Die unerklärliche Hellsicht von Tieren

Hunde, Katzen und Wildtiere fallen durch Vorahnungen auf. Jetzt interessiert sich die Wissenschaft dafür.

Rätselhafte Schönheit. Ein Starenschwarm im schottischen Gretna, fotografiert bei Sonnenuntergang.

Rätselhafte Schönheit. Ein Starenschwarm im schottischen Gretna, fotografiert bei Sonnenuntergang. Bild: Keystone

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Es ist genau zehn Jahre her, als Kater Oscar weltberühmt wurde. Die Therapiekatze eines Pflegeheims im amerikanischen Bundesstaat Rhode Island hatte zuvor in etwa 50 Fällen den Tod von Bewohnern zuverlässig vorhergesehen. Die Katze pflegte jeweils durch die Zimmer der Heimbewohner zu gehen. In manchen Fällen blieb Oscar in einem Raum, verweilte dort auf einem Fenstersims, setzte sich neben einen Kranken oder legte sich gar zu ihm auf die Bettdecke. Es fiel auf, dass Oscar immer dann blieb, wenn die betreffenden Bewohner jeweils kurze Zeit später starben. Man bekam den Eindruck, dass der Kater treffsicher spürt, dass ihr Tod bald kommt, und die Schwerkranken im Sterbeprozess begleiten will.

Der erste Bericht über Oscars Fähigkeiten im Oktober 2007 erschien nicht in einem Esoterik-Heftchen, sondern im New England Journal of Medicine, einem der renommiertesten Fachblätter für Medizinwissenschaft. Verfasst worden war der Beitrag von David Dosa, Facharzt für Geriatrie und Professor an der angesehenen Brown University.

In der Fachwelt und in der Laienpresse ging nach der Publikation Dosas ein Werweissen los, wie die Katze quasi den Tod vorhersehen kann. Riecht Oscar bestimmte Substanzen in den Ausdünstungen Sterbender? Nimmt er wahr, wenn sich eine kranke Person sehr wenig bewegt? Spürt er im Gegenteil ihre Todesangst? Die Erklärungsversuche sind bis heute zahlreich. Aber noch immer ist wissenschaftlich nicht geklärt, worauf Oscars scheinbare Hellsicht beruht.

Marsch über 4500 Kilometer

Oscar jedenfalls wirkt weiter. Bis 2015 soll er gemäss Presseberichten total schon hundert Sterbende aufgesucht und begleitet haben. Für manche Beobachter ist klar, dass die Katze aus Empathie handelt, denn viele Bewohner des Heimes wären möglicherweise alleine gestorben, wäre die Katze ihnen nicht beigestanden. «Viele Familien haben mir gesagt, es sei ein grosser Trost für die Sterbenden und ihre Angehörigen gewesen», sagte Mediziner Dosa in einem Interview.

Wenig überrascht über das Verhalten des Katers zeigte sich Thomas Graves, Tiermediziner an der amerikanischen University of Illinois: «Katzen können oft spüren, wenn ihre Besitzer krank sind, oder wenn ein anderes Tier krank ist», sagte er zu BBC. Millionen von Besitzern von Katzen, Hunden oder auch Pferden und Kühen dürften Graves zustimmen: Tiere können nicht nur Empathie gegenüber Menschen aufbringen, sondern verfügen zuweilen über erstaunliche Fähigkeiten, kommende Ereignisse zu erspüren.

So gibt es Berichte über Hunde und Katzen, die die Ankunft einer menschlichen Bezugsperson durch Bellen oder Herumrennen anzeigten, längst bevor die erwartete Person in der Nähe war. Dass Tiere in solchen Fällen auf ihren Geruchssinn abstellen können, erscheint gemäss solchen Berichten wenig wahrscheinlich, waren die Betreffenden doch jeweils noch viele Kilometer entfernt in einem Zug oder einem Auto unterwegs.

Nachdem im letzten März ein Erdbeben mit Stärke 4,6 die Zentral- und Ostschweiz aufgerüttelt hatte, berichteten mehrere Tierbesitzer von auffälligem Verhalten ihrer Vierbeiner vor dem Ereignis. «Mein Hund wollte einfach nicht nach draussen. Normalerweise freut er sich immer auf seinen Spaziergang», so eine Glarnerin zum Blick. «Die Rinder waren beim Füttern (…) sehr unruhig, sie tigerten herum. Wir konnten es nicht zuordnen», erzählte ein Bauer.

Weiter gibt es zahlreiche Anekdoten über Haustiere, die verloren gingen, um danach über Hunderte oder gar Tausende Kilometer zurück zu ihren Besitzern zu finden. Legendär ist der Collie Bobbie in den USA, der in den 1920er-Jahren nach einem Marsch über 4500 Kilometer seine Familie im amerikanischen Oregon wiedergefunden haben soll. Diese Familie wohnte an einem neuen Ort, wo der Hund zuvor nie gewesen war. Die Geschichte von Bobbie wurde in einem Buch und in einem Stummfilm verewigt.

