Missgeburten oder Helden?

Der Mann – nur lästig und eine grosse Fehlkonstruktion. Mit einem solchen Männerbild wachsen heute junge Männer auf.

«WARNUNG. DIESES INSTRUMENT ZU BEDIENEN KANN IHRE GESUNDHEIT UND DIE ANDERER MENSCHEN GEFÄHRDEN.» Gemeint ist – klar: der Penis.

«WARNUNG. DIESES INSTRUMENT ZU BEDIENEN KANN IHRE GESUNDHEIT UND DIE ANDERER MENSCHEN GEFÄHRDEN.» Gemeint ist – klar: der Penis. Bild: Keystone

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«Male bashing» hat gerade mal wieder Hoch­konjunktur. Auslöser ist Donald Trump; er gilt derzeit als Symbol der «angry white men» und der Männlichkeit überhaupt – als würden sich alle Männer so verhalten und denken. In einer ­bewegenden Rede hat Michelle Obama vor ­einigen Tagen solches zurechtgerückt und die Männer in Schutz genommen. Wohl eher gegen den Zeitgeist.

Kurz vor meiner Pensionierung in Berlin hat mir eine Studentin ein zehnstrophiges Gedicht über das männliche Geschlecht auf das Vorlesungspult gelegt. Darin heisst es: «So unnütz wie Unkraut, wie die Fliegen und Mücken, so ­lästig wie Kopfweh und Ziehen im Rücken, so ­störend wie Bauchweh und stets ein Tyrann, das ist dieser Halbmensch, sein Name ist Mann. Er steht nur im Weg rum, zu nichts zu gebrauchen, ist immer am Meckern und ständig am Fauchen. Er ist auf der Erde, ich sag’s ohne Hohn, vom ­Herrgott die grösste Fehlkonstruktion.»

Opfer des Zeitgeistes

Mit einem solchen Männerbild wachsen heute junge Männer auf; sie fühlen sich denn nur zu Recht als Opfer eines gewandelten Zeitgeistes. Schon in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts merkte der Stuttgarter Psychiater Joachim Bodamer an, dass wir nicht mehr wissen, was ein Mann ist, weil wir kein Ideal mehr haben, an dem wir ihn messen können. Wurden früher zum ­Beispiel Mut, Leistungswille oder Autonomie von Männern hoch gelobt, so werden heute diese ­einstigen Qualitäten stigmatisiert. Mut wird als Aggressivität denunziert, Leistungswille als Kar­rierismus, und aus der männlichen Autonomie ist die Unfähigkeit zur menschlichen Nähe geworden.

Männlichkeit ist inzwischen in die Nähe des Pathologischen gerückt oder wird sogar schon ­freimütig als pathologisch bezeichnet. Pädagogische Richtlinien, Erziehungsliteratur und der ­Alltag in Schulen tendieren immer mehr dazu, den Buben jene Eigenschaften abzutrainieren, die offenbar als besonders männlich empfunden werden: Bewegungsdrang, Motorik, Lautsein, Kräftemessen, Wettkampfverhalten oder Selbstdarstellung. Dazu hat die amerikanische Philosophin Christina Hoff Sommers einigermassen sarkastisch angemerkt: «Wenn Tom Sawyer und Huckleberry Finn heute leben würden, würde man bei ihnen ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom diagnostizieren und sie mit Ritalin ruhig stellen.»

Spott, Zwang, Abwertung

Die Abwertung von Männern und Buben bewirkt, dass sie an den traditionellen Bildern von Männlichkeit festhalten. Cheryl Benard und Edit Schlaffer – wohlgemerkt Feministinnen – verdeutlichen dies am Beispiel kleiner Buben, denen aufgrund des veränderten Zeitgeistes «ihre Vielseitigkeit und Sensibilität» weggenommen und die «durch Spott, Zwang und Abwertung» systematisch «begrenzt und verhärtet» werden. Die beiden Sozialwissenschaftlerinnen bemängeln, dass bei Knaben – im Gegensatz zu modernen Mädchen – «in der Erziehung und in der Lebenswelt neue Ziele, neue Wertvorstellungen, neue charakter­liche Richtlinien nicht wirklich» vorkommen.

Gemeint ist: der Penis

Manche sind von der Hetze gegen Männer geradezu besessen. Am schlimmsten die männlichen Feministen. Ein Beispiel ist Michael Kimmel, der auch das Bild des bösen, weissen Mannes befördert hat. In seinem Buch «Angry White Man» vergleicht er Männer generell ganz ungeniert mit Nazis. Von ihm stammt auch: «WARNUNG. DIESES INSTRUMENT ZU BEDIENEN KANN IHRE GESUNDHEIT UND DIE ANDERER MENSCHEN GEFÄHRDEN.» Gemeint ist – klar: der Penis.

Es könnte eigentlich ziemlich simpel sein: Wie wäre es, wenn Männer weder als Heroen noch als Missgeburten dargestellt würden? Wenn man sie einfach so wahrnähme, wie sie realiter sind – mit ihren Stärken, Schwächen und Sünden. Und dazu das nötige Lob und die erforderliche Kritik.

Übrigens: Am 19.11. ist der Internationale Männertag. Auch in Basel.

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für politische Soziologie, Gutachter des Europarates für Männerfragen und Autor des Sachbuchs «Was vom Manne übrig blieb. Das missachtete Geschlecht» (2012). (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.11.2016, 12:05 Uhr

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