Freundlich bis an den Rand

Alice Weidel, die neue Hoffnungsträgerin der AfD für die Bundestagswahlen, ist nicht ohne Widersprüche.

Die AfD-Politikerin Alice Weidel spricht zu ihren «Freunden» am Parteitag der AfD in Köln.

Die AfD-Politikerin Alice Weidel spricht zu ihren «Freunden» am Parteitag der AfD in Köln. Bild: Sascha Steinbach/EPA

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Deutsch und deutlich: So könnte man die Rede von Alice Weidel beschreiben, die sie am vergangenen Sonntag am Parteitag der Alternative für Deutschland (AfD) in Köln hielt. «Wir haben es allen gezeigt», sagte die 38-jährige Unternehmensberaterin dem Publikum, ihren «Freunden», ganz zu Beginn, und meinte damit die Medien und «Altparteien», die der AfD Selbstzerstörung, Chaos und Rechtsruck prognostiziert hätten.

Rechtsruck? Weidel, die gleichentags zusammen mit dem 76-jährigen Parteivize Alexander Gauland zur Co-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahlen gewählt wurde, spuckt das Wort verächtlich aus. Es ist das einzige Mal in ihrer rund zehnminütigen Rede, als sie etwas anderes zeigt als lächelnde Freundlichkeit. Ansonsten formuliert sie langsam, bedächtig fast, und untermauert einzelne Worte mit erhobener rechter Hand, Daumen und Zeigefinger gegeneinandergedrückt: «Die AfD, die Alternative für Deutschland, ist da, und wir sind stärker als je zuvor!» Als ihre Freunde von den Plätzen aufstehen und «AfD! AfD! AfD!» skandieren, hält Weidel einen Moment inne. Offensichtlich ist sie verblüfft darüber, wie einfach das ging. Sie lächelt genüsslich.

Weidel selbst wirkt wie eine Alternative innerhalb der Alternativen für Deutschland: Im Vergleich zum alten Mann Gauland ist sie die junge Frau, die Kosmopolitin, die Mandarin spricht und in einer lesbischen Beziehung lebt.

Ideologie geht anders

Ob es im kommenden Wahlkampf aber ebenso einfach weitergehen wird und Weidel genug Unterstützung erhält, ist fraglich. So befürwortete sie den Ausschluss von Björn Höcke, dem rechtsradikalen thüringischen Landesvorsitzenden, und wurde dann nicht in den baden-württembergischen Landesvorstand gewählt. In Parteikreisen deuteten das viele als Strafe für ihre Höcke-kritische Haltung.

Weidel selbst bezeichnet sich als freiheitlich-konservativ: freiheitlich in Wirtschaftsfragen, konservativ in Gesellschaftsfragen. Was das für sie bedeutet, beantwortete sie unlängst in der FAZ: Solange Höcke der Partei angehöre, werde sie als Spitzenkandidatin der AfD auch mit ihm auftreten und Wahlkampf betreiben. Ideologie geht anders. Dem Ansehen, vor allem jenem innerhalb der eigenen Partei, ordnet Weidel hingegen alles unter.

Ihre grösste Schwäche

Das zeigt sich auch daran, dass sich Weidel zunehmend jenes AfD-Vokabular aneignet: In Köln spricht sie, die lange Zeit im Ausland lebte, darunter sechs Jahre in China, von der AfD als Partei «für Kultur und Identität». Sie empfiehlt «jedem Erdogan-Ja-Sager, in die Türkei zurückzukehren», und fordert, die politische Korrektheit «auf den Müllhaufen der Geschichte» zu werfen.

Und obwohl man von Weidel weiss, dass sie mit ihrer Schweizer Partnerin und zwei Söhnen am Bodensee lebt, wehrt sie alle Fragen konsequent ab, die einen Widerspruch zwischen ihrem Lebensmodell und den konservativen Vorstellungen ihrer Partei sehen, die etwa die gleichgeschlechtliche Ehe ablehnt. Sie trenne das Private vom Politischen, sagte Weidel einmal bei einem Treffen in Berlin, und lächelte.

Wahrscheinlich weiss sie, dass das ihre grösste Schwäche ist. Als lesbische Frau bleibt sie für einen Teil der AfD-Anhänger nicht wählbar. Da muss das Lächeln zu einer Fratze erstarren. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2017, 20:46 Uhr

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