Fast unglaublich wirkt auch die Leistung des britischen Hundes Prince im Jahr 1914. Er soll, einige Zeit nachdem sein Hausherr in den Krieg nach Frankreich gezogen war, zu Hause in London verschwunden sein, um Wochen später bei seinem Herrchen in den Schützengräben bei Armentières in Frankreich aufzutauchen. Prince hatte seinen Besitzer unter einer halben Million Soldaten zielsicher angesteuert, inmitten von Gefechtshandlungen.

Die Weisheit des Kinderlieds

Erstaunliche Fähigkeiten von Tieren sind auch aus jüngerer Zeit bekannt – insbesondere Vorahnungen vor Erdbeben, Vulkanausbrüchen und anderen Naturereignissen. Vor dem Erdbeben in L’Aquila in Italien 2009 hatten Bewohner Tage vor dem Ereignis bemerkt, dass Kröten ihr Laichverhalten eingestellt und sich verkrochen hatten. Bekannt ist zudem, dass Vogelschwärme vor aufkommenden Stürmen geflohen sind, und zwar schon Tage bevor die Unwetter aufzogen.

Nach der Tsunami-Katastrophe in Indonesien 2004 mit Hunderttausenden Toten fiel auf, dass kaum Grosstiere ums Leben gekommen waren. Elefanten und Wasserbüffel etwa hatten sich rechtzeitig vor der Flut in Sicherheit gebracht und waren ins Landesinnere geflohen. Für Einheimische war das wohl weniger überraschend als für Auswärtige. «Wenn die Tiere verrücktspielen, lauf weg vom Meer und geh ins Hochland», heisst es in einem alten indonesischen Kinderlied.

Bis vor wenigen Jahren interessierte sich die Wissenschaft kaum für solche Vorkommnisse. Klar war zwar seit Langem, dass manche Tiere über Sinnesleistungen verfügen, die uns Menschen fremd sind – etwa die Echolot-Ortung von Fledermäusen oder die elektrischen Signale, die bestimmte Fische aussenden und wahrnehmen. Auch der Geruchssinn von Hunden ist aus menschlicher Sicht unvorstellbar sensibel. Doch die Forschung ging den Berichten über erstaunliche Vorahnungen von Tieren kaum nach. Man erklärte solche Erzählungen mit angeblichem Wunschdenken ihrer Besitzer oder begründete sie mit dem Zufall.

In letzter Zeit aber ist das wissenschaftliche Interesse an unerklärlichen Fähigkeiten von Tieren gestiegen. Das ist massgeblich moderner Elektronik zu verdanken, mit der das Bewegungsverhalten von Tieren systematisch aufgezeichnet werden kann. Man stattet dazu einzelne Tieren oder ganze Herden mit Sendern aus, sodass deren Bewegungen verfolgt und statistisch ausgewertet werden können.

Einer der weltweit führenden Forscher auf diesem Gebiet ist Martin Wikelski, Leiter des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee und Professor für Zoologie an der Universität Konstanz. «Es ist mittlerweile belegt, dass es viele Fähigkeiten von Tieren, die bisher nur anekdotisch bekannt waren, wirklich gibt», sagt Wikelski im Gespräch mit der Basler Zeitung. So stattete der Biologe etwa Ziegen am sizilianischen Vulkan Ätna mit Sendern aus, zeichnete jahrelang deren Bewegungsprofile auf und konnte so nachweisen, dass sich die Tiere schon Stunden vor einem vulkanischen Ausbruch in Sicherheit bringen. «Wir sind dank solcher Belege nun endlich weg vom Wünschelruten-Image, das solchem Forschungsinteresse lange anhaftete», so Martin Wikelski.

Fernziel: Internet der Tiere

Sein Interesse gilt vor allem auch erstaunlichem Kollektiverhalten von Tieren, zu dem er zusammen mit seinem Konstanzer Kollegen Iain Couzin forscht: Wie schaffen es Fische, sich in einem Schwarm absolut koordiniert zu ihren Artgenossen zu bewegen? Was befähigt Vögel, in der Luft völlig synchron zu Tausenden anderen Tieren zu fliegen? Wie wissen die Gnus in der Savanne Serengeti, die zuhinterst in einer 80 Kilometer langen Tierkolonne sind, wo die Futterstelle ist, auf die sich die Kolonne hinbewegt?

