«Von den Typhus- und Malariafällen wussten wir nichts»

Die Schweiz erhält selbst bei gefährlichen Krankheiten nötige Informationen aus der EU nicht mehr. Das liegt an der Verhandlungsblockade.

Der letzte Ernstfall, bei dem die Schweiz Informationen der EU erhielt: Ein Techniker im Universitätsspital Genf nach dem Ebola-Ausbruch 2014. Bild: Keystone

Der letzte Ernstfall, bei dem die Schweiz Informationen der EU erhielt: Ein Techniker im Universitätsspital Genf nach dem Ebola-Ausbruch 2014. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) sieht die «nationale Sicherheit» im Gesundheitsbereich gefährdet, weil die Schweiz vom EU-Warnsystem im Gesundheitsbereich ausgeschlossen ist. Wie informiert sich das BAG über drohende Pandemien?
Wir erhalten ab und zu auf informellem Weg gewisse Informationen. Die Quellen kann ich nicht nennen. Aber wir können nie sicher sein, ob wir wirklich alles erfahren. Die EU-Behörde hält mit den Mitgliedsländern Telefonkonferenzen ab. Da werden konkrete Informationen über Epidemien und Massnahmen ausgetauscht, die uns fehlen. Wir wissen nicht mal, zu welchen Themen und wann solche Konferenzen stattfinden.

Von welchen Krankheitsrisiken hat die Schweiz nichts mitbekommen?
Letztes Jahr gab es in Madagaskar einen Ausbruch von Pest. Wir waren über die Massnahmen der EU nicht informiert. Das wäre deshalb wichtig gewesen, weil in Frankreich 140’000 Madegassen leben. Und 80 Prozent der Touristen, die nach Madagaskar fliegen, reisen über Frankreich. Frankreich ergriff konkrete Massnahmen, schulte etwa die Flugzeugcrews, um die Einschleppung der Pest zu verhindern. Wir wussten davon nichts. Wir erhielten Informationen auf inoffiziellem Weg mit Verspätung und nicht in allen Details.

«Wir wissen nicht, wie gross die gesundheitliche Gefahr für die Schweizer Bevölkerung ist»: Daniel Koch leitet beim BAG die Abteilung übertragbare Krankheiten. Bild: Keystone

Gab es weitere gravierende Krankheitsfälle, von denen das BAG keine Kenntnis hatte?
In Frankreich und Italien brach letztes Jahr das Chikungunyafieber aus. Italien schloss deshalb Menschen, die sich in bestimmten Regionen aufgehalten hatten, vom Blutspenden aus, um die Übertragungsgefahr zu verringern. Die gleichen Leute hätten in der Schweiz Blut spenden können und so möglicherweise den Erreger verbreiten können. Weiter gab es in Italien und Frankreich Übertragungen von Malaria, von denen wir nichts wussten. Und in Italien trat Typhusfieber auf, worüber wir nicht informiert wurden.

Also könnte in der Schweiz eine schwere Krankheit auftreten, weil wir über die EU nicht rechtzeitig informiert werden?
Wir erhalten zurzeit von der EU nur Informationen, wenn es die Schweiz direkt betrifft. Aber wir erfahren nichts, wenn in den EU-Ländern Krankheiten auftreten oder Schutzmassnahmen getroffen werden. Diese Informationen würden uns jedoch helfen, die Situation einzuschätzen und ebenfalls Vorsichtsmassnahmen zu treffen. Mit Blick auf die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung und jener der umliegenden Länder wäre es sehr wünschenswert, wenn die Schweiz im Informationssystem wieder dabei wäre.

Auch die EU muss doch daran interessiert sein, dass sich Krankheiten nicht über die Schweiz weiter ausbreiten.
Ja, unter den Fachleuten sind sich alle einig, dass die Schweiz informiert werden muss. Aber die Zusammenarbeit ist auf politischer Ebene blockiert.

Handelt es sich um eine Strafaktion der EU?
Die Blockade hängt mit der Diskussion um das institutionelle Rahmenabkommen zusammen.

