Entschuldigung, sind Sie schwul?

Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung einer Minderheit angehören, sollen vermehrt in Filmen mitspielen.

Die zu fördernden Gruppen sind laut Bafta Menschen, die zu Minderheiten zählen aufgrund von Behinderung, Geschlecht, Rasse, Alter, sexueller Orientierung.

Die zu fördernden Gruppen sind laut Bafta Menschen, die zu Minderheiten zählen aufgrund von Behinderung, Geschlecht, Rasse, Alter, sexueller Orientierung. Bild: Keystone

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Diese Woche hat die Bafta, British Academy of Film and Television Arts, ihre offiziellen Diversitäts-Richtlinien für 2019 vorgestellt. Die Debatte um Diversität im Filmgeschäft ist nach den Oscars 2015 entsponnen, als fast alle Nominierten Weisse waren. Bei Twitter wurde die #OscarsSoWhite-Bewegung ins Leben gerufen, die das mit Hingabe kritisierte und mehr Einbindung von Minderheiten in Hollywood forderte.

Um sich also für die Nomination bei zwei der renommiertesten Bafta-Filmpreise zu qualifizieren – «Bester Britischer Film» und «Bestes Debüt» eines britischen Drehbuchautors, Regisseurs oder Produzenten –, muss bei einem Projekt «wenigstens eine Gruppe prominent und konsequent in einer der vier Kategorien repräsentiert» sein, entweder vor der Kamera, hinter den Kulissen (Regisseur oder Produzent) oder in Form eines Publikum-Engagements. Die zu fördernden Gruppen sind laut Bafta Menschen, die zu Minderheiten zählen aufgrund von Behinderung, Geschlecht, Rasse, Alter, sexueller Orientierung.

Nebst einem Weissen ist in vielen Szenen mindestens ein Afroamerikaner dabei, ein Asiate und ein Lateinamerikaner zu sehen

Grundsätzlich halte ich es für sinnvoll, wenn sich Filmemacher darum bemühen, vermehrt Menschen aus Minderheitengruppen in ihre Projekte einzubeziehen. Das Bewusstsein für Diskriminierung ist in der Branche längst angekommen, es gibt zahlreiche freiwillige Bestrebungen um mehr Diversität. Auch wird die Nachfrage von unterrepräsentierten Gruppen wie den Frauen in Zukunft von alleine weiter steigen, weil man das Potenzial gerade von Frauenrollen lange unterschätzt hat.

Auch bei der Rasse hat Diversität bei bedeutenden US-Produktionen, sichtbar zumindest vor der Kamera und oft im Action- und Fantasygenre, längst eine zentrale Rolle eingenommen – achten Sie einmal auf die ethnische Zusammenstellung, wenn eine Gruppe von Darstellern im Bild ist: Nebst einem Weissen ist in vielen Szenen mindestens ein Afroamerikaner dabei, ein Asiate und ein Lateinamerikaner (und eine Frau). Das Diversitätsbestreben ist so augenscheinlich, dass es teilweise übertrieben bemüht und auch albern wirkt – ein solche Auswahl an Ethnien repräsentiert prozentual weder die Bevölkerung eines Landes noch ist es irgendwo Alltagsnormalität, ausser vielleicht bei der UNO.

Wie bindet man bei einem Wikinger-Film unterrepräsentierte Talente wie Transgender oder Lateinamerikaner ein?

Aber egal. Die Richtlinien sind ja kein Drama. Erfüllt ein Projekt die Vorgaben eben nicht oder hat der Filmemacher keine Lust auf den Zwang, einen Teil seiner Mitarbeiter aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit einzustellen anstatt aufgrund ihrer Verdienste und Qualitäten, hält ihn ja nichts davon ab, seinen Film trotzdem zu drehen. Er wird dann einfach nicht für die Bafta-Nominierung berücksichtigt.

Einige Fragen wirft die Quote aber doch auf. Wie soll ein Produzent denn wissen, wen er anstellen soll, um sich etwa beim Kriterium «sexuelle Orientierung» zu qualifizieren? ‹Entschuldigung, sind Sie schwul?›, kann er ja schlecht fragen. Gibt es einen Fragebogen für potenzielle Mitarbeiter vor Projektstart, wo sie bei der sexuellen Präferenz ein Kreuzchen setzen können? Und wie bindet man bei einem Wikinger-Film unterrepräsentierte Talente wie Transgender oder Lateinamerikaner ein? Wie bei einem Historienfilm, wo der Inhalt auf historischen Figuren und Ereignissen basiert?

Persönlich sehe ich das Unterfangen mehr als soziales Experiment denn als echte Hilfestellung. Was aber klar ist: Wer einer Minderheit angehört, sollte heute schleunigst ins Filmgeschäft einsteigen. Die haben dort nämlich dringend Bedarf. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.06.2018, 10:02 Uhr

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