Für immer aufgestiegen

Der Schweizer Alpinist Ueli Steck (40), «the Swiss Machine», stirbt am Sonntag nahe des Mount Everest.

Dem Himmel entgegen. Ueli Steck: «Es hat mir einfach Spass gemacht, immer höher zu steigen.»

Dem Himmel entgegen. Ueli Steck: «Es hat mir einfach Spass gemacht, immer höher zu steigen.» Bild: Robert Boesch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das T.U. Teaching Hospital liegt ein paar Seillängen nördlich vom Zentrum Kathmandus und 160 Kilometer Luftlinie vom Mount Everst entfernt. Wenn Bergsteiger solo unterwegs sind und von den Flanken der Achttausender in den Tod stürzen, kommen sie in das «Kathmandu Autopsie-Zentrum», wo versucht wird, etwas Licht in ein grosses Dunkel zu bringen. Seit vergangenem Sonntag liegt Ueli Steck dort.

Steck war am Sonntagmorgen bei viel Wind am 7861 Meter hohen Nuptse unterwegs, nur ein paar Kilometer vom Mount Everest entfernt. Er tat das, was er als aktive Akklimatisierung bezeichnete, er trainierte, solo, weil sein Partner Tenji Sherpa im Basislager ein paar Frostbeulen an den Händen auskurieren wollte. Offenbar befand sich Steck auf einem Eisfeld, verlor dort gegen zehn Uhr Ortszeit den Halt, kam ins Rutschen und fiel 1000 Meter in die Tiefe. Maurizio Folini erzählte das, ein italienischer Helikopterpilot, der den geborgenen Steck nach Kathmandu ins Autopsie-Zentrum flog. Wann die Leiche freigegeben wird, ist noch unklar. Begraben werden soll Steck in Nepal, das für ihn war wie Shangri-La, dieser sagenumwobene, paradiesische und fiktive Ort im Himalaya. Stecks letzte öffentliche Worte sind ein Facebook-Eintrag vom 26. April: «Ich liebe es hier, es ist so ein schöner Ort.» Vier Tage später starb er, als er tat, was er am besten konnte, was ihm Seele war und Sucht und ohne das er nicht hätte leben können. Und es mag eine tröstliche Vorstellung sein, dass Steck, wenn er im Himmel angekommen ist, dort wohl jede Wolke besteigen wird.

Steck war in diesen Tagen in jenen Bergen, die die Erde mit dem Himmel verbinden, um wieder einmal der grandiosen Geschichte des Alpinismus ein weiteres glorreiches Kapitel hinzuzufügen und um sich selbst zu verwirklichen. Es sei, sagte er im Vorfeld, technisch im Vergleich zu seinen vorherigen Touren im Himalaya eine weniger anspruchsvolle Tour. Ihr Schwierigkeitsgrad liege im Mentalen und im Physischen. Steck wollte zusammen mit dem 26-jährigen Tenji Sherpa ohne Sauerstoff in maximal 48 Stunden zuerst den 8848 Meter hohen Mount Everest über die Südwestwand, den Westgrad und dann – auf der Nordseite des Berges, durch den Hornbein-Couloir – besteigen. Vom Dach der Welt aus wären die beiden den klassischen Weg über den Hillary Step zum Südsattel auf etwa 8000 Meter abgestiegen und hätten von dort den 8516 Meter hohen Lhotse bestiegen. Von dessen Gipfel wären sie ins Tal des Schweigens auf die gängige Südroute des Everests abgestiegen, um schliesslich als Helden im Basislager auf 5500 Meter einzumarschieren. Das war der Plan gewesen und auch ein weiteres, epochales Stück des steckschen Aufstiegs in den Olymp alpiner Unsterblichkeit.

