Die Insel der Geretteten

Nirgendwo in der Karibik ist man so sicher vor einem Wirbelsturm wie auf Kuba – selbst in Florida nicht. Weshalb ist das so?

Kuba nach Irma: Nur Sachschäden, keine Toten.

Kuba nach Irma: Nur Sachschäden, keine Toten. Bild: Keystone

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Als der Wirbelsturm Katrina New Orleans verwüstete und der amerikanische Katastrophenschutz kläglich versagte, bot Kuba Hilfe an. Auf dem Flughafen Havannas stand ein Flieger, beladen mit Medikamenten, Spitalzubehör, Wasseraufbereitungsanlagen und bemannt mit erfahrenen kubanischen Katastrophenmedizinern. Den USA verschlug es für 24 Stunden die Sprache, dann lehnten sie das Angebot ab, man habe selber alles im Griff.

Das war nicht nur ein Propagandacoup, sondern ernst gemeint und sinnvoll. Kuba ist die Insel der Geretteten, wenn es um die bestmögliche Vorbereitung auf Wirbelstürme geht. Letztes Jahr forderte der Hurrikan Matthew auf Haiti über 1000 Tote, auf Kuba – null. In den letzten Jahrzehnten war Kuba immer der Ort in der Karibik, an dem die Menschen am wenigsten unter den Auswirkungen von Wirbelstürmen zu leiden hatten. Vor allem der Verlust an Menschenleben hielt sich in einem sehr überschaubaren Rahmen. Und die Parteizeitung Granma berichtet traditionell in jedem einzelnen Todesfall, wieso er tragisch, aber leider nicht zu verhindern war. Warum ist das so?

Die Lehren von 1963

Zunächst verfügt Kuba über einen gut organisierten Zivilschutz, der auf nationaler Ebene bis hinunter in jeden Weiler funktioniert. In den staatlichen Medien wird ausführlich über eine drohende Gefahrenlage informiert. Danach werden Evakuierungen vorbereitet, im letzten Jahr wurden bei Matthew über 600'000 Kubaner disloziert. Sie werden in Schulen, staatlichen Gebäuden oder eigentlichen Zivilschutzanlagen untergebracht, bis der Wirbelsturm vorbei ist. Anschliessend gehts ans Aufräumen. Alle diese Massnahmen wurden ergriffen, nachdem 1963 der gewaltige Hurrikan Flora im Süden der Insel über 1000 Tote forderte. Solche Zahlen haben sich seither nicht wiederholt.

Allerdings gibt es noch weitere Faktoren, die dem real existierenden sozialistischen Surrealismus geschuldet sind. Hahnenwasser ist niemals trinkbar und muss immer abgekocht werden. Zudem ist die Wasserversorgung unregelmässig, also verfügt fast jedes kubanische Haus über eine Zisterne und Wassertanks auf dem Dach. Ausfälle in der Strom- und Gasversorgung gehören ebenfalls zum Alltag, also ist man entsprechend vorbereitet.

In den letzten Jahrzehnten wurden auch auf dem Land flächendeckend Holzhütten mit Palmdächern durch Steinhäuser mit zumindest Eternit-Dächern ersetzt, die höheren Windgeschwindigkeiten standhalten. Plünderungen finden nicht statt, dafür ist der Überwachungsstaat zu allgegenwärtig. Abgesehen davon: Was sollte man bei einem normalen Kubaner gross klauen?

Und schliesslich zeigt sich in Katastrophensituationen der einzige Vorteil der katastrophalen kubanischen Landwirtschaft. Da weit über 80 Prozent aller Lebensmittel importiert werden müssen, führen selbst schwere Schäden kaum zu Nahrungsmittelengpässen. Sind die Strassen wieder freigeräumt, transportieren Lastwagen wie gewohnt Nahrungsmittel von den Häfen zu allen Verteilungsstellen.

Sicherlich hilft auch, dass alle rund 12 Millionen Kubaner seit mehr als 50 Jahren gewohnt sind, mit allen denkbaren und undenkbaren Engpässen, Schwierigkeiten und allem, was der Staatsbürokratie so einfällt, ihnen das Leben schwer zu machen, gelenkig umzugehen. Als ich gestern mit Havanna telefonierte und meine Hausverwalterin fragte, ob sie sich Sorgen mache, antwortete sie: «Ach was, wir leben hier doch die ganze Zeit in einem Hurrikan, was soll ich mich aufregen.» Havanna bekam nur Ausläufer zu spüren, die aber ausreichten, dass ganze Quartiere entlang der Uferpromenade Malecón unter Wasser stehen.

Delfine aus Aquarium evakuiert

Am Wochenende bekam Kuba die Macht von Wirbelsturm Irma zu spüren. Mehr als 1,5 Millionen Kubaner wurden präventiv evakuiert, umsichtig wurden sogar sechs Delfine aus einem Aquarium per Helikopter in Sicherheit gebracht. In den Hotel-Installationen Kubas entlang der Nordküste wurden mehr als 35'000 Touristen evakuiert, von insgesamt über 51'000, die sich aktuell auf Kuba aufhalten. Wer in einer Privatunterkunft abgestiegen ist, dem wird die Unterbringung in einem Staatshotel angeboten.

Auch wenn natürlich jeder selbst entscheiden muss, wie er seine persönliche Gefahrenlage einschätzt: Nirgendwo in der Karibik – oder in Florida – ist man bei einem Wirbelsturm so sicher wie auf Kuba. Die materiellen Schäden, die Hurrikan Irma auf Kuba – nicht zuletzt in der touristischen Infrastruktur – angerichtet hat, sind momentan nicht zu überblicken, dürften aber in die Hunderte von Millionen Dollar gehen.

Aber: Es ist bislang kein einziger Verlust eines Menschenlebens zu beklagen. Das soll den Kubanern erst einmal einer nachmachen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.09.2017, 09:39 Uhr

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