Meinungsfreiheit nach eigenem Gutdünken

Die Schutzbach-Affäre hätte eine Debatte auslösen sollen. Es kam zu einer Hetzjagd – gegen den BaZ-Autor.

«Öffentliche Verunglimpfung»: Genderforscherin Franziska Schutzbach erhielt viel Rückendeckung von links.

«Öffentliche Verunglimpfung»: Genderforscherin Franziska Schutzbach erhielt viel Rückendeckung von links. Bild: Facebook/franziska.schutzbach

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Vor zweieinhalb Wochen veröffentlichte die Basler Zeitung einen Beitrag über Franziska Schutzbach. Die Basler Soziologin, die an der Universität Basel Gender-Wissenschaften lehrt und sich daran stört, dass die Politik zunehmend nach rechts driftet. Diese Entwicklung sei zu stoppen, schreibt sie in ihrem Blog, indem man deren Akteure, gewählte Politiker von der rechten SVP bis hin zur CVP in der Mitte, boykottiert, ausgrenzt.

Eine extreme Haltung, die man teilen oder auch verteufeln kann – je nachdem, wie man Demokratie und eine ihrer wichtigsten Grundlagen, die Meinungsfreiheit, definiert. Eine kontroverse, interessante Debatte hätte entstehen können. Auch darüber, wie frei sich eine praktizierende Dozentin äussern darf. Politiker, die Universität, Studenten, Medien und selbstverständlich auch Franziska Schutzbach hätten sich in die Diskussion einbringen können. Doch dazu ist es nie gekommen; Inhalte waren seit jenem ersten Artikel Mitte November kaum ein Thema. Stattdessen wurde eine Schlacht geschlagen – ohne Sieger.

Oder um es mit den Worten derjenigen zu sagen, die sich mit Franziska Schutzbach solidarisieren und sie als Opfer einer üblen Kampagne der Basler Zeitung darstellen: Es wurde eine Hetzjagd betrieben. Allerdings weniger wie behauptet gegen Schutzbach als vielmehr gegen den Autor des Artikels, Serkan Abrecht.

Öffentliche Verunglimpfung

Ich teile durchaus die Meinung, dass, wer austeilt, auch einstecken können muss. Doch was mein Kollege in den letzten Tagen an verbalen Prügeln abbekommen hat, muss sich selbst ein Journalist nicht gefallen lassen. Unter anderem von Vertretern der SP, jener Partei, die sich Toleranz gross auf die Fahne schreibt. Die gleichzeitig aber nicht zögert, Andersdenkende auszugrenzen, selbst dann, wenn sie in den eigenen Reihen sitzen.

Politiker, die sich in einem Folgeartikel Serkan Abrechts über Franziska Schutzbach noch kritisch über das Demokratieverständnis der Soziologin geäussert hatten, änderten wenig später ihre Meinung und warfen dem BaZ-Autor unredliches Handeln vor. So auch der Präsident der Basler SP, Pascal Pfister. Auf Twitter distanzierte er sich vom Kontext, in den ihn Abrecht «bei seiner Hexenjagd» gestellt habe.

Unter Druck

Genauso der Baselbieter SP-Chef Adil Koller, der offenbar «zu spät gecheckt» hat, worauf das Ganze hinausläuft, nämlich «auf eine hässliche Hetzjagd gegen eine junge, erfolgreiche Frau». Letztlich sei die Geschichte auch ein Angriff auf die Institutionen, weil «die wirre Berichterstattung» auf die Universität Basel ziele. Und das sei wirklich demokratieschädigend. Sowohl mit Pfister als auch mit Koller wurden die Zitate abgesprochen; die Stossrichtung des Artikels war beiden bekannt.

Der Beifall aus den eigenen Reihen, den die zwei Politiker in den sozialen Medien auf ihre Voten erhalten haben, lässt darauf schliessen, dass sie nicht ganz freiwillig zurückgekrebst sind, sondern kräftig dazu ermuntert wurden. In einem Beitrag im Infosperber wurde den zwei Sozialdemokraten und dem Grünen Thomas Grossenbacher gar vorgeworfen, der BaZ und somit auch der SVP Schützenhilfe zu leisten. Die drei hätten ihre Aufgabe, die Dozentin und die Freiheit der Meinungsäusserung zu verteidigen, grob vernachlässigt. «Solche Sozialdemokraten und Grüne braucht niemand», schrieb die Online-Plattform.

Während Thomas Grossenbacher weiterhin an seinen Aussagen in der BaZ festhält, entschuldigte sich Pascal Pfister hingegen an der SP-Delegiertenversammlung vom Mittwoch bei seiner Partei, sich kritisch über Franziska Schutzbach geäussert zu haben. An diesem Abend sass auch Serkan Abrecht im Saal; er wurde von einzelnen Anwesenden ausgebuht. Dennoch verfasste er am nächsten Tag einen Bericht über die Wohnpolitik der SP – so funktioniert sein Demokratieverständnis. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.12.2017, 08:42 Uhr

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