Gestartet in Turin – die Fahrt des Lasters nachgezeichnet

Woher kam der LKW, wer hatte wann und wo noch Kontakt mit dem Fahrer? Die Chronologie der Ereignisse in der Infografik.

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Er fuhr langsam, sehr langsam, als wollte er Anlauf nehmen. Dann lenkte er den Lastwagen in Schlangenlinien in die Menge. Die Menschen fielen wie Bowlingkegel um, wie sich Augenzeugen erinnerten. Dann erschossen Polizisten den Massenmörder Mohamed Lahouaiej-Bouhlel. Das war Nizza, am 14. Juli dieses Jahres. 86 Menschen starben. Die Welt hat damals begriffen, dass islamistische Terroristen auch Lastwagen als Waffe verwenden. Doch den Mörder konnte niemand mehr befragen. So war es auch anderswo. Terroristen wurden vom Sondereinsatzkommando erschossen oder sprengten sich in die Luft, wenn sie mit Pick-ups oder Bulldozern mordeten. Die blutige Tat war die Tat, aber es war fast unmöglich, an die Hintermänner zu gelangen.

So war es, nach all dem Schrecklichen am Montagabend in Berlin, schon fast eine gute Nachricht, dass einer der angeblichen Täter gefasst war. Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière, der bei solchen Gelegenheiten sehr vorsichtig ist, sprach im Fernsehen über die Schrecknisse des mutmasslichen Anschlags, aber er liess doch erkennen, dass es gut sei, dass in diesem Fall ein mutmasslicher Tatbeteiligter festgenommen worden sei.

Bereits knapp zwei Stunden nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz sendet die Berliner Polizei ein Zeichen der Entwarnung. Es gebe derzeit keine Hinweise «auf weitere gefährdende Situationen in der City», schrieb sie via Twitter. «Wir gehen nicht davon aus», antwortet Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) wenig später auf die Frage, ob noch Gefahr bestehe. Die Beamten, so die Logik, hatten ja einen jungen Mann als möglichen Tatverdächtigen festgenommen. So furchtbar das Verbrechen auch war, so gross ist nun auch die Erleichterung.

Noch in der Nacht werden Einzelheiten über die Herkunft des Festgenommenen bekannt, und anscheinend ergibt sich daraus ein stimmiges Bild. Es heisst, er sei ein 23-jähriger Flüchtling aus Pakistan. Er soll in der Silvesternacht 2015 nach Deutschland eingereist sein, angeblich war er mit 15 weiteren Personen unterwegs und stellte einen Asylantrag. In manchen Meldungen heisst es, er sei über die Balkanroute gekommen, wie so viele andere Flüchtlinge. Er lebte zuletzt in Berlins grösster Flüchtlingsunterkunft auf dem früheren Flughafen in Tempelhof.

Das klingt stimmig in einem Jahr, in dem es in ganz Europa so viele islamistische Anschläge gegeben hat. Vielleicht klingt es so stimmig, dass die Behörden ihre übliche Sorgfalt und Zurückhaltung etwas voreilig aufgeben.

Zweifel von Anfang an

Denn es soll von Anfang Zweifel daran gegeben haben, dass der Festgenommene tatsächlich der Mann ist, der den Todeslastwagen zuletzt gesteuert hat. Als sich die deutschen Innenminister in einer Telefonkonferenz am Morgen austauschen, werden diese Zweifel offen angesprochen. Manche der Zeugenaussagen und vor allem die ersten Spuren vom Tatort sind nicht eindeutig. Die Tatwaffe fehlt. Die Forensiker mahnen, sie bräuchten noch Zeit. Vieles passt nicht zusammen. So sieht es in der Fahrer­kabine zum Beispiel furchtbar aus. Dort liegt die Leiche des ursprünglichen Fahrers, eines Polen, der durch eine Schusswaffe getötet wurde. Überall soll Blut sein.

Die Kleidung des Festgenommenen aus Pakistan aber ist weitgehend sauber. Keine Blutspritzer. Keine Spuren eines Kampfs. Auch findet die Polizei an seinen Händen keine Schmauchspuren, keine Spuren also davon, dass er eine Schusswaffe benutzt hat. Schliesslich leugnete er, dass er mit der Tat etwas zu tun hat. Wenn er wirklich ein radikaler Islamist ist, dann würde er sich zu der Tat bekennen, sogar stolz auf sie sein. Die Öffentlichkeit bekommt von diesen Zweifeln zunächst nichts mit. Kanzlerin Angela Merkel klingt so, als sei sich die Bundesregierung ziemlich sicher, was am Montagabend geschehen ist. Sie spricht von einem Terroranschlag.

Wenn er wirklich ein radikaler Islamist ist, dann würde er sich zu der Tat bekennen, sogar stolz auf sie sein.

