sprachen und sich nicht festlegen mochten.

Churchill dagegen brummte. Lange sah es aus, als ob sich England in das Unvermeidliche schickte und sich mit den Nazis arrangierte, um sein Weltreich zu schützen. Sprach nicht alle Vernunft dafür? Churchill wirkte unsicher. Je länger aber das Treffen andauerte, desto mehr verfestigte sich seine Sturheit, wie Beton, der trocknete. Nein. Nein. Nein. Was er jahrelang mit Meisterschaft praktiziert hatte: in der Wüste zu stehen und Leuten zuzurufen, die nicht anwesend waren, tat er auch jetzt, bis die anderen einlenkten – oder sich überzeugen liessen. Was ihn noch wenige Monate zuvor zum Clown der Politik gemacht hatte, zum alternden Propheten, dem niemand zuhören mochte – seine Unart, auf einer Meinung zu beharren, die alle für verrückt hielten, weil niemand sie teilte: Diese Kunst des Alleinseins rettete jetzt die Menschheit. England setzte den Krieg gegen Hitler fort.

Galerie der Sorgenfreien

Wenn ich Kershaws Beschreibung von Churchill lese, ergreifen mich dunkle Gedanken. Wer rettet das verschuldete Europa? Wer gewinnt die Wahlen in Amerika? Romney, Merkel, Obama, Sarkozy, Cameron, Burkhalter. Irgendwie gleichen sich diese Politiker alle auf eine enttäuschende Art und Weise. Geschliffen, konfektioniert, wohltemperiert ist ihre Rede, zeitlos und Nivea-geglättet das Gesicht, gradlinig und problemlos ihre Laufbahn. Uns mangelt es an den Staatsmännern und -frauen, denen man den schweren Gang zutraut. Warum stellen sie sich Wahlen? Sie wollen gewählt werden. Das befeuert sie. Nichts anderes, so scheint es. Kein böses Wort, das eine Zielgruppe gegen sie aufzubringen droht, keine Meinung, die kontrovers wäre, kein Schmutz, der ihre Vergangenheit befleckte, keine Niederlage, die sie je zur Verzweiflung gebracht hätte. Alles so bunt hier. Ein Leben im Playmobil-Dorf.

Roosevelt erkrankte 1921 an Kinderlähmung. 39 Jahre alt, gehörte er zu den erfolgreichsten, berühmtesten Politikern Amerikas, dessen Karriere nun aber zu einem brutalen Ende gekommen zu sein schien. Wenn man ihm damals Prognosen gestellt hätte, wer wäre davon ausgegangen, dass dieser Mann noch Präsident der USA werden würde? Fünf Jahre lang beschäftigte sich Roosevelt nur mit seiner Krankheit. Er kämpfte. Er litt Höllenqualen, am Ende blieb ihm nur der Rollstuhl. Nie mehr konnte er laufen. Wie vom Erdboden verschwunden, blieb dieser Mann allein mit wenigen Vertrauten, um dann sein Comeback vorzubereiten. Das Schicksal hatte ihn geprüft, um so bereiter war er, als die USA in die grösste Krise ihrer Geschichte abglitt. 1932 wählte man ihn zum Präsidenten.

«Kritik macht auf ungesunde Verhältnisse aufmerksam»

Auch Churchill war durch das Tal der Tränen gegangen. Als er 1940, am Tiefpunkt der britischen Geschichte, Premierminister wurde, ergab sich das, weil niemand anders mehr den Job wollte. Noch vor wenigen Jahren wäre ausgelacht worden, wer Churchill für dieses Amt empfohlen hätte. Er galt als unberechenbar, unzuverlässig, verletzend, rachsüchtig, emotional, kritiksüchtig; ein Miesmacher, ein Nihilist. Was er aber auch war, darauf kam es 1940 an: eine Persönlichkeit aus Fleisch und Blut. Noch warten wir auf solche Leute. Je länger die Krise dauert, desto wahrscheinlicher ist, dass sich aber der Weizen von der Spreu trennt. England probierte in den schwierigen 30er-Jahren mehrere Premierminister aus, bis Churchill aus der Wildnis auftauchte. Inzwischen nehme man sich vor den Konsensfähigen und den Harmonikern in Acht: «Kritik», sagte Churchill, «mag unangenehm sein, doch sie ist notwendig. Sie erfüllt dieselbe Funktion wie der Schmerz im Körper. Sie macht auf ungesunde Verhältnisse aufmerksam.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.01.2012, 14:47 Uhr

Waffenbrüder: Winston Churchill und Lord Halifax auf dem Weg ins Parlament (1938). (Bild: Ullstein Bild)

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