Porträt

Die Frauen des Mario Monti

Statt auf attraktive, unqualifizierte Frauen setzt Italiens neuer Premier auf erfahrene Expertinnen und beendet damit die Ära der Papi-Girls.

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Silvio Berlusconi hat nie einen Hehl aus seiner Vorliebe für Frauen gemacht. Einerseits hat er sich mit seinen Bettgeschichten gebrüstet, andererseits hat er stets unterstrichen, wie sehr er Frauen in seiner Politik fördere. Und ja, es stimmt, noch nie waren so viele Frauen in Italiens Parlament vertreten wie unter Berlusconis Führung. Doch während der geschiedene Premier vor allem auf ehemalige Showgirls (Mara Carfagna), TV-Moderatorinnen (Michela Vittoria Brambilla) oder Dentalhygienikerinnen (Nicole Minetti) setzte und diese mit relativ unbedeutenden Ämtern abspeiste, hat Mario Monti drei hochkarätige Expertinnen an Bord geholt und ihnen erst noch wichtige Ministerien zugeschrieben.

Anna Maria Cancellieri, Innenministerin

Wenn es in Italien irgendwo brennt, wird die Cancellieri gerufen. Seit 1972 fürs Innenministerium tätig und 1993 zum Präfekten ernannt, ist sie es gewohnt, Ordnung zu schaffen. In jeder Provinz Italiens existiert eine sogenannte Prefettura und die Präfekten tragen die oberste Verantwortung für die öffentliche Sicherheit und Ordnung in den Provinzen. Man nennt darum die 67-jährige Römerin «la risolviproblemi» – die Problemlöserin, wie die Tageszeitung «Corriere della Sera» schreibt. So hat sich Anna Maria Cancellieri bereits in Catania, wo sie sich um das Abfallproblem kümmerte, Bologna, Parma (zweimal), Vicenza, Bergamo und Milano bemüht, das vorhandene Verwaltungschaos zu entwirren. Durch ihre gesamtitalienischen Einsätze hat die Cancelliere die äusserst unterschiedlichen Mentalitäten und Arbeitsweisen Nord- und Süditaliens kennen und verstehen gelernt, wovon sie nun als Innenministerin nur profitieren kann.

Ihr Name sei mit grossem Wohlwollen entgegengenommen worden, schreibt der «Corriere della Sera». Vor allem vonseiten des Staatspräsidenten, Giorgio Napolitano, der mit Anna Maria Cancellieri zusammengearbeitet hat, als er (1996–1998) Innenministerwar. Eigentlich hatte die Cancellieri ja geplant, ihre politische Karriere an den Nagel zu hängen, um sich ihrer neuesten Berufung, jener der Vollzeitgrossmutter, zu widmen. Doch dann kam der Anruf Montis. In letzter Minute, wie sie gestern nach ihrer Ernennung zur Innenministerin gegenüber der Tageszeitung sagte. Die «Problemlöserin» hat die Herausforderung angenommen und wird sich in nächster Zeit um viele Baustellen kümmern müssen – allen voran um das Immigranten-Problem, das im Augenblick von keiner klaren Gesetzgebung geregelt wird.

Paola Severino, Justizministerin

Die napoletanische Staranwältin gilt als eine der berühmtesten Strafrechtlerinnen Italiens. Die Universitätsprofessorin hat mit Giovanni Maria Flick, Innenminister in der Regierung Prodi, gearbeitet. Denselben Prodi hat sie als Anwältin im Prozess zur Cirio-Pleite erfolgreich verteidigt. Wie auch Giovanni Acampora, den Fininvest-Rechtsanwalt, den umstrittenen Banker Cesare Geronzi oder Francesco Gaetano Caltagirone, einen der reichsten Unternehmer Italiens. Und sie hat die Union der jüdischen Gemeinschaft Italiens im Prozess gegen den Naziverbrecher Erich Piebke vertreten. Die Severino weiss, wie man sich durchsetzt und andere überzeugt, sie gilt als absolut ehrgeizig und war die erste Frau, die als Vizepräsidentin den Rat der militärischen Justizbehörde geleitet hat.

Über ihr Privatleben ist nicht viel bekannt. Als erfahrene Anwältin hat die Severino schon früh dafür gesorgt, dass keine privaten Angelegenheiten an die Öffentlichkeit gelangen. Einzig ihre Vorliebe fürs Laientheater ist bekannt. So stand sie schon mehrere Male im Rahmen verschiedener Theaterfestivals auf der Bühne – wobei sie stets eine Anwältin darstellte.

Elsa Fornero, Arbeits-, Sozial- und Gleichstellungsministerin

Die Wirtschaftsprofessorin gilt als eine sehr resolute Frau. So wird sie auch mit grösster Entschlossenheit eines der akutesten Probleme Italiens angehen müssen: Die Pensionsreform. Auf diesem Gebiet kennt sich die Turinerin aus. Sie ist Mitgründerin des Cerp, Centre for Research on Pensions and Welfare Policies, eines der wichtigsten Studienzentren zum Sozialstaat Italien. Schon lange bevor die EU Druck auf Berlusconi ausübte, hat die Fornero betont, dass man dieses Thema dringend angehen müsse. Viele Sympathien im Volk hat Fornero ihre Einstellung gegenüber der Rente auf Lebenszeit gebracht, von der viele italienische Politiker auch nach kürzestem Einsatz profitieren: Es seien Opfer vonseiten der Politiker nötig, damit «endlich gleiche Regeln für alle herrschen».

Einfach wird es die 63-Jährige nicht haben, vor allem nicht mit der vorgesehenen Erhöhung des Rentenalters – eine Massnahme, die bei Italiens Gewerkschaften auf grossen Protest stösst. Doch die Fornero ist nicht nur Welfare-Ministerin, wie ihre offizielle Bezeichnung lautet, sondern auch Gleichstellungsministerin. Damit löst sie das von Berlusconi mit dem Amt betraute ehemalige Showgirl (und erfolgreiches Nacktmodel) Mara Carfagna ab. Womit Monti ein weiteres klares Zeichen setzt: Die Zeiten der Papi-Girls gehören mit ziemlicher Sicherheit der Vergangenheit an. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.11.2011, 13:47 Uhr

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