Martin Wikelski spricht bei solchen Phänomenen von «Schwarmintelligenz», deren Ursachen noch weitgehend im Dunkeln lägen. Dank Sendern, die man bei Tieren anbringen und deren Bewegungsmuster auswerten kann, sei es aber gelungen, solches Schwarmverhalten elektronisch zu simulieren. «Es zeigt sich, dass die mathematischen Algorithmen, die dafür nötig sind, relativ einfach sind», sagt Wikelski.

Noch sind Daten über Tierbewegungen erst spärlich vorhanden. Aber Martin Wikelski ist zusammen mit Fachkollegen daran, ein weltweites Tiermeldesystem aufzubauen, an dem unterschiedlichste Arten beteiligt sind: von Tauben, Albatrossen über Schildkröten und Hochlandrindern bis zu Flughunden. Dazu stehen den Forschern mikroskopisch kleine Sender zur Verfügung, die dank technischer Hilfe der ETH Zürich von den Tieren fast ohne Beeinträchtigung mitgetragen werden können. Und weltweit stehen Helfer bereit, die nicht nur Einzeltiere, sondern ganze Herden und Schwärme mit solchen Sendern ausstatten.

Nächstes Jahr soll gar eine spezielle Antenne auf der Internationalen Raumstation ISS angebracht werden, die die Tiersignale empfängt. So wird es möglich sein, Bewegungsmuster von Tierherden auch in Gegenden nachzuvollziehen, wo kein Mobilfunknetz vorhanden ist. Mit dem Sammeln von Daten wolle man in erster Linie Erkenntnisse zu bisher unerklärlichen Fähigkeiten gewinnen, sagt Martin Wikelski. Fernziel sei, ein «Internet der Tiere» aufzubauen, das auch konkreten Nutzen für Menschen haben können: Denkbar seien Hinweise auf bevorstehende Erdbeben, Warnungen vor drohenden Vulkanausbrüchen oder Alarmzeichen für das Ausbreiten von Seuchen wie Ebola oder Vogelgrippe.

Vor dem Tod bewahrt

Laut Tierforscher Wikelski interessieren sich bereits Versicherungskonzerne und Finanzinstitute für seine Forschungsresultate. Denn Erklärungen und Algorithmen für das koordinierte Verhalten von Tieren könnten durchaus nützlich sein, um auch das Schwarmverhalten von Anlegern und Investoren vorherzusagen. Solches Interesse freut den Biologen, bekämen Tiere damit doch einen bisher ungeahnten Wert für den Menschen: «Im besten Fall könnte dieser Nutzen sogar konkret finanziell bemessen werden.»

Lassen sich verblüffende Vorahnungen von Tieren und unerklärliches Schwarmverhalten letztlich aber immer durch konventionelle Wissenschaft erklären? Es gibt zumindest Anekdoten, die daran zweifeln lassen. Als der amerikanische Präsident Abraham Lincoln 1865 in einem Theater in Washington durch Schüsse tödlich verletzt wurde, soll sein Hund durch wildes Bellen aufgefallen und verzweifelt durch das Weisse Haus gerannt sein – und das bereits zu einem Zeitpunkt, als der Mordanschlag noch gar nicht stattgefunden hatte.

Der britische Biologe Rubert Sheldrake hat systematisch Berichte über Verhalten von Tieren gesammelt, die in unerklärlicher Vorahnung ihre Besitzer vor Tod und Unglück beschützt haben: Ein Hund weigerte sich, mit seinem Herrchen durch eine Fussgängerunterführung zu gehen, die unmittelbar danach zusammenkrachte. Eine Katze sprang in einem Auto die Lenkerin von hinten an und biss sie in die Hand, sodass diese anhalten musste. Wäre sie weitergefahren, wäre ein Baum auf das Fahrzeug gekracht. Ein Hund zerrte seinen Besitzer von einer Strasse weg, wo unmittelbar danach ein Lastwagen hinschleuderte.

Martin Wikelski ist zurückhaltend, wenn von Vorfällen die Rede ist, die die Fähigkeiten von Tiere metaphysisch erscheinen lassen. Er weist auf den Wahrnehmungseffekt hin: «Man muss sich bei solchen Anekdoten bewusst sein, dass aussergewöhnliche Ereignisse stark in Erinnerung bleiben, während die unzähligen Situationen, in denen nichts Überraschendes geschah, vergessen gehen.»

Dennoch hält der Biologe es für möglich, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Eigenschaften von Tieren belegt werden, die die gängigen Vorstellungen von Lebewesen völlig umstossen könnten. Wikelski zieht einen Vergleich zur Entwicklung der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik vor rund hundert Jahren, die das Weltbild der Physik revolutionierten. «Einen solchen Umbruch halte ich auch in der Biologie für möglich», so Wikelski. Er ist überzeugt, dass die Erforschung der Vorahnungen und des Synchronverhaltens von Tieren noch manche wissenschaftliche Sensation bereithalten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.01.2018, 10:34 Uhr

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