Andere aber klingen bald so, als müsse man mit der Suche noch einmal von vorne beginnen. Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt erklärt auf einer Pressekonferenz im Roten Rathaus, dass «in der Tat noch unsicher ist, ob der Mann der Fahrer war». Zu gleicher Zeit twitterte die Berliner Polizei eine Warnung an die Bürger der Stadt: «Der festgenommene Tatverdächtige streitet derzeit die Tat am #Breitscheidplatz ab. Wir sind daher besonders wachsam. Seien Sie es bitte auch.» Im Hintergrund wurden Berliner Ermittler da schon viel deutlicher. Der Festgenommene sei sicher nicht der Täter, bestätigten sie. Offenbar hat der heldenhafte Verfolger, der am Tatabend die Polizei rief, den Täter kurz aus den Augen verloren und dann den Falschen weiterverfolgt. «Ja, Scheisse», bestätigte ein Ermittler, der ungenannt bleiben möchte: Der Festgenommene sei der Falsche.

Leitet die Ermittlung: Generalbundesanwalt Peter Frank (rechts) . Foto: Joerg Carstensen/ Reuters

Nachmittags gegen 14.30 Uhr dann tritt Deutschlands ranghöchster Ermittler auf: Generalbundesanwalt Peter Frank. Die Medien hatten sich von seinem Auftritt am meisten versprochen, denn seine Behörde leitet schliesslich die Ermittler, wie immer bei den ganz grossen Terrorismusfällen. Frank sagt, er berichte jetzt über «unsere derzeitige Erkenntnislage». Doch wie sich herausstellt, wissen die Strafverfolger nicht sehr viel mehr als am Morgen, oder, eher, noch weniger als am Morgen. «Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen», sagt Frank sehr behutsam, dass der festgenommene Mann aus Pakistan nicht der Täter sei, der den Todeslastwagen gesteuert habe.

Der IS meldet sich

Das ist relativ wenig Sicherheit, nach-dem die Kanzlerin Stunden zuvor erklärt hat, man habe es eindeutig mit einem Terrorakt zu tun. Frank immerhin ist sich in dieser Frage relativ sicher: Auf dem Weihnachtsmarkt hat ein islamistischer Terroranschlag stattgefunden. Erstens, sagt Frank, spreche dafür die «Art der Tatbegehung», also der Umstand, dass der Täter einen Lastwagen als Waffe benutzt habe. Dies entspreche dem Vorgehen in Nizza: Damals, am 14. Juli dieses Jahres, dem französischen Nationalfeiertag, fuhr der Attentäter Mohamed Lahouaiej-Bouhlel auf der Strandpromenade in eine Menschenmenge, tötete dabei 86 Personen und verletzte mehr als 400. Die Terrorgruppe Islamischer Staat bekannte sich zu dem Anschlag und hat, vorher und nachher, etliche Anleitungen dafür im Internet veröffentlicht, wie man mit Fahrzeugen möglichst viele Menschen töten kann.

Das zweite Indiz für islamistischen Terror, sagt Frank, ist das symbolträchtige Ziel: eine Ansammlung fröhlicher, feiernder Menschen, noch dazu im Zusammenhang mit Weihnachten, dem grössten christlichen Fest.

Die Ähnlichkeit zu Nizza und der Weihnachtsmarkt als Ziel, das sind zwei starke Indizien dafür, dass hier ein islamistischer Anschlag stattgefunden hat. Aber es sind eben nur Indizien. Sicherheitsexperten interpretieren die Worte Franks so: Die Ermittler haben nicht viel in der Hand. Den vorerst Festgenommenen müssen sie am Dienstagabend wieder laufen lassen. Kurze Zeit später reklamiert die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) den Anschlag für sich. Der Täter sei «ein Soldat des Islamischen Staates» gewesen, meldet die IS-Propaganda-Agentur Amak am späten Abend.

Spekulationen bleiben

Nun müssen die Ermittler den Fall, den sie schon für gelöst hielten, wieder ganz neu überdenken. Müssen Zeugen befragen, Videomaterial auswerten, Blutspuren im Lastwagen untersuchen. Die Ermittler müssen die Fahrt des polnischen Lastwagens von Italien nach Berlin rekonstruieren. Der Sattelschlepper gehört einer polnischen Firma. Der Fahrer des LKW hatte in Turin Stahlteile geladen und nach Berlin bringen sollen. Ariel Zurawski, der Besitzer der Spedition, hat dem Sender TVN24 gesagt, er sei überzeugt, dass sein Fahrer bei dem Anschlag nicht am Steuer gesessen habe. «Das ist mein Cousin. Ich lege die Hand für ihn ins Feuer.» Sein Cousin sei ein erfahrener Fernfahrer mit 15 Jahren Berufserfahrung gewesen. Er selbst habe, so sagte Zurawski, am Montagmittag das letzte Mal mit seinem Cousin telefoniert.

Es gibt also ein Bekenntnis des IS zur Tat, und Frank hat all die nachvollziehbaren Gründe dafür genannt dass es sich um eine terroristische Aktion war. Aber wenn es keinen Tatverdächtigen geben sollte, der ermittelt werden kann, wird es auch all die Spekulationen geben, die es immer gibt.

Ein toter Terrorist, den man am Steuer erschiesst, oder ein Selbstmordattentäter, der sich selbst in die Luft sprengt – da weiss man als Ermittler wenigstens genau, woran man ist.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 21.12.2016, 06:50 Uhr

Wie geht es für Deutschland nach dem Lastwagen-Vorfall weiter? Unser Deutschland-Korrespondent Dominique Eigenmann klärt auf.

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