Superheld diskriminiert

Auch Leute, die sich als Fantasiegeschöpfe verkleiden, fallen unter das Vermummungsverbot.

In diesem Deadpool-Kostüm steckt ein Thailänder, der sich zu den dortigen Neujahrsfestlichkeiten verkleidet hat. Bild: Keystone

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Vergangene Woche hatte die Polizei in Lugano alle Hände voll zu tun. Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung rückte sie mit einem Grossaufgebot aus, ausgerüstet mit Maschinenpistolen. Im Stadtzentrum spazierte offenbar ein bewaffneter Mann herum. Heldenhaft überführten die Polizisten den Verdächtigen, einen maskierten Kerl im rot-schwarzen Anzug, rangen ihn nieder, machten ihn unschädlich. Die Fotos gingen in der Schweiz um die Welt.

Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dem Tatverdächtigen um Deadpool. Wer Deadpool nicht kennt: Deadpool bestreitet sein Leben als Söldner, er kämpft gegen Gangster und zwielichtige Gestalten. Um ein paar Ecken herum ist er verwandt mit Spiderman, mit Wolverine auch. Er vermag einen etwas beunruhigenden Anblick auslösen, Deadpool ist nämlich immer speziell gekleidet. Er trägt einen Lycra-Spandex-Zentai-Anzug-Strampler mit dazugehöriger Maske (Amazon, 169.99 Euro). Er tut das nicht, um aufzufallen oder mutwillig gegen das im Tessin geltende Vermummungsverbot zu verstossen – er verhüllt Gesicht und Körper, weil er grausam vernarbt ist aufgrund einer (experimentellen) Krebsbehandlung. Das ist schlimm, aber es hat auch eine gute Seite: Deadpool kann verlorene Gliedmassen durch Selbstheilung wieder an seinem Körper anmontieren beziehungsweise sie wachsen von alleine wieder nach. Oder so ähnlich.

Persönlich sind mir ja Männer in Uniform lieber.

Nebst seiner Maske ist Deadpool immer mit zwei Pistolen und Doppelschwert unterwegs. Er ist ein hervorragender Schütze, legt sich mit ganzen Armeen an – gegen die beherzte Tessiner Polizei war er aber chancenlos. Zum Verhängnis wurde ihm seine Vermummung, wie ein Freund von Deadpool gegenüber Blick mutmasste. Dafür erhielt er wohl eine Geldbusse.

Es ist definitiv ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sind da die Superhelden mit ihren Masken und der etwas zu engen Garderobe. Persönlich sind mir ja Männer in Uniform lieber. Im aktuellen Fall wollte Deadpool einfach nur seinen nach ihm benannten Film Deadpool 2 zelebrieren, der gerade im Kino anlief. Angesichts der Tatsache, dass sich Superhelden nie unmaskiert in der Öffentlichkeit zeigen, weil Anonymität Teil ihrer inneren Überzeugung ist – im Falle Deadpools kommt noch die psychische Komponente hinzu –, halte ich die Geldstrafe für krass diskriminierend (Comic-Helden verhüllen sich, notabene, allesamt freiwillig!)

Auf der anderen Seite gilt das Vermummungsverbot für alle. Auch muss die Polizei Hinweisen nachgehen. Wenn sie dabei einen Superhelden mit einem Attentäter verwechselt, tut sie nur ihre Arbeit. Als Polizist ist man Mächten ausgesetzt, die man nicht kontrollieren kann. Ebenso wenig kann man dem wachsamen Bürger, der die Polizei mit seinem Hinweis aufscheuchte, einen Vorwurf machen. Der Anblick eines Mannes mit zwei Pistolen und Lycra-Anzug hat nun mal einen leicht negativen Touch. Persönlich kann ich eine Spielzeugpistole nicht von einer echten unterscheiden (bei der Spritzpistole geht es schon eher).

Fazit: Die Zusammenarbeit von Bevölkerung und Polizei funktioniert erfreulicherweise wunderbar. Jetzt sollten wir uns noch Gedanken machen, wie wir im Umgang mit Comic-Helden geübter werden. Aufgrund ihres Auftrittes ein bisschen voreingenommen zu sein, geht in Ordnung. Wer aber angesichts eines Paars rot-schwarzer Strumpfhosen gleich die X-Men-Truppe einschaltet, der zettelt auch wegen einer blossen Beleidigung einen Sternenkrieg an. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.05.2018, 11:49 Uhr

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