«Auf dem Gletscher werden Menschen still»

Walter Josi ist seit 50 Jahren Bergführer. Er spricht über seinen Schmerz wegen der Gletscherschmelze und erklärt, weshalb Hochtouren heute ungemütlicher sind.

Auf einer Eisfläche wie jener auf dem Aletschgletscher kommt man in der Regel besser voran als in Geröll- oder Blockfeldern.

Auf einer Eisfläche wie jener auf dem Aletschgletscher kommt man in der Regel besser voran als in Geröll- oder Blockfeldern. Bild: Valérie Chételat (Archiv)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Gletscher in der Schweiz sind nicht mehr zu retten, stand am Donnerstag im «Tages-Anzeiger». Sie schmelzen dahin, und das immer schneller. Stimmt das mit Ihrem Eindruck überein, Herr Josi? Sie sind seit 50 Jahren Bergführer und überblicken eine lange Zeit.
Ja, es stimmt voll und ganz mit dem überein, was ich wahrnehme. In den letzten 20 Jahren hat sich der Rückgang der Gletscher stark beschleunigt. Allerdings gab es Mitte der 1970er-Jahre einmal eine kurze Zeit, wo sie noch vorgestossen sind. Damals sang der Sänger Rudi Carrell «Wann wirds mal wieder richtig Sommer?» Das Wetter war in der Tat sehr oft schlecht, und ich musste als junger Bergführer viele Touren absagen. Noch heute sieht man die Moränen jener Vorstösse. Ich nenne sie die Rudi-Carrell-Moränen.

Den Trend, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts anhält, vermochte das nicht umzukehren.
Ganz und gar nicht. Damals aber war das noch nicht so ganz klar, obschon man die Effekte der Treibhausgase bereits kannte.

Wo vor zehn Jahren noch ein Gletschertor bewundert werden konnte, ist heute noch eine Steinwüste.Walter Josi

In einer Ausstellung zum Beispiel war die Rede von einer neuen Eiszeit – oder einer neuen Sintflut. Man war sich nicht im Klaren, in welche Richtung die Entwicklung geht.

Heute ist es klar.
Allerdings. Seither sind hierzulande viele Gletscher verschwunden und fast alle massiv geschrumpft. Wo vor zehn Jahren noch ein Gletschertor bewundert werden konnte, ist heute noch eine Steinwüste. Im Zungenbereich, dort, wo sich oft Touristen aufhalten, fällt es besonders stark auf, wenn ein Gletscher schmilzt.

Aber er schmilzt ja nicht nur dort.
Ein Gletscher verliert auch sonst viel seiner Masse. Es fällt nur weniger auf. Der Aletschgletscher ist am Konkordiaplatz immer noch 900 Meter dick. Wie sehr er in den letzten Jahren an Masse verloren hat, erkennt man daran, dass die Treppe zur Konkordiahütte jedes Jahr verlängert werden muss.

Die Treppe, die vom Aletschgletscher hinauf zur Konkordiahütte führt, ist mittlerweile bereits sehr lang. (Foto: Valérie Chételat, Archiv)

Was löst dieses Verschwinden der Gletscher in Ihnen aus?
Es tut schon weh. Und es ist mir immer bewusst, sogar wenn ich in Bern bin. Wenn ich in der Aare schwimme, denke ich immer, dass mit mir die Gletscher unter der Nydeggbrücke wegschwimmen.

Was ist für Sie das Besondere an einem Gletscher? Auf Ihrer Webseite beschreiben Sie Gletscher als gefrorene Meereswellen.
Ein Gletscher ist eine faszinierende Landschaft, Eis ein faszinierendes Element. Immer wieder stelle ich auf Touren fest, wie Menschen, die zum ersten Mal über einen Gletscher gehen, still werden. Sie sind emotional berührt.

Dieses Gefühl verliert sich aber mit der Zeit.
Nein. Ich bin jedes Mal selber wieder begeistert, wenn ich in einer solchen urtümlichen Gebirgslandschaft drinstehe. Ein Gletscher fliesst, Eis ist etwas sehr Lebendiges.