Der beste Bergsteiger der Welt

«Scheitern heisst für mich: Wenn ich sterbe und nicht heimkomme», sagte Steck einem Interview mit dem Tages-Anzeiger. Mit 18 Jahren wurde der Emmentaler professioneller Berg­steiger, und fast 22 Jahre lang kam er immer wieder nach Hause, wo seine Frau Nicole auf ihn wartete und keine Kinder. Nicht immer hatte er den Gipfel im Gepäck, und wenn man die Interviews liest, die er zu Hause nach misslungenen Gipfelstürmen gab, kommt es einem vor, als ob er doch ein wenig ob des Scheiterns leblos zumindest geworden war. Steck war natürlich ein begnadeter Bergsteiger und ein Künstler im Fels, er war eine Inspiration, hatte eine Pumpe wie eine Lokomotive, war mental hart wie Granit, und seine Schmerzgrenze schien gelegentlich über dem Mount Everest zu liegen. Steck war aber auch so ehrgeizig, wie die Nordwände der Alpen und die Südwände des Himalayas hoch sind. Seine berufliche Flughöhe war die alpine Stratosphäre, er wollte der beste Bergsteiger der Welt werden, und als er es vielleicht war, wollte er noch besser werden. Es schien, als ob er die Grenzen des Möglichen und des Menschlichen andauernd entgrenzen wollte. Es gibt nicht wenige, die sagen, dass es an ein Wunder grenze, dass er trotz dieser Melange so lange heil wieder nach Hause ge­kommen sei.

Sein Leben dauerte 40 Jahre und ein paar Monate. 22 Jahre davon war er stets dem Himmel sehr nahe und dem Tod auch. Und er war sich nahe, seiner Leidenschaft, seiner Berufung, seiner Sehnsucht nach dem Spüren von Leben, dem Aufenthalt in Intensität und entstiegen einer Gesellschaft mit Versicherungsmentalität. Wie oft ist er nur beinahe gestorben, als er auf dem Grat der höchsten und der letzten Gefühle rannte? 2007 ganz sicher, als er an der Südflanke des Annapurna von einem Stein getroffen wurde, 300 Meter in die Tiefe rutschte und bewusstlos liegen blieb und, als er wieder aufwachte, mit einer tonnenschweren Hirnerschütterung halb tot schon ins Basislager torkelte.

Sicher auch in der Eigernordwand mit Profi-Bergsteiger Stephan Siegrist, der im selben Dorf lebt, in dem Steck zu Hause war, in Ringgenberg bei Interlaken. Sie entdeckten das Klettern gemeinsam und das Glück, das es einem geben kann, und all die Gefühle, die es im Tal nicht zu geben scheint. Sie waren Freunde, sind es geblieben, aber nur irgendwie. Siegrist stieg vor damals, Steck wartete, sie konnten sich nicht sehen und nicht hören. Steck dachte, jetzt hat der Steff einen Halt und alles gesichert, und Steck kletterte mit Jumars am Seil hoch, aber Steff hatte noch keinen Halt, und als er Stecks Gewicht spürte, 80 Kilo mit Materialrucksack, krallte er sich mit Eispickeln und Steigeisen in den Fels, und hoffte, dass alles hält und er durchhält. Das ist der seidene Faden zwischen Aufstieg und Fall.

Mitte Juni 2013 sitzt Steck zusammen mit Siegrist und den Bergsteiger-Cracks Dani Arnold und Roger Schaeli am Fusse der Eigernordwand, dort, wo vor 75 Jahren die Helden der Erstbesteigung ihr Basislager aufgeschlagen haben; Interviewtermin unter freiem Himmel. Steck wirkt, als ob er wegen schlechten Wetters fünf Tage im Zelt im Basislager verbracht hätte. Er war introvertiert, leise, ein bisschen mürrisch auch. Steck hatte keinen Lauf zu dieser Zeit, sein letztes wirklich gutes Jahr war 2011, als er unter anderem den Shishapangma in Speedmanier bezwang, aber seither schien er in den Seilen zu hängen, und Schlagzeilen machten andere. Den Eigernordwand-Speed-Rekord hatte er vor zwei Jahren an Dani Arnold verloren. 2012 war er auf dem Mount Everest, aber das haute keinen Eskimo mehr vom Schlitten, und im Mai 2013, als er einen Speed-Rekord auf den Everest aufstellen wollte, kam es vor laufenden Kameras zu einer Prügelei mit Sherpas, weil der Individualist über ein Fixseil der Sherpas gestiegen war und Eisklumpen losgetreten hatte, die den Shepras hätten gefährlich werden können. Steck musste fluchtartig den Berg verlassen und eine ganze Saison im Champions-League-Gebirge abschreiben, all das Bergsteigen, die Freiheit und das Erklimmen jener Grenzbereiche, in denen sich das Sein im permanenten Höhenrausch befindet und die Existenz im Einklang mit allem.