Seit wann ist die Schweiz ausgeschlossen?
Seit 2013. Beim Auftreten der Schweinegrippe von 2009 waren wir noch dabei. Beim Ebola-Ausbruch von 2014 nahm uns die EU vorübergehend wieder ins Informationssystem auf. Sobald die Ebola-Gefahr vorbei war, haben sie alle Kanäle wieder geschlossen. Selbstverständlich informieren auch wir die EU auf informellem Weg, wenn bei uns eine ansteckende Krankheit auftritt. Die gegenwärtige Situation ist für beide Seiten unbefriedigend.

«Bei der Grippe bestehen keine Probleme, aber bei gefährlicheren Krankheiten.»

Wie reagieren denn die Nachbarländer der Schweiz, die ja durch Informationslücken der Schweiz bei der Krankheitsbekämpfung direkt betroffen sein könnten?
Unsere Nachbarländer sind ins europäische Warnsystem eingebunden und denken häufig gar nicht daran, dass die Schweiz nicht dabei ist. Die gehen davon aus, dass die Schweiz die nötigen Informationen erhält. Ich nehme nicht an, dass man uns absichtlich nicht über den Ausbruch von Typhusfieber informierte. Die dachten einfach nicht dran.

Gibt es aktuell Krankheitsrisiken in Europa, über die Sie gerne mehr wissen möchten, um die Schweiz vorzubereiten?
Wir wissen es schlicht nicht.

Wie hoch ist die konkrete gesundheitliche Gefahr für die Schweizer Bevölkerung aufgrund der Informationslücken?
Auch das wissen wir nicht. Wegen dieser Informationslücken ist es eben gerade schwierig, dieses Risiko abzuschätzen.

Wie läuft denn der Austausch bei der saisonalen Grippe?
Hier gibt es keine Probleme. Zur Grippe publizieren die EU wie die Schweiz wöchentlich Zahlen. Die Zahlen der EU können wir abrufen. Schwierig wird es bei Daten, die nicht öffentlich publiziert werden und die viel gefährlichere Krankheiten betreffen, Informationen darüber, wo welche Massnahmen getroffen werden, etwa Vorbereitungen auf Flughäfen. Da sind wir auf den Austausch mit der EU angewiesen.

Es gibt ja noch die Weltgesundheitsorganisation WHO. Könnte die nicht die Informationslücken der Schweiz füllen?
Die EU informiert die WHO nur dann, wenn es aufgrund der internationalen Vorschriften nötig ist. Da werden keine primären Informationen ausgetauscht. Der WHO müssen Ereignisse gemeldet werden, die eine internationale Gefährdung darstellen. Es gibt aber viele Informationen, die die EU nicht mit der ganzen Welt teilen will. Wir haben zum Pestausbruch in Madagaskar zwar über die WHO Informationen erhalten, aber wir wussten nichts über die Massnahmen, die die EU-Länder trafen. Hätte es einen Pestfall in Frankreich gegeben, hätten wir das über die WHO erfahren, aber nicht, welche Massnahmen Frankreich getroffen hätte. Das muss Frankreich der WHO nicht mitteilen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2018, 19:20 Uhr

Artikel zum Thema

Eine Impfung könnte Hunderttausende Leben retten

Malaria ist in vielen Weltgegenden ein riesiges Problem. Abhilfe soll eine gezielte Infektion mit gleichzeitiger Schutzmassnahme bringen. Mehr...

40 Pesttote auf Madagaskar

Knapp 120 Menschen sind auf Madagaskar an der Pest erkrankt. Die WHO versucht nun zusammen mit der Regierung der Insel die Ausbreitung der Infektionskrankheit einzudämmen. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Die Welt in Bildern

Da ist der Bär los: Das peruanische Designer Edward Venero lässt seine neuste Herrenkollektion an der Fashion Week in Lima von Teddys präsentieren. (25. April 2018)
(Bild: Martin Mejia/AP) Mehr...