Hymnen-Boykott: Drama in vier Akten

Sport, diese letzte Bastion der Unschuld, mit Politik zu vermengen und für Kulturkämpfe zu vereinnahmen, ist keine kluge Idee.

Der Videopodcast von Tamara Wernli.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vom Protest einiger NFL-Spieler zur Massen-Hysterie-Bewegung gegen Donald Trump – Chronologie eines Kulturkampfes.

1. Akt. Im Sommer 2016 kniet NFL-Star Colin Kaepernick aus Protest gegen Rassendiskriminierung zur Hymne nieder. Weil aber Flagge und Hymne gerade für Amerikaner wie kaum ein anderes Symbol für Unabhängigkeit stehen, für Zusammenhalt und für gefallene US-Soldaten, fallen die Reaktionen auf Kaepernicks Protest ambivalent aus.

2. Akt. Vergangenes Wochenende protestieren über 150 NFL-Profis nach Kaepernick-Vorlage zur Hymne kniend gegen Polizeigewalt gegen Schwarze. Viele Amerikaner unterstützen den Protest. Etwa genauso viele halten ihn für die Respektlosigkeit einiger privilegierter Millionäre gegenüber ihrem Land, insbesondere gegenüber Kriegsveteranen, die weit weniger privilegiert sind, aber ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um für diese Flagge zu kämpfen.

3. Akt. In einer Anwandlung von Wahnsinn schaltet sich Donald Trump ein: «Würde man es nicht gerne sehen, wenn einer dieser NFL-Besitzer zu jemandem, der unsere Flagge nicht respektiert, sagt ‹nehmt diesen *****sohn vom Feld. Raus! Er ist gefeuert!›», sagt er laut Daily Mail, später ruft er zum Boykott der NFL auf. Jetzt mutiert die «Take a knee»-Demo zur Protestbewegung NFL, Demokraten, Medien gegen Trump. Und weil Trumps Gegner gelegentlich zu ekstatischen Kurzschlussreflexen neigen, schlagen sie vor: Alle sollten nun zur Hymne knien.

4. Akt. Zu Sinnbildern des Streits werden am Sonntag die NFL-Spieler Alejandro Villanueva und LeSean McCoy. Ersterer tritt als Einziger seines Teams aus der Kabine, präsentiert sich zur Hymne stehend, dafür wird er von Konservativen gefeiert und sein Trikot zum Verkaufsrenner. Letzterer entschied sich während des Gesangs für Stretch-Übungen. Was aber macht Tom Brady, Patriots-Legende und Trump-Freund? Kniet er, kniet er nicht? Brady kniet nicht, hakt sich aber solidarisch bei den Teamkollegen ein. Dem US-Radio WEEI sagt er montags: «Sicher widerspreche ich seiner Aussage. Ich finde, sie ist einfach nur entzweiend.» Etwa zeitgleich brilliert Neo-Nationalheld Villanueva bei ESPN mit dem Sportler-Satz des Jahres: Sein Gang aus der Kabine sei ein Missverständnis gewesen, er habe nur die Flagge sehen wollen. Soweit der Überblick.

Der friedliche Protest der Sportler ist legitim – genauso legitim wie die Kritik daran. Auch Trump darf Kritik üben – nur eben, wie ein Staatsmann. Indem er aber die Entlassung der protestierenden Spieler fordert, agiert er nicht nur kleinkariert, mit solchen Aussagen giesst er Öl ins Feuer einer ohnehin gespaltenen Gesellschaft. Auch greift das Argument «verwöhnte Millionäre» nicht, den meisten Spielern sind die Millionen ja nicht in die Wiege gelegt worden. Sie sind zu Idolen geworden, weil sie hart trainiert, viel investiert und viel geopfert haben.

Und dennoch: Auch wenn Verständnis da ist für den Protest, so mutet doch der Ort befremdlich an. Die Sportler beanspruchen für ihre Kundgebung eine Plattform, die für viele ein Zufluchtsort vom Realitätsalltag darstellt, von Sorge und Leid, oder ein behutsam kultiviertes Momentum der Ehrerbietung für vergangene Seelen ist. Den Sport, diese letzte Bastion der Unschuld, mit Politik zu vermengen und für Kulturkämpfe zu vereinnahmen, ist keine kluge Idee. Einen versöhnlichen Abschluss dürfte es hier nicht geben. Es ist keiner da, der die Eskalation aufhalten könnte.

Vorhang. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.09.2017, 11:23 Uhr

Artikel zum Thema

Polizisten beteiligen sich an «Knie»-Protest

Die Protestwelle nach Donald Trumps jüngsten Attacken auf Football- und Basektballstars hat inzwischen auch die Polizei von Chicago erreicht. Mehr...

Alle protestieren gegen Trump – nur einer singt die Hymne

Alejandro Villanueva geht alleine aufs Football-Feld, um die Nationalhymne zu singen. Der Rest seines Teams bleibt in der Kabine. Mehr...

Trump legt sich mit einer ganzen Sportliga an

Der US-Präsident kritisiert neue NFL-Regeln, die Spieler vor schweren Gehirnverletzungen schützen sollen - und erntet dadurch den Spott einer Basketball-Ikone. Mehr...

Kommentare

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Der Boden ist Lava: Eine Frau schaut Kindern zu, wie sie auf beleuchteten Kreisen in einem Shoppincenter in Peking spielen. (22. Oktober 2017)
(Bild: AP Photo/Andy Wong) Mehr...