Im Oktober, immer noch 2013, ist Steck wieder im Himalaya, am Annapurna, weit weg vom Everest. Der Annapurna ist einer der am wenigsten bestiegenen Achttausender und einer der gefährlichsten. Fast jeder vierte Berg­steiger kommt von dort nicht zurück. Steck will, wieder, die Südwand hoch, 3000 Meter sind das, Höllenmeter. Zweimal scheiterte er schon, wie erwähnt 2007, und dann 2008, als er zusammen mit Simon Anthamatten durch die Wand auf den Gipfel wollte. Zwei Spanier waren auf 7400 Metern in Not geraten, Steck stieg hoch, brachte Medikamente. Einer konnte absteigen, der andere starb in Stecks Armen. Es war wohl die selbstloseste Tat des schnellsten Bergsteigers der Welt. Und der Moment, als er nicht nur den Tod, sondern auch das Sterben kennenlernte.

Der Schatten neuer Sphären

Und jetzt der dritte Versuch an der Südwand. Solobegehung, klar, neue Route, sowieso, kein Sauerstoff, selbstverständlich. 17 Stunden braucht er für auf den Gipfel, den er am 10. Oktober um ein Uhr nachts erreicht, und zurück; Die Tour gilt sofort als ein Quantensprung in der Geschichte des Bergsteigens. Aber über den jetzt definitiv gesicherten, ewigen Sonnenplatz im Berg­steiger-Olymp zogen unverzüglich Wolken, die bis heute noch festhängen. Steck konnte nicht beweisen, dass er auf dem Gipfel war, weder mit einem Foto (wie üblich) noch mit GPS-Track. Steck sagte, er hätte seinen Handschuh und die Kamera verloren, den GPS-Track hätte er vergessen zu aktivieren. Ausgerechnet Steck, der Perfektionist, der alles bis ins kleinste Detail plante, um das Risiko zu minimieren.

Bis auf eine Höhe von 7000 Metern wurde Steck damals noch vom vorgelagerten Basislager aus gesehen, danach nicht mehr. Wieder im Tal, konnte er nur wenig Angaben zu seiner Route machen. Er gab wenig Interviews, obwohl er grad das Höhenbergsteigen in eine neue Form der Machbarkeit katapultiert hatte. Vier Monate später bestätigte plötzlich ein Sherpa, dass er das Licht von Steck auch oberhalb von 7000 Metern, also auf dem Weg zum Gipfel gesehen hätte – vier Monate.

Stephan Siegrist rief ihn an und fragte, was Sache sei. Was Siegrist von Steck als Antwort bekam, geriet nie an die Öffentlichkeit, aber was Siegrist mir ein Jahr später in seinem Haus in Ringgenberg erzählte, war, dass dieses Telefongespräch ihre Freundschaft verändert habe.

Die Liga der Gebirgshelden

2014 erhielt Steck für die Annapurnawand den Piolet d’Or, den Bergsteiger-Oscar, die Schatten blieben trotzdem und in der Szene kam das nicht unbedingt gut an, und all jene, die Steck ohnehin für zu egoman und ehrgeizig hielten, fühlten sich bestätigt. Die Frage, ob Steck damals eine Sternstunde des Alpinismus gelungen ist oder die schlimmste Entscheidung seines Lebens wird jetzt wohl für immer unbeantwortet bleiben.

