Jüdischer Hahnenkampf

Debatte über Israelkritik und Alibijuden: Musiker David Klein reagiert auf auf eine Replik von BaZ-Redaktor Joël Hoffmann.

Sind Juden, die Israel kritisieren, Alibijuden für Antisemiten? Ja, findet Musiker David Klein. Nein, meint hingegen BaZ-Redaktor Joël Hoffmann.

Sind Juden, die Israel kritisieren, Alibijuden für Antisemiten? Ja, findet Musiker David Klein. Nein, meint hingegen BaZ-Redaktor Joël Hoffmann. Bild: Keystone

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Genau das ist es, was ich an Markus Somm und der von ihm verantworteten Basler Zeitung (die einzig wirklich ­liberale Schweizer Zeitung) so schätze: Man kommt zu Wort, und zwar ohne jegliche Zensur. Passt irgendjemandem nicht, was man geschrieben hat, kann sich derjenige ebenfalls äussern, ­selbstverständlich auch ohne Zensur.

Versucht man ähnliches bei der Neuen Zürcher Zeitung, erhält man von Chefredakteur Eric Gujer zwar telefonisch die Zusage für einen ausführlichen Leserbrief; der wird jedoch von der zuständigen Auslandsredaktion um die aussagekräftigsten Aussagen gekürzt. Auf Rückfrage wird einem beschieden, die Redaktion wolle «nicht diskutieren», take it or leave it.

Wie im Circus Maximus

Zugegeben, dass man für die Replik auf den Artikel eines Juden über ­«Alibijuden» mit Joël Hoffmann ausgerechnet einen (Alibi-)Juden in den Ring schickt, mutet reichlich keck an, aber auch das gehört zum erfrischend konträren Stil der Basler Zeitung.

Man kommt sich ein wenig vor wie im Circus Maximus in Rom: Zwei Juden treten gegeneinander an, während sich der Plebs daran ergötzt. Okay, das ist wohl etwas hoch gegriffen. Das Gekabbel dieser zwei Juden erinnert eher an zwei zerzauste Gockel in einem Hinterhof-Hahnenkampf.

Der Vergleich hinkt

Mich treibt jedoch etwas ganz ­anderes um: Auf welchen Artikel bezieht sich Hoffmanns Replik? Ich habe die Ausgabe der Basler Zeitung vom 27. Juli mit meinem Artikel über «Alibijuden und die Israelkritik» ­mehrmals aufmerksam durchgelesen und konnte keine Äusserungen ­entdecken, auf die sich Hoffmann bezieht. Denn ich nenne keineswegs «deutschnationale Juden als ersten Auswuchs jüdischen Selbsthasses», wie Hoffmann behauptet, sondern bezeichne den «Verband nationaldeutscher Juden» als «eine der absonderlichsten Verirrungen deutscher Juden während der Gewaltherrschaft der Nazis».

Auch Hoffmanns Vergleich mit Theodor Herzl hinkt gewaltig, denn dieser hat sich nie zum Handlanger der Nazis gemacht. Ich «verbitte» mir auch mit keinem Wort «in Bezug auf Israel pauschal eine pluralistische jüdische Gemeinschaft», noch propagiere ich, Juden hätten «wohl alle stramme­ ­Zionisten zu sein».

Und schon gar nicht spreche ich Juden ab, «gescheite, dumme oder unfaire Israelkritik» zu äussern, wie Hoffmann mir unterstellt. Zudem hätte die Absicht, Juden abzusprechen, «unterschiedliche und auch dumme Meinungen zu vertreten» – was ich nirgendwo in meinem Text tue – nicht das Geringste mit Antisemitismus zu tun, auch das sollte Hoffmann eigentlich wissen.

Weniger inhaltsarme Begriffe

Was sich dem durchaus verdienten Journalisten Hoffmann trotzdem – oder weil er selbst Jude ist – nicht zu erschliessen scheint, bringt Kommentator Dieter Mattmüller auf baz.ch mühelos auf den Punkt: «Nun, was Klein schreibt, ist nichts Neues: Werden israelische Zeitungen zitiert, ist es die linksextreme Haaretz; werden Israelis zu den Siedlungen interviewt, sind es Siedlungsgegner; werden Juden zum Konflikt mit den Arabern befragt, sind es solche, die einer israelfeindlichen NGO angehören oder einer Partei, die Netanyahu schaden will. Meistens fehlt ganz zufälligerweise der Gegenpart, sodass eine sachliche Information schlichtweg auf der Strecke bleibt.» Ich möchte daher meinem geschätzten Kollegen raten, bei der nächsten Replik weniger mit inhaltsarmen Begriffen wie «absurd», «wirr», «Schmonzes» oder «Pamphlet» zu hantieren, sondern sich sorgfältiger mit der zu ­kritisierenden Materie zu befassen und auf die Macht der eigenen, gegebenenfalls besseren Argumente zu vertrauen. Dann braucht es auch keine ­Alibijuden, weder solche von der Basler ­Zeitung, noch sonst ­irgendwelche.

David Klein ist Musiker und Komponist. Er lebt in Basel. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.08.2017, 11:15 Uhr

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Vom Alibijuden

Von Joël Hoffmann
David Klein, einer der wohl grössten Intellektuellen unserer Zeit, inspirierte mich zu meiner ersten Triplik: In ­bester ­kleinscher Denktradition ­reduziert er meine politischen Ansichten auf ­meinen jüdischen Hintergrund und nennt mich einen Alibijuden. Ich bewundere David Klein für sein ­einfaches und stringentes Weltbild, das ich sonst nur von ­Antisemiten ­linker und rechter Couleur kenne.
joel.hoffmann@baz.ch

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