Eine Gletscherlandschaft übt eine ähnliche Faszination aus, wie das eine Wüste kann. Walter Josi

Besucht man einen Gletscher nach ein paar Wochen wieder, kann er sich ganz anders präsentieren. Innert Kürze können sich so grosse Veränderungen ergeben, wie man sie sonst innerhalb eines Menschenlebens in einer Landschaft nicht beobachten kann. Der Gletscher nimmt eine andere Form an, Spalten tun sich auf. Er verwandelt sich ständig.

Aber warum werden die Leute still?
Weil sie staunen, weil sie etwas wahrnehmen, das sie begeistert. Zum Beispiel die Ruhe, die auf einem Gletscher herrscht. Eine Gletscherlandschaft übt eine ähnliche Faszination aus, wie das eine Wüste kann. Oder der Grand Canyon. Der Unterschied ist nur, dass wir die Gletscher gewissermassen vor unserer Haustür finden.

Wie wirkt sich das auf Ihre Bergführertätigkeit aus, wenn die Gletscher in so grossem Stil schmelzen?
Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Vor 20 Jahren konnte man vom Gornergrat in zwei Stunden zur Monte-Rosa-Hütte wandern. Der Zugang ist heute viel beschwerlicher und dauert deutlich länger. Einmal muss man viel weiter hinabsteigen, weil der Gletscher an Volumen verloren hat. Dann ist da der ganze Randbereich mit instabilen Hängen, Felsblöcken und Geröll. Das gilt generell: Auf vielen Hochtouren ist es heute viel ungemütlicher als früher.

Nur weil man nicht mehr auf dem Gletscher gehen kann?
Ja. Das ist ein grosser Unterschied. Auf einem Gletscher kommt man in der Regel viel einfacher und schneller voran, als wenn man Geröll- oder Blockfelder überwinden muss.

Empfinden Sie auch Trauer, wenn Sie daran denken, dass viele der Gletscher bald nicht mehr existieren werden?
So würde ich das nicht sagen. Natürlich geht es mir nahe. Aber ich will deswegen nicht lamentieren. Und es funktioniert auch nicht, Kindern und Enkeln falsche Hoffnungen machen zu wollen und ihnen zu sagen, die Gletscher würden wieder wachsen. Und vor allem geht es beim Klimawandel ja nicht nur um unsere Gletscher. Wenn man die Sache etwas aus der Distanz betrachtet, wenn man unser Problem vergleicht mit den Problemen, die der Klimawandel in anderen Weltgegenden verursacht, zum Beispiel in Bangladesh, dann haben wir hier ein Komfortproblem.

Und vor allem geht es beim Klimawandel ja nicht nur um unsere Gletscher. Walter Josi

Aber kann die Gebirgslandschaft ihren Reiz bewahren, wenn die Gletscher verschwinden?
Selbstverständlich. Es gibt Gebirgslandschaften, die keine Gletscher haben – so wie in Südamerika zum Beispiel – und trotzdem faszinierend sind. Der Mensch muss sich anpassen.

Und der Tourismus in der Schweiz: Muss der sich tatsächlich neu erfinden, wenn die Gletscher verschwinden?
Der Tourismus muss sich immer wieder neu erfinden. Für den Tourismus sind nicht primär die Gletscher das Problem, sondern vielmehr die Skigebiete in tieferen Lagen. Aber da sieht man ja bereits heute, wie kreativ viele Tourismusdestinationen damit umgehen, wenn es nicht mehr genügend schneit. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.08.2017, 18:32 Uhr

Infobox

50 Jahre Bergführer

Walter Josi, 75-jährig, ist seit 1967 Bergführer. Er hat über 2500 Touren geführt und sämtliche Viertausender der Alpen bestiegen. Der gebürtige Adelbodner, der in Bern lebt, war Sekundarlehrer und später Ausbildungsleiter im Bereich Bergsport an der Eidgenössischen Sportschule Magglingen. Zudem war er 35 Jahre Leiter Alpinismus im Universitätssport Bern.

Walter Josi – ein Leben für die Berge. (Bild: zvg)

BaZ Auktion

Auf zur Schnäpplijagd! Traumreisen und mehr bis zu 50% günstiger. Mitbieten vom 25.11. bis 5.12.17.

Blogs

Mamablog Wir Eltern sind mitschuldig

Geldblog Riesige Unterschiede bei der Altersvorsorge

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...