Stecks Stern verlor an Strahlkraft in den letzten Jahren. Er verzichtete auf die ganz grossen Himalaya-Auftritte, holte sich zwar mit 2,22 Stunden den Eigernordwand-Speed-Rekord zurück, bestieg in 62 Tagen alle 82 Viertausender in den Alpen und legte den Weg von einem zum andern Gipfel entweder zu Fuss, mit dem Fahrrad oder dem Gleitschirm zurück. Das sind alles einsame Spitzenleistungen, natürlich, aber es sind keine Besteigungen, wenn einer der beste Bergsteiger der Welt bleiben will. Und es sind keine, mit denen Steck und seine Sponsoren auf den Titelseiten einer Zeitung einen Platz auf sicher haben.

Es schien, als ob der Held der Berge, zumindest in der Öffentlichkeit, ein bisschen weniger heroisch geworden war, und vielleicht sollte das Everest-­Lhotse-Projekt ihn, der dem Ende seiner Bergsteigerkarriere entgegenstieg, ein letztes Mal in die Liga der aktiven Gebirgshelden zurückbefördern. Abgesehen davon, dass er wahrscheinlich noch bereit war für ein Leben, bei dem er alle Höhenunterschiede zwischen Leben und Tod durchsteigen konnte.

Er wirkte, so erzählen jene, die ihn getroffen haben, bevor er sich dieses Jahr zum Himalaya aufgemacht hatte, nachdenklich. Dem ehemaligen BaZ- Redaktor Andreas W. Schmid sagte er in der Coop-Zeitung: «Wie viele Bergsteiger sind nach dem 40. Lebensjahr verunglückt! Ich werde sicher nicht mein ganzes Leben lang irgendwelchen Rekorden nachjagen.»

Wahrscheinlich liegt die Tragödie in Stecks Leben nicht einmal so sehr in diesem tödlichen Ausrutscher am Nuptse. Sie begann schon viel früher. In einem Radio-Interview sagte er einst: Er kämpfe wohl nicht gegen den Berg, sondern gegen seine eigenen Zweifel. Er musste sich immer selbst beweisen, dass er der beste Bergsteiger ist und der schnellste, und er musste immer noch einen Schritt weiter gehen, um zu wissen, wie weit er noch gehen kann, und dann noch einen, und am Sonntag ging er, als er trainierte für einen grossen Schritt, einen kleinen zu weit.

Vor drei Jahren am Annapurna, diesem Schicksalsberg für Stecks Karriere und Psyche, an dieser Südwand, sei etwas passiert, erzählte er dem SRF-Journalisten Mathias Morgenthaler. Er habe da hochgewollt, um jeden Preis, und sei der Preis auch sein Leben.

Dass er jetzt starb, im Training ­sozusagen, auf vergleichsweise leichtem Terrain auf für ihn läppischen 7000 Metern über Meer, ist wohl das, was man Ironie des Schicksals nennt. Aber er starb bei dem, was ihm sein Leben und ihm Sinn gab, und er kannte den Deal.

In seinem Buch «8000 + Aufbruch in die Todeszone», steht: «Einfach fühlen, wie alles aufgeht, ohne zu leiden … Ich spürte eine Leichtigkeit … Es hat mir einfach Spass gemacht, immer höher zu steigen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.05.2017, 09:16 Uhr

Artikel zum Thema

Rettungspilot war ein Schweizer Freund von Steck

Video Maurizio Folini fliegt zur Absturzstelle auf 5600 Metern Höhe, doch für Ueli Steck kommt jede Hilfe zu spät. Wie der Helipilot den Moment der Bergung seines Freundes beschreibt. Mehr...

Morddrohungen am Everest und Eiger-Rekord

Bergsteiger Ueli Steck musste in seinem Leben am Limit immer wieder extreme Situationen meistern. Das waren Ueli Stecks Meilensteine. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

#covfefe? Angela Merkel bedient das fedidwgugl-Haus in Berlin - und wir schütteln den Kopf ab dem sonderbaren Wahlslogan #fedidwgugl: Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben (18. August 2017).
(Bild: Michael Kappeler